«Was mich interessiert, ist der urbane Boulevard»

Diese Woche startet das Prolodrama «Mary & Johnny» im Kino. Regisseur Samuel Schwarz über die neue Schweizer Volkstümlichkeit, Neid im Filmbusiness und seine Hauptdarstellerin Nadine Vinzens.

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Herr Schwarz, wie kommt man dazu, Horváth ans Zürifäscht zu verlegen?
Siegfried Kracauer stellte bereits in den 20er-Jahren fest, dass die Menschen in einer rosaroten Periode leben. Dieses Gefühl eines alles bemäntelnden Kapitalismus, diese Süsse wollten ich und mein Co-Regisseur Julian M. Grünthal in die Jetztzeit holen. Die Vereinnahmung des öffentlichen Raums während der EM 2008 durch die Uefa und die kapitalistische Festzone des Zürifäschts, die die Menschen verschlingt, ist da eine ideale Kulisse.

Ist das nicht ein bisschen moralistisch?
Und wie! Hauptfigur Mary ergeht es am Schluss schlecht, sie wird für ihre Exzesse bestraft – wie in einem Horrorfilm, wo der kiffende Teenager abgeschlachtet wird. Das ist natürlich ein Spiel mit den Genres. Ernst wird es, wenn Mary mit Drogen und Party versucht, aus dem rosaroten Medien-Kokon, der sie umgibt, auszubrechen, um sich wieder zu spüren.

High am Zürifäscht – ist das eine neue Volkstümlichkeit?
Ja, das sehe ich so. Und sie ist im Schweizer Film noch nicht erfasst worden. Im englischen oder amerikanischen Film wurde diese längst ausgeleuchtet. Hierzulande ist «volkstümlich» mit Kühen oder Bauernhöfen konnotiert. Dabei leben wir schon lange nicht mehr in Nationen. Die Strukturen sind weltweit dieselben, die nationale Grundierung ist bloss die Oberflächenstruktur. Was mich deshalb mehr interessiert, ist der urbane Boulevard – wie ihn Jörg Schneider oder Margrit Rainer in den 60ern gemacht haben: gescheiter Boulevard mit einem kritischen Kern, den man sich aber nicht stolz auf die Fahne schreibt.

Wie setzt man das in einem Film konkret um?
Man sollte versuchen, aus den Regionalzonen herauszustrahlen und mit den globalen Umklammerungen zu spielen beginnen. Ich verstehe Zürich als global, nicht lokal. Die Fifa sitzt dort, in unserem Film übrigens personifiziert durch die Figur des Sepp. Philippe Graber, der Johnny spielt, ist eine Kopie von Pete Doherty. Mary, gespielt von Nadine Vinzens, bringt L.A. mit.

Will das breite Publikum in der Schweiz solche Filme?
Das weiss ich auch noch nicht. Es kommt natürlich auch immer darauf an, welches Werbebudget man hat. Auch hier schöpfen wir nur aus Selbstausbeutung. Aber die transmediale Kampagne mit Internet-Miniteasern, Konzerten, geheimen Vorpremieren ist unser Gegenmittel zu den fehlenden Geldern für Plakate und Inserate. Bis jetzt war das Interesse sehr gross und wird von Tag zu Tag grösser. Wir freuen uns natