Von der Revolution zum Waschküchenschlüssel

Immer wieder verlangt die Kritik vom Schweizer Film mehr Haltung. In den Dokumentarfilmen an den 49. Solothurner Filmtagen zeigt sie sich auf vielfältige Weise.

Zwischen Protest und Kriminalität: «Mon père, la révolution et moi» (Regie: Ufuk Emiroglu).

Zwischen Protest und Kriminalität: «Mon père, la révolution et moi» (Regie: Ufuk Emiroglu). Bild: PD

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Es ist während der Filmtage ja stets der ewige Kreislauf der Ansprüche zu spüren und die alt-neue Lust an der Definition, was der Schweizer Film sei in seinem Wesen, was er solle und müsse, als Geschäft und moralischer Kompass. Dazu sind die Solothurner Filmtage geradezu erfunden worden.

Aber je älter sie werden (und viele Besucher mit ihnen), desto geschmierter läufts natürlich mit dem Einschlagen von Definitionspflöcken. Die Rhetorik des Anspruchstellens wurde etwas mechanisch. Man hat das in den letzten Jahren sehr schön beobachten können: Die Forderung nach Mut und «Haltung» und die Klage über ihren Mangel waren immer; und von da kam man gern auf den Begriff von der «Universalität des Eigenen» beziehungsweise auf die Frage, wie es «der» Schweizer Film mit der Welt halten solle.

Wobei eine Weile der Vorwurf am stärksten war, es werde in ihm zu viel gejodelt in meist höher gelegenen ländlichen Gegenden; er müsse vom Berg herunter in die Stadt. Und als er es tat, wurde das Wort «Radikalität» äusserst beliebt. Und jetzt, an den 49. Solothurner Filmtagen, heisst es wieder, etwas sanfter, «Haltung», die in ihrem Geschichtsbewusstsein nicht zu sehr Unterhaltung sein dürfe. Wie immer ist das alles ganz richtig, aber die Schweizer Filme (nicht «der» Schweizer Film) machen dann doch, was sie wollen – Gott sei Dank und manchmal leider.

Waffennarren und Zuhälter

Zum Beispiel im Dokumentarischen, das ohnehin ein Kerngeschäft der Filmtage ist. Ein weites Spektrum. Der Klang von Jodel und Alpsegen ist wirklich viel leiser geworden. Eigentlich traf einen das Schweizklischee nur einmal so richtig schmerzhaft: Das war im Dokumentarfilm «Heritage – The Descendants of William Tell» des im Tessin lebenden Argentiniers David Induni. Er handelte vom Schützenwesen. Die Schützen erzählten dem Filmemacher viel vom erzieherischen Nutzen eines Sturmgewehrs und manchen Unsinn vom öffentlichen Waffentragen als Ausdruck von freiem Bürgersinn. Der Regisseur glaubte alles und wurde selber ein bisschen waffennärrisch, schien es, und jedenfalls fand da einer tatsächlich keine Haltung, weder zu seinem Glauben noch zur Realität.

Sein Bestes gibt uns der Dokumentarfilm ja dann, wenn er Haltung nicht zeigt, sondern einfach hat. Wenn er still wird in seinem Mitgefühl wie Kaveh Bakhtiaris «L’escale» (TA vom 27. 1.). Wenn er staunt und zweifelt und fragt wie «Die Reise zum sichersten Ort der Erde», wo der Basler Edgar Hagen sich bewundernd wundert über die weltumspannende Tätigkeit eines Spezialisten für Atommüll, dessen Spezialistentum darin besteht, eine für Jahrtausende sichere Müllhalde zu suchen. Er hat die praktische Lösung noch nicht gefunden, und also ist das ein komplexer, lösungsloser Film. Er könnte einer blossen Haltung die Sprache verschlagen. Aber selten hat man so unmittelbar begriffen, dass der Mensch eine Pandorabüchse geöffnet hat.

Zärtlich oder «verzärtelnd»

Vielleicht ist auch die schlichte Menschenfreundlichkeit eine Haltung. Oder die Liebe, selbst die gegen besseres Wissen. Oder der Gedanke, dass man woher kommt, obwohl man woanders aufgewachsen ist. Dann hat der Film «Mon père, la révolution et moi» von Ufuk Emiroglu Haltung in hohem Mass. Am Anfang weht die türkische Flagge, obwohl es die Autorin, geboren 1980, früh in den Neuenburger Jura verschlug, wo sie als Kind mindestens so schweizerisch werden wollte wie das Heidi. Jedoch bei ihrer Geburt hätten sich, wie sie sagt, die «Feen der Revolution» über ihre Wiege gebeugt, die Geister des linken Widerstands gegen die türkische Militärregierung in den 70er-Jahren; und ihr Vater war ein Held dieser Revolution. Sie hat ihn verehrt, auch noch als er ein ganz kleiner, unheldischer Mann wurde, der im schweizerischen Exil Geld fälschte und seinen Kindern das Taschengeld stahl und nicht mehr unterscheiden konnte zwischen Revolution und Kriminalität. Sie liess sich diesen Helden nicht nehmen, und sie suchte ihn, contre-cœur, aber von Herzen, und fand ihn wieder in der Erinnerung alter Genossen in der Türkei. Daraus wurde einer der zärtlichsten Solothurner Filme.

Vielleicht ist «zärtlich» auch der richtige Begriff für den Dokumentarfilm «Tino – Frozen Angel» des Journalisten Adrian Winkler. Oder: verzärtelnd. Die Haltung kann sich ja auch irren und doch respektabel bleiben in ihrer Konsequenz. Dieser Film – eher eine archivische Kompilation – erzählt von Martin Schippert, der in Zürich als Halbstarker begann, erster Präsident der Schweizer Hells Angels wurde und am Ende unter einem bolivianischen Mangobaum starb, man weiss nicht recht, warum. Der Schleier der nostalgischen Zärtlichkeit legte sich unangenehm dicht über seine Aktivität als Räuber, Zuhälter, Vergewaltiger und Flüchtling: Dieser Tino wurde einem sympathisch als gepflegter Zürcher Mythos. Einmal kackte er in Farbe über eine Schweizer Flagge und nannte es Anarchie. Seinen Spitznamen, «Frozen Angel», soll davon gekommen sein, dass er auch bei Wind und Schnee Motorrad fuhr, bis ihm der Bart einfror.

Und da war dann noch diese Geschichte vom Waschküchenschlüssel: «La clé de la chambre à lessive». Das Regieduo Floriane Devigne und Fred Florey hatte die Kamera im Eingangsflur an der Rue de Genève 85 in Lausanne positioniert. Dort lag eine Waschküche, und der Flur wurde Bühne. Die Afrikanerin Claudina versuchte, Ordnung zu bringen in die leise und laut vorgebrachten Waschbedürfnisse. Das war logistisch nicht einfach. Das System funktionierte wirklich nicht perfekt, aber ein besseres gabs nicht. Man könnte hier von der haltungsvollen Skizze einer multikulturell gelebten Demokratie sprechen.

Erstellt: 29.01.2014, 09:38 Uhr

Trailer: «Mon père, la révolution et moi»

Multikulturell gelebte Demokratie: «La clé de la chambre à lessive» (Regie: Floriane Devigne, Fred Florey). (Bild: PD)

Trailer: «Die Reise zum sichersten Ort der Welt»

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