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Afro-Bubblegum ist der Name für fröhliche Geschichten aus Afrika. Regisseurin Wanuri Kahiu aus Kenia will so die Klischees vom leidvollen Kontinent bekämpfen.

«Wir brauchen neue Bilder von Afrika», sagt die Filmemacherin Wanuri Kahiu. Foto: Anne-Christine Poujoulat (AFP)

«Wir brauchen neue Bilder von Afrika», sagt die Filmemacherin Wanuri Kahiu. Foto: Anne-Christine Poujoulat (AFP)

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Die Botschafterin des Glücks heisst Wanuri Kahiu. Die 38-jährige Kenianerin hat einen Begriff geprägt, der gerade um die Welt geht: Afro-Bubblegum. Es ist der Name einer von ihr mitbegründeten Firma in Nairobi, für die Filmregisseure, Musiker, Modedesigner und Grafiker arbeiten. Vor allem ist Afro-Bubblegum aber so etwas wie eine Vision für ein anderes Afrika. Ein fröhliches Afrika.

«Afro-Bubblegum soll Afrika auf hoffnungsvolle, vergnügliche Art darstellen», sagte Wanuri Kahiu unlängst im Gespräch am Festival in Cannes, wo sie mit ihrem Spielfilm «Rafiki» eingeladen war, der im Winter auch bei uns starten wird. «Wir brauchen neue Bilder von ­Afrika. Um dem entgegenzuwirken, was die Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie die ‹single story› nennt.»

Diese Geschichte handelt von den Hindernissen, die afrikanische Länder überwinden müssen. «Es ist die Idee, dass Afrika ein trauriger Ort ist, der Mitleid verdient. Wir kämpfen dagegen, indem wir sagen: Wir sind fröhliche und stolze Menschen. Wir verdienen Anerkennung unserer Erfolge, anstatt dass die Aufmerksamkeit immer nur auf die Hindernisse gelenkt wird.» Dem Charme von Wanuri Kahiu erliegt man sofort. Sie redet sanft, aber mit Nachdruck.

Trailer zum Film «Rafiki». Video: Vimeo/Ape&Bjørn AS

Sie hat auch schon einen Webvortrag über Afro-Bubblegum realisiert, in dem sie das Genre als etwas Spassiges, Albernes bezeichnet. Also nicht als etwas Wichtiges, das mit Bürgerkrieg und Aids zu tun hat. Kahiu wurde immer wieder gefragt, was so speziell sei an ihren Filmen, im Sinne von: Inwiefern sind sie relevant angesichts der afrikanischen Probleme? Nach einem Managementstudium in England und Filmkursen in Los Angeles, wo sie auch an Grossproduktionen wie «The Italian Job» mitarbeitete, ist sie nun zurück in Kenia. Um das Bild von Afrika zu verändern. Der Musik-Event Africa Nouveau Festival in Nairobi im Februar hatte ein Thema: Afro-Bubblegum. Filme dreht Kahiu seit zehn Jahren, aber Geld dafür ist wenig vorhanden. Ihren Cannes-Beitrag «Rafiki» konnte sie dank Unterstützung aus Holland fertigstellen. Es ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Frauen in einem lebhaften Viertel in Nairobi.

Nicht gerade eine Situation, die frei von Schwierigkeiten wäre. Die kenianischen Behörden haben den Film verboten, weil die Hauptfigur am Ende zu wenig Reue zeige. «Rafiki» thematisiert die Homophobie und die Strenge der Eltern, trotzdem geht die Geschichte hoffnungsvoll aus. Sie zeigt auf einfache Art ein ­lebenssprühendes, farbenfrohes Land. Man sehe Freude und eine Sanftheit zwischen den zwei Frauen, sagt Wa­nuri ­Kahiu. Auf diese andere Perspektive komme es an. Auf eine Sicht, die das Glück Afrikas zeigen kann.

Das Superheldenspektakel «Black Panther» hat Ideen von Afro-Bubblegum aufgenommen, indem es die technologische Potenz und die bunte Vielfalt des fiktiven Königreichs Wakanda in den Vordergrund rückte. Nicht nur die Jugend in Nairobi hat den Film jubelnd empfangen. «Black Panther» bedient sich auch bei den Zukunftshoffnungen des Afrofuturismus, ohne die Afro-Bubblegum nicht denkbar wäre.

Naiv oder radikal?

Afrofuturismus ist eine Art Vorläufer-Bewegung: Die schwarze Science-Fiction in Popmusik, Film und Kunst nimmt mythische und magische Traditionen auf und verbindet sie mit futuristischer Technologie, um für den Kontinent und die Diaspora eine andere Zukunft zu ­entwerfen. Um die Zukunft für Afrika ganz eigentlich zurückzuerobern.

