Wenn Paare komisch werden

Sie hiessen «Notting Hill» oder «Love Actually». Doch wo sind heute die Kino-Liebeskomödien, die fast jeder kennt?

Wo das Drama zu Tränen rührt, lässt uns die Liebeskomödie seufzen: Hugh Grant und Julia Roberts in «Notting Hill» (1999). Foto: AP, Keystone

Wo das Drama zu Tränen rührt, lässt uns die Liebeskomödie seufzen: Hugh Grant und Julia Roberts in «Notting Hill» (1999). Foto: AP, Keystone

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Vielleicht wars der Moment, als die Frau merkte, dass sie die Brustpumpe zu Hause liegen gelassen hatte. Vielleicht wars dann, als sie sich mit ihrem Mann stritt und der sagte, er habe jetzt genug, er gehe zu Burger King. Eigentlich kann man irgendeine Szene der britischen TV-Sitcom «Catastrophe» nehmen: Sie werfen alle die Frage auf, wo die schönen Lügen hingegangen sind. «Catastrophe» handelt von einer Affäre, aus der unverhofft Familienleben wird mit allen stechend realen Folgen. Das ist die neue Liebeskomödie: Sie beginnt mit dem Happy End, erst dann folgen die Qualen.

Rührte Millionen zu Tränen: «Notting Hill» (1999). Video: Universalmoviesuk, Youtube

War das nicht mal hoffnungsvoller? Falscher, aber strahlender? So wie in «Love Actually» von Richard Curtis zum Beispiel, ein Weihnachtsreigen mit Colin Firth, Emma Thompson, Hugh Grant; eine der letzten Liebeskomödien, die damals so ziemlich jeder gesehen hat? Der moderne Klassiker der Romcom («romantic comedy») stammt von 2003, und gab es seither ein neues «Notting Hill», ein weiteres «You’ve Got Mail»? Gott sei Dank nicht? Oder ertappt man sich nicht doch zwischendurch dabei, dass man sich nach einer Zeit zurücksehnt, in der Julia Roberts nur lächeln musste, und die Leinwand war voll?

Der Marktanteil sinkt

Laut der Website The Numbers, die die Box-Office-Zahlen des US-Kinos seit 1995 darstellt, befindet sich das Genre der Liebeskomödie in einem dramatischen Sinkflug. Ende der 90er-Jahre erreichte die Romcom noch um die zehn Prozent Anteil am US-Kinomarkt, dank ­Erfolgen wie «Runaway Bride» und «Shakespeare in Love». Seither zieht die Kurve steil nach unten. Im Jahr 2017, so die Prognose, tendiert sie gegen null. Der Grund liegt nicht darin, dass keine Liebes­komödien mehr hergestellt würden. Zuletzt liefen in Schweizer Kinos Produktionen wie «Why Him?» oder «How to Be Single» mit teils über 100'000 Zuschauern. Universal oder Warner Bros. bringen pro Jahr zwischen zwei und fünf Romcoms heraus. Doch an Kassenschlager wie «Love Actually» kann man damit nicht anschliessen.

Eine der ersten romantischen Liebeskomödien: «It Happened One Night» von 1934. Video: OscarMovieTrailers, Youtube

Die Liebeskomödie hat es gerade schwer. Dabei reichen ihre Anfänge weit zurück. Es begann mit Frank Capras «It Happened One Night» von 1934 und den Screwball-Komödien von Howard Hawks: mit einem Kino der erotischen Spannung und der wortreichen Anspielung unter dem Deckel der Zensur. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Liebeskomödie finsterer, ab den 70er-Jahren intellektualisierte Woody Allen das Genre. Bald gefror sie zur Konfektionsware, die Filme begannen alle mit einem Kameraflug Richtung New York, und meistens spielten Sandra Bullock oder Matthew McConaughey das Girl und den Boy, die trotz Widrigkeiten zusammenfinden. Denn eines blieb bei der Romcom über die Zeit mehr oder minder gleich: ihre Formel. Es ist das Liebesstreben auf komischen Wegen, das fast immer an ein glückliches Ende kommt. Wo das Drama zu Tränen rührt, lässt uns die Liebeskomödie seufzen: Wenn es doch nur so schön wäre.

