Interview

«Die Riesenfüsse gehen auf Darwin zurück»

Vor dem Filmstart des «Hobbit» erläutert Philosoph und Tolkien-Experte Frank Weinreich die Psychologie und Physiognomie der Hobbits – und inwiefern die Winzlinge Schweizern gleichen.

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Herr Weinreich, Hobbits sind klein und gemütlich, mögen gutes Essen, leben in einem beschaulichen Land. Mit dem Rest der Welt – also Zauberern, Zwergen, Elben – wollen sie am liebsten nichts zu tun haben. An wen erinnert Sie das?
Sie haben den wichtigsten Punkt vergessen: dass Hobbits ein grosses Herz haben. Auch einen starken Willen und viel Mut. Eigenschaften, die durch besondere Ereignisse herausgekitzelt werden. Diese Charakterisierung erinnert…

…an die Schweizer – darauf wollte ich hinaus.
(lacht) Dann fehlen aber die Uhren. Und schaut man sich die Hobbit-Gesellschaft an, haben wir eine patriarchalische Gesellschaft. Hobbits werden erst mit 33 erwachsen und verbringen einen Grossteil ihres Lebens unter der Vormundschaft des Vaters.

Also keine Schweizer. Für wen stehen die Hobbits?
Sie stehen für die englische Landbevölkerung. Tolkien war ein konservativer Mensch, der gerne in die Vergangenheit schaute. Das war aber kein blauäugiges Zurückschauen, er war hochgelehrt und wusste sehr wohl, wie man im Mittelalter gelebt hatte und dass es kein angenehmes Leben war. Er hat das aber, als er die Hobbits schuf, ausgeblendet und die guten Seiten bewusst idealisiert.

Wieso?
Ein berühmter Satz von Tolkien lautet: «Ich selbst bin in allem, ausser der Grösse, ein Hobbit.» Das erklärt sich zu grossen Teilen aus seiner Biografie. Tolkien musste mit neun Jahren aus einem idyllischen englischen Dorf nach Birmingham ziehen. Die Stadt war damals, um die Jahrhundertwende, eine Ausgeburt der Industrialisierung. Sein Vater war schon lange tot, die Mutter starb, als er zwölf war. Die Erfindung des beschaulichen Auenlands muss auch als eine Art Kompensationshandlung gesehen werden.

Das ist die biografische Erklärung. Wieso funktioniert ein Hobbit noch heute für Millionen andere Menschen als Identifikationsfigur?
Weil in diesen gemütlichen Leuten eine Menge drinsteckt. Es sind letztlich willensstarke Menschen, die etwas bewegen. Im «Hobbit» retten sie die Zwergennation, im «Herr der Ringe» gar die ganze Welt. Auch die einfache Lebensweise dürfte heute reizvoll sein: keine Handys, keine Computer, Stichwort Landlust.

Wieso haben Hobbits eigentlich überdimensionierte Füsse? Ist das eine Metapher?
Nein, eher eine kleine, lustige Schrulle, die auf Darwins Evolutionstheorie zurückgeht: Hobbits sind Menschen, die im Laufe der Zeit immer kleiner wurden und sich aus den grossen Händeln heraushalten wollten. Dazu zogen sie sich in Wälder und Moore zurück. Dort blieben ihre Füsse gross, weil sie mehr Halt gaben, als wenn sie mitschrumpften.

Die spitzigen Ohren erinnern an die Elfen. Gibts da eine Verwandtschaft?
Das steht nirgendwo bei Tolkien, ist aber ein grosser Streit unter Experten. Wahrscheinlich rühren die spitzigen Ohren von traditionellen Vorstellungen von Märchenwesen her. Gerade in Grossbritannien stellt man sich solche oft mit spitzigen Ohren vor. Irgendwann rutschte diese Vorstellung dann in die Illustrationen von Tolkiens Werk.

Stimmt es, dass in den Büchern kein Hobbit zum Mörder wird?
Es gibt Hobbits, die an der grossen Schlacht von Wasserau, gut 250 Jahre vor der «Hobbit»-Geschichte, Orks töten. Doch es gibt keine Hobbits, die andere Hobbits töten. Ausser einem natürlich.

Gollum.
Genau. Gollum hiess früher ja Sméagol. Als solcher tötete er seinen Verwandten Déagol, um an den Ring zu kommen.