Auch Afrofuturismus überschreibt die Vorstellung vom ewig geplagten Kontinent. Dass Wanuri Kahiu aus dieser Kunsttradition kommt, erstaunt nicht. 2010 zeigte sie am Sundance-Festival ihren Kurzfilm «Pumzi», in dem eine Botanikerin nach dem grossen Wasserkrieg in die verdorrte Aussenwelt flüchtet, um dort eine Pflanze aufzuziehen. Dabei überlagern sich Themen wie Mutterliebe, Ressourcenknappheit und Bevölkerungskontrolle durch Techfirmen. Da lebt aber auch die Hoffnung, dass eigene afrikanische Kreationen wachsen können, anstatt dass die Leute immer gleich an Katastrophen denken, wenn ­irgendwo schwarze Menschen auftauchen. Dieser Glaube an die eigene Gestaltungskraft lässt sich gut an die neue Kultur des Optimismus ankoppeln.

«Afro-Bubblegum ist die nächste Stufe von Afrofuturismus», sagt Pamela Ohene-Nyako, Historikerin an der Universität Genf und eine Spezialistin auf dem Gebiet. «Afrofuturismus denkt über Emanzipation aus der Sicht von Kampf und Diskriminierung nach. Afro-Bubblegum erweitert die Imagination um Vorstellungen von Freude und Gelächter.» Auf gewisse Weise sei das genauso politisch. Dank Afro-Bubblegum könnten afrikanische Zuschauer Vorstellungen von Glück innerhalb der eigenen Lebensumstände entwickeln. «Man muss nicht mehr blonde Haare und blaue Augen haben, um fröhlich zu sein.» Die politische Imagination wird utopisch: Stell dir ein Leben vor, in dem du einfach glücklich bist. Und stell dir vor, dieses Leben ist dort, wo du schon bist.

«Black Panther» hat die Vision von Afro-Bubblegum erstmals in eine globale Massenware verpackt.

Ist das nicht alles etwas simpel, diese betonte Fröhlichkeit? «Ich finde es eher radikal als naiv», sagt Pamela Ohene-Nyako. «Afro-Bubblegum ist futuristisch, die Idee soll sich möglichst weit verbreiten.» Denn niemand ist der Meinung, dass Korruption und Bürgerkrieg nicht auch thematisiert werden sollten. Aber Afro-Bubblegum will sich nicht in den Dienst von politischer Erziehung oder Entwicklungsorganisationen stellen. Solches nennt man in den Metropolen «agenda art». Kunst mit Programm.

Es braucht nichts Bedeutsames

Laut Wanuri Kahiu kommt die Haltung auch in der Unterstützung der Kultur zum Ausdruck, die sehr oft an NGOs gebunden ist. So würden selbst vor Ort geförderte Künstler in ihren Werken das Bild eines Not leidenden Kontinents bekräftigen. In ihrem Webvortrag schlägt Kahiu einen Bechdel-Test für Fiktionen aus Afrika vor: Gibt es in dem Werk mindestens zwei gesunde Afrikaner? Haben sie ein regelmässiges Einkommen, brauchen also nicht gerettet zu werden? Und zuletzt: Geniessen sie das Leben?

Man stelle sich vor, das afrikanische Selbstbild wäre so bunt und kräftig wie die afrikanische Realität: Das ist die Emanzipation von Afro-Bubblegum, für die es den Internationalen Währungsfonds vorerst gar nicht braucht. «Black Panther» hat diese Vision erstmals in eine globale Massenware verpackt, viele weitere positive Repräsentationen sollen folgen. Die Quantität ist wichtig, denn für Wanuri Kahiu soll die Kunst von Afro-Bubblegum für sich selber stehen und für niemanden sonst. Afrikanische Popkultur soll um der Schöpfung willen entstehen. Nicht, weil sie etwas Bedeutsames zur Lage sagen will.

Wird man einmal an Afrika denken und Bilder eines vergnüglichen Orts im Kopf haben? Und zwar nicht im Sinne von armen, aber zufriedenen Kindern, sondern wirklich: als glücklichen Ort? Wanuri Kahiu hätte nichts dagegen, wenn Afro-Bubblegum irgendwann zum Klischee werden würde. «Ich fände das toll. Aber wir sind so weit davon entfernt. Wenn es um Afrika geht, ist das Klischee noch immer der Schmerz.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.06.2018, 19:23 Uhr

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