Was wäre, wenn es die Beatles nie gegeben hätte?

«Yesterday» von Danny Boyle fängt sehr gut an – und implodiert.

Seine Freunde gratulieren ihm zu den gut geschriebenen neuen Songs: Himesh Patel als Jack Malik in «Yesterday».

Seine Freunde gratulieren ihm zu den gut geschriebenen neuen Songs: Himesh Patel als Jack Malik in «Yesterday». Bild: Universal

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Was konnte schiefgehen? Richard Curtis, der Drehbuchautor, hat Komödien geschrieben wie «Notting Hill», «Love Actually» und vor allem «Four Weddings and a Funeral», möglicherweise die beste englische Komödie überhaupt – und wer englische Komödien schätzt, weiss diesen Superlativ einzuordnen. Regie bei «Yesterday» führt Danny Boyle, der schon mit «Trainspotting» oder «Slumdog Milllionaire» vorgemacht hat, wie man eine überraschende Geschichte erzählt.

Ausserdem ist die Idee von «Yesterday» zwar absurd, aber originell. Jack Malik (Himesh Patel), der indischstämmige Engländer aus dem ländlichen Suffolk, möchte es als Songschreiber unbedingt schaffen, aber seine Auftritte interessieren nur seine Freunde und seine Jugendfreundin Ellie (Lily James), die in ihn verliebt ist und er nicht in sie, das heisst er merkt es nicht. Nach einem jähen elektrischen Sturm, der die ganze Welt für 12 Sekunden verdunkelt, wacht Jack im Spital wieder auf. Er ist mit einem Bus kollidiert.

In den folgenden Wochen macht er eine merkwürdige Erfahrung: Für die ganze Welt haben die Beatles nicht existiert – ausser für ihn. Als er seinen Freunden «Yesterday» vorspielt, gratulieren sie ihm zu seinem neuen Song. Jack fährt heim und schaut auf Wikipedia nach, und tatsächlich. Zum Stichwort «Beatles» kommt der beetle, der Käfer. Zu John, Paul, George und Ringo fällt Wikipedia nur der Papst Johannes Paul ein. Und Oasis ist nicht eine britische Band, sondern nur eine Oase.

Aus dieser schönen Idee ergibt sich die absehbare Handlung: Jack Malik, der Erfolglose, kann der Versuchung nicht widerstehen und gibt «I Saw Her Standing There», «Back in the USSR», «Let It Be» und all die anderen Songs von Lennon, McCartney oder Harrison als Eigenkompositionen aus. Damit verzaubert er seine Familie, seine Freunde und am Schluss die Welt.

«Guter Song, von wem ist er?» In «Yesterday» kennt niemand mehr die Beatles. Video: Universal.

Aber wie erzählt man eine solche Idee zu Ende? Ohne hier etwas zu verraten, muss man über die Umsetzung sagen: Nach einer lustigen ersten Stunde, in der Curtis’ Talent für originelle Figuren und Dialoge zur Geltung kommt, gehen dem Film die Ideen aus. Die letzte halbe Stunde ist verschenkt. Je länger man zuschaut, desto mehr beginnt man sich zu langweilen und hält jede Pointe für den ersehnten Schluss. Bis man merkt, dass es noch mal weitergeht. Nie ein gutes Zeichen.

«Werden die Beatles überschätzt?» ist eine der Fragen, die auf Google immer wieder gestellt werden. Möglicherweise hat sich die Frage überholt, weil die neuen Generationen die Beatles nicht überschätzen oder unterschätzen, sondern gar nicht kennen. Der «Guardian» hat Kritiker und Beatles-Biografen gefragt, wie es um die Musikwelt bestellt wäre, hätte es die Beatles nie gegeben. «Mick Jagger wäre in der Politik», sagt einer, ein anderer glaubt gar, dass der Rock ’n’ Roll abgestorben wäre und die Folkmusik triumphiert hätte.

Wer aus Liverpool kommt

Die beste Antwort gibt der «Guardian»-Kritiker Alexis Petridis: Mehrere Stile und Techniken hätten sich ohne die Beatles und ihren Produzenten George Martin erst später entwickelt, wenn überhaupt. Natürlich hat die Band selber von anderen profitiert, den Songschreibern von Motown zum Beispiel, den rhythmisch eleganten Songs von Chuck Berry, den lyrischen Kaskaden von Bob Dylan, den engen Harmonien der Everly Brothers.

Aber die Beatles waren auch die Ersten, die begeistert von ihren Vorbildern erzählten. Und sie haben mit Martin zusammen Trends, Stile und Studiotricks darum so populär gemacht, weil sie damit dermassen Erfolg hatten. Vieles, das die Band und ihr Produzent an der Abbey Road ausprobierten, wurde zum Standard – das automatische Double-Tracking, die sehr nahe platzierten Mikrofone, die rückwärts eingespielten Soli, die ungewöhnlichen Akkordfolgen mit Anleihen an Soul, Folk, Music Hall und Rock ’n’ Roll, die verfremdeten Instrumente, die Anleihen an die elektronische Avantgarde. Und selbst wer die Beatles für überschätzt hält, wird anerkennen, dass nur wenige das Komplexe so einfach und das Einfache so vielfältig haben tönen lassen.

Letztlich leidet «Yesterday», der Film von Danny Boyle und Richard Curtis, an einer eigentümlichen Sprachlosigkeit: Zwar fahren alle Leute auf die Songs ab, die Jack Malik spielt, aber keiner weiss zu sagen, was ihm denn so gefällt. Dabei war blinde Bewunderung genau das, was die Beatles nicht ausstehen konnten. «Wir kommen aus Liverpool», hat George Harrison einmal gesagt, «eine Stadt, die Aufschneider nicht ausstehen kann und in der jeder sich für einen Komiker hält.»

Ab 11. Juli in den Kinos.

Das beste Buch über die Musik der Beatles stammt von Ian MacDonald: «Revolution in the Head. The Beatles’ Records and the Sixties», auf Deutsch unter dem Titel «The Beatles – das Song-Lexikon».

Erstellt: 09.07.2019, 14:56 Uhr

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