«Was für eine grosse Reise für einen kleinen Jungen»

Heute wurde er für den Oscar nominiert: Der Schweizer Regisseur Claude Barras über «Ma vie de Courgette», Geschenke für die Akademiemitglieder und Sexszenen im Kinderfilm.


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Glückwunsch, Claude Barras.
Merci. Unglaublich. Wer hätte gedacht, dass es «Ma vie de Courgette» so weit bringen würde? Was für eine grosse Reise für einen kleinen Jungen.

Hatte sie sich mit der Nominierung für den Golden Globe nicht abgezeichnet?
Schon. Aber nichts ist sicher in Hollywood. Man darf nicht vergessen: Wir treten gegen die grössten Animationsfilme der Welt an. Das Budget von «Finding Dory» zum Beispiel war 25-mal grösser als das unseres Films, der 8 Millionen Euro gekostet hat.

Haben Sie Werbung gemacht dafür?
Natürlich. Produzent Max Karli und ich haben einige Wochen in Los Angeles verbracht und den Film in über 30 Vorstellungen gezeigt. Zwei Lobbyisten haben dabei versucht, möglichst viele Personen in den Saal zu locken, die für den Oscar abstimmen können. Das hat offensichtlich nicht schlecht funktioniert. Ich hatte unglaubliche Reaktionen.

Welche hat Sie am meisten gefreut?
Vermutlich schon – Berufsstolz bleibt Berufsstolz – der Zuspruch von Kollegen, die in anderen Studios arbeiten. Ich bekam zum Beispiel Komplimente von Peter Lord, dem Gründer der englischen Aardman Studios, wo Wallace & Gromit herkommen. Das hat mich besonders gefreut, weil dessen Serie «Creature Comforts» eine Inspirationsquelle war für mich.

Darin werden gekneteten Tieren echte Interviews mit Flüchtlingen in den Mund gelegt.
Eben, ich mochte diesen dokumentarischen Aspekt ganz besonders, habe auch schon in meinen Kurzfilmen damit gearbeitet. Es gibt schliesslich immer mehr verzuckerte Unterhaltungsprodukte für Kinder, wir tun alles, um sie abzulenken von einer Welt, um die es nicht gut bestellt ist. In «Ma vie de Courgette» versuchen wir, die Augen vor Problemen nicht zu verschliessen. Auch wenn es Puppen sind, die spielen.
Im Internat: Der einsame Courgette findet Freunde fürs Leben.

Waren Ihnen Tim Burtons Puppenfilme ein Vorbild?
Oh ja. Ich sagte mir gerne: Ich mache Tim Burton, aber farbig.

Sophie Hunger hat dafür erstmals eine Filmmusik komponiert. Wie kam es dazu?
Mir war früh klar, dass ich ihre Version des Liedes «Le vent nous portera» für den Abspann wollte. Wir kamen ins Gespräch und sie hat dann eingewilligt, die ganze Musik zu schreiben.

Konzipiert war «Courgette» ursprünglich als Kinderfilm?
Es war auf jeden Fall das Publikum, an das ich dachte, als ich vor ziemlich genau zehn Jahren den Roman «Autobiographie d’une Courgette» von Gilles Paris las, der dem Film zugrunde liegt. Die eigentlichen Dreharbeiten haben dann dreieinhalb Jahre gedauert.

Sie leben schon so lange mit dem Film, können Sie ihn überhaupt noch sehen?
Ich versuche, es nicht öfter zu tun als einmal im Monat. In der französischen Version sind die Dialoge immer eine halbe Sekunde früher in meinem Kopf, als sie auf der Leinwand zu hören sind. Neue Sprachversionen aber gefallen mir, wir haben eine deutsche und jetzt auch eine englische.

Waren die Reaktionen auf den Film in den USA eigentlich anders als in Europa?
Das Publikum reagiert dort etwas sensibler auf sexuelle Themen. Ich wurde ab und zu gefragt: Muss wirklich auch von Sex die Rede sein, in einem Trickfilm?

Was antworteten Sie?
Kinder sind heute schon früh mit Pornografie konfrontiert. Wenn wir mit ihnen nicht über Sex sprechen, lassen wir sie alleine damit. In «Courgette» wird gesagt, dass Sex etwas ist zwischen Personen, die sich lieben, es Kinder geben kann davon und es manchmal auch lustig ist. Das ist nichts Schlimmes, oder?
Weltweit unterwegs und ab dem 16. Februar auch bei uns im Kino.

Fahren Sie jetzt zurück in die USA, für den Endspurt vor der Verleihung am 26. Februar?
Der Produzent Max Karli fährt Anfang Februar wieder hin. Ich reise zwei Wochen später nach.

Werden Sie Geschenke verteilen, um die Akademiemitglieder wohlwollend zu stimmen, Courgette-Puppen zum Beispiel?
Nein. Wir haben ein schönes Büchlein und solche Kleinigkeiten. Es ist verboten, Geschenke im Wert von über 100 Dollar zu machen. Ein Oscar soll nicht gekauft werden können. Wir müssen also auf unseren Film vertrauen, was mir lieber ist.

Und bleiben Sie nach der Verleihung gleich in Los Angeles, weil Sie von Angeboten überschwemmt werden?
Bis jetzt ist das nicht der Fall. Aber ich habe jetzt einen Agenten in Los Angeles und werde prüfen, was auf mich zukommt. Aber meinen nächsten Kinofilm will ich eigentlich wieder in Europa drehen. Es soll darin um Orang-Utans gehen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.01.2017, 15:51 Uhr

Claude Barras und sein Zucchini

«My life as Zuchini» ist der englische Titel des Puppenfilms, mit dem Claude Barras (43) ins Oscarrennen steigt. Der Film des Walliser Regisseurs hatte vor acht Monaten in Cannes Premiere und räumte seither weltweit über zwanzig Preise ab. Es ist der erste Kinofilm des Regisseurs, dessen Markenzeichen Puppen mit grossen Köpfen sind. In der Westschweiz ist «Ma vie de Courgette» mit über 100'000 Zuschauern bereits ein Publikumserfolg. In der Deutschschweiz startet die berührende Geschichte um einen Jungen, der ins Kinderheim muss, am 16. Februar. Titel hier: «Mein Leben als Zucchini». (Bild: Keystone )

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