Momentaufnahmen

Was für ein verdammtes Glück

Ein verliebter Teenager durfte 1955 einen Nachmittag lang Marilyn Monroe auf den Strassen von New York filmen. Seine Bilder sind nun in Zürich zu sehen.

Flüchtig und grobkörnig: Die Bilder von Marilyn Monroe, gefilmt 1955 in New York, sind eine kleine Sensation. Film: Peter Mangone

Flüchtig und grobkörnig: Die Bilder von Marilyn Monroe, gefilmt 1955 in New York, sind eine kleine Sensation. Film: Peter Mangone

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Es hat für Peter Mangone nie eine andere Frau gegeben als Marilyn Monroe, sein Leben lang nicht. Und als er im vergangenen Dezember starb, mit 73 Jahren, da verpasste er nur um wenige Tage den Aufruhr, den das Denkmal seiner Liebe plötzlich verursachte. Seine Bilder von Marilyn nämlich, Film-Stills, um genau zu sein, extrahiert aus den paar Minuten eines verwackelten Amateurfilms, den er im Frühling 1955 gedreht hatte.

Damals war er 14, ein magerer, kleiner Italoamerikaner aus der Bronx mit grossen Ohren und einem schwärmerischen Herz, das Marilyn gehörte. Sie war 29, gerade nach New York gezogen, und lebte für ein paar Wochen im Gladstone Hotel. Sie war frisch von Joe DiMaggio geschieden, nahm Schauspielunterricht bei Lee Strasberg und hatte mit dem Fotografen Milton Greene eine eigene Produktionsfirma gegründet.

Tagelang ausgeharrt

Sie wolle ein Gefühl für sich selbst entwickeln, schrieb sie in ihr Tagebuch, «ich kann und will mir selbst helfen und Dinge analytisch ergründen, ganz gleich wie schmerzhaft». Vielleicht gehörte der Nachmittag mit Peter Mangone auf der Fifth Avenue mit zu dieser Selbstergründung. Ein Nachmittag, den sie ihm gewährte, nachdem er tagelang die Schule geschwänzt und vor dem Gladstone ausgeharrt hatte, im Sonntagsanzug, mit der 8-mm-Kamera seines Bruders.

Bis dahin hatte sie Peter schon Tickets für die U-Bahn geschenkt, wenn es regnete, und mit ihm Rezepte für Fleischbällchen diskutiert, sie hatte bemerkt, wenn er eine andere Krawatte trug als am Vortag. Dann, an diesem besonderen Nachmittag, trat sie mit Milton Greene aus dem Hotel, winkte den verzauberten Peter herbei und lud ihn ein, sie mit seiner Kamera ein paar Stunden lang zu begleiten. Er filmte sie auf der Strasse, wie sie den Elizabeth-Arden-Shop betritt und verlässt, wie sie lustige Gesichter schneidet, mit Greene diskutiert, wie sie Kusshände in die Kamera wirft. Der Film selbst ist schwer verwackelt, es ist ihm die Aufregung des verknallten Teenagers anzusehen.

Die Monroe in Blöcken

Fast 50 Jahre lang meinte Mangone, der inzwischen Prominente frisierte, der Film sei verschollen, dann fand ihn sein Bruder beim Aufräumen des Elternhauses wieder. Das war vor einem Jahrzehnt, und Peter Mangone wurde für kurze Zeit zu einem Stargast der Talkshows. Seit letztem Winter sind nun viele Einzelbilder aus dem Film unterwegs, Joshua Greene, der Sohn von Milton, hat sie aus den Filmstreifen entwickelt. Und im Gegensatz zum Film, in dem man so gut wie nichts sieht, sind die Bilder, ja, tatsächlich, eine kleine Sensation. Natürlich sind sie flüchtig, viele von ihnen so grobkörnig, dass man die Technik dahinter für Pointillismus hält. Die Farben haben sich verändert, nach Hipstamatic-Ästhetik sieht das jetzt aus, ein Blaustich überwiegt, das Rot einer Ampel wirkt wie koloriert.

Aber schön ist Marilyn Monroe auch hier. Der Star und die Stadt: ein unbeschwert flirrender Strahlkörper vor dem strengen Beton New Yorks. Aber auch einfach eine junge Frau an einem kühlen Tag mit scharfem Wind und schnellen Taxis, die sich über den Streich freut, den sie und der Knabe mit der Kamera gerade allen spielen. Private Momente mit der Monroe. Auf Film. Das würden sich in Amerika alle wünschen.

Zu sehen ist die multiple Marilyn nun in der Galerie Walter Keller, mal als Block aus 48 Bildern – exklusiv für Zürich gefertigt, weil Keller das Filmische der Aufnahmen zeigen wollte, die Bewegung, die Flüchtigkeit und den Zufall des ganzen Unternehmens. Es gibt aber auch Diptychen mit zwei etwas grösseren Einzelbildern. Jeder Abzug ist durch die Hände von Joshua Greene gegangen, einige sind schon verkauft. Besonders teuer sind sie nicht, zwischen 1800 und 7500 Franken, besonders kostbar auch nicht, es ist charmanter, von Greene hübsch veredelter Fan-Trash.

Niemand behauptet, dass Peter Mangone ein kindliches Genie gewesen sei, er hat so was auch nie gesagt. Er hatte bloss verdammtes Glück. Und wusste eine gute Geschichte zu erzählen.


Bis 29. Juni, www.kellerkunst.com

Erstellt: 20.05.2013, 21:10 Uhr

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