Wieso ist Sméagol moralisch derart schnell verdorben? Bilbo kann der Kraft des Rings ja 61 Jahre lang widerstehen.
Entweder ist Sméagol ein besonders schwacher Hobbit, oder es gibt hier tatsächlich gewisse Inkonsistenzen. Allerdings trägt Bilbo den Ring nicht, sondern bewahrt ihn in einer Schatulle auf.

Gollum ist der heimliche Star in Tolkiens Werk. Er ist auch ein beliebtes Objekt für Interpretationen. Was sehen Sie in ihm? Steht er für Suchtverhalten oder für einen Menschen mit Persönlichkeitsstörung?
Vielleicht. Meiner Meinung nach zeigt Tolkien durch Gollum auch die Stärke der Hobbits. Selbst nach 500 Jahren Ringtragens findet er fast zu seinem Hobbit-Selbst zurück. Kein Mensch hätte diese Kraft besessen.

Und trotzdem erliegen auch die Hobbits dem Ring.
Ja, das ist die zentrale Aussage: dass niemand stark genug ist, dem Ring zu widerstehen. Genauso wie kein Mensch genug stark ist, der Sünde zu widerstehen. Tolkien war Katholik, seine Botschaft lautet: Wir können das Heil nur erlangen, indem Gott uns rettet. Deshalb konnte Tolkien Frodo den Ring nicht selber in den Schicksalsberg werfen lassen. Frodo musste gerettet werden. Und diese Aufgabe kam Gollum zu.

Gollum ist, um es mit Jung zu sagen, die Schattenpersönlichkeit von Frodo. Wie sieht das mit Bilbo, der Hauptfigur im «Hobbit», aus? Ist er ähnlich konstruiert?
Bilbo ist einfacher konstruiert. «Der Hobbit» ist ja eine Geschichte, die Tolkien am Kamin frei seinen Kindern erzählte. Nur auf Wunsch seines Sohns Michael schrieb er die Geschichte auf. Grosse psychologische Strukturen sind in dieser Kindergeschichte nicht enthalten. Die entwickelt er erst im «Herr der Ringe».

Keine guten Voraussetzungen für den Film.
Es ist ja wieder «eine Verfilmung nach Motiven von Tolkien», keine Verfilmung des Buchs. Dann kann das eine ganz charmante Story werden.

Wer ist Ihr Lieblingshobbit?
Ganz klar Sam.

Wieso?
Weil er nochmals deutlich stärker ist als Frodo – den er bezeichnenderweise trägt. Sam ist der Einzige, der wirklich freiwillig den Ring abgibt.

Sind Sam und Frodo schwul?
Nichts lag Tolkien ferner. Es ist eine platonische Männerliebe, die er selbst erfahren hat als Jugendlicher und später als Mitglied der Inklings, eines Zirkels von Schriftstellern und Literaturliebhabern.

Nun diskutieren wir – wie viele andere Menschen – ernsthaft über die Psyche von fiktiven Märchenfiguren aus Mittelerde, als ob sie gelebt hätten. Ist Tolkien der Ur-Nerd?
Das finde ich nicht. Die fantastische Literatur ist nichts anderes als der Spiegel unseres realen Lebens. Wenn ein Zauberer bei einem wichtigen Zauberspruch versagt, dann haben wir das auf einem viel weniger dramatischen Level selber schon einmal erlebt. Es handelt sich um Urbilder, um nochmals Jung zu bemühen, Archetypen aus Sagen, aber auch aus Wissenschaft und Technik. Da kann man guten Gewissens mit rotem Kopf hoch engagiert stundenlang über fiktive Charaktere diskutieren.

Sie sehen Tolkien als Realist?
Genau. Im Sinn von: Gute Fantastik ist nicht fantastisch. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.12.2012, 14:30 Uhr

Frank Weinreich ist Doktor der Philosophie. Seit 2001 ist er freiberuflich mit den Schwerpunkten praktische Philosophie, Ethik, Bildung, Technologiefolgenabschätzung, Mythologie und Fantasyliteratur tätig. Bekannt wurde er vor allem durch seine Arbeiten zum Werk J.R.R. Tolkiens, als Mitherausgeber des wissenschaftlichen Jahrbuchs der Deutschen Tolkiengesellschaft und als Autor von Sekundärliteratur zur Fantasy im Allgemeinen. (Bild: Christoph Möschke)

Trailer

Film

Peter Jacksons «Der Hobbit» startet am 15. Dezember in Schweizer Kinos. Lesen Sie bereits morgen an dieser Stelle die erste Besprechung des Films.

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