Die Schicksale von acht Paaren: «Love Actually» von 2003. Video: thecultbox, Youtube

Im gleichen Jahr, als «Love Actually» herauskam, erschien das Buch «Der Konsum der Romantik» der Soziologin Eva Illouz auf Deutsch. Es bleibt eine der stichhaltigsten Abrechnungen mit der Idee, dass die Liebe eine vom kapitalistischen Markt unberührte Sphäre sein könnte. Illouz beschrieb die Kolonialisierung der praktischen Romantik in der Paarbeziehung – Candlelight-Dinner, Wochenende zu zweit – durch den umfassenden Konsum. Die Liebeskomödien aus den USA mit ihren sonnenwarmen Greenwich-Village-Schauplätzen und den exquisiten Wohnungseinrichtungen lieferten quasi das Katalogmaterial dazu, es fehlten oft nur die Preisschilder auf den Daunenduvets. Auch die Klischees über Beziehungen waren Teil des Bewusstseins geworden: Wie Psychologen zeigten, gehen Fans von Filmen wie «The Wedding Planner» meistens davon aus, dass der Partner ihnen ihre Wünsche von den Lippen abliest.

Nach dem Happy End

Um die Jahrtausendwende war der Peak der Romcom erreicht, darauf folgen konnte nur die Neuerfindung. Mit der Komödie «Knocked Up» von 2007 drehte Judd Apatow das Schema um: Das Happy End kennen wir, aber was geschieht, nachdem zwei zusammengekommen sind? Nun ging es um ungewollte Schwangerschaft, um die biologische Uhr, um Faulheit und peinliche Situationen. Die Liebeskomödie wurde zum ruppigeren Beziehungsrealismus. Apatow und seine Schüler romantisierten nicht mehr die Liebe, sondern die Freundschaft. Die Filme dazu hiessen «Funny People» und «Bridesmaids». In ihnen war aus ver­zehrender Sehnsucht zotiger Humor ­geworden, der längst nicht jedermanns Geschmacklosigkeitssache war.

Glanzrollen für Tom Hanks und Meg Ryan: «You've Got Mail» (1998). Video: Youtube

Judd Apatow ist heute Produzent von TV-Serien wie «Girls» oder «Love». Als Regisseur seiner eigenen Komödien begann er irgendwann damit, seine Frau, die Schauspielerin Leslie Mann, und seine Töchter zu besetzen. Er hatte sich eben im Leben eingerichtet. So wie ihm ging es vielen, die zur Blütezeit der Romcoms erwachsene Professionals geworden waren. Sie waren selbst dort angekommen, wo die Liebeskomödie meistens endete: in der Verbürgerlichung der heterosexuellen Partnerschaft. Apatow hatte die Freundschaft überhöht, bis sie zur «Bromance» wurde und Liebende begannen, sich bequemerweise «Dude» zu nennen. Sie kapselten sich ab in der gemeinsamen Wohnung, zogen sich zurück ins Kuschelig-Private des ­Cocooning. Jetzt sassen sie nebeneinander auf dem Sofa und brauchten die stürmischen Fantasien nicht mehr. Dafür brauchten sie etwas anderes: das Fernsehen.

Noch einmal Julia Roberts: «Runaway Bride» (1999). Video: Paramount Pictures, Youtube

Dort tauchte die «mundgerechte Liebeskomödie» («New Yorker») in den letzten Jahren wieder auf, während sie im Kino verblasste. Man begegnete der Romantisierung in Gerichtsserien wie «The Good Wife», die Elemente der Screwball-Komödie aufnahm. HBO sampelte die Liebeskomödie mit «Girls» oder «Togetherness», wo sich der Beziehungsrealismus mit dem schmachtenden Gefühl vermischte. Die Komikerin Mindy Kaling erfand mit «The Mindy Project» eine ­Ensemble-Sitcom, angesiedelt in einer Frauenarztpraxis und überhöht als Meta-New-York-Fantasie mit viel Pointen und Blödsinn. Ihre Romanze mit einem Arztkollegen aber ist geschrieben nach allen Regeln der Romcom.

Der Traum ist noch immer hier, mit allen sülzigen Vorstellungen und allen übersteigerten Ansprüchen. Ein Teil der Kitschfabrikation aber ist wahr geworden, nämlich das Happy End aller Romcoms: die warm zugedeckte Zweisamkeit vor dem Flachbildschirm. Der Rest aber, das brennende Begehren und die Lügen, die nicht stimmen, auch wenn wir sie glauben – all das lebt weiter. Wir schauen dabei zu von unserem eigenen kleinen Fleck. Denn jede Liebeskomödie im Kino hat es uns versprochen, und wir haben es zur Realität gemacht: Am Ende werden sich zwei finden, um in aller Ruhe fernzusehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2017, 18:47 Uhr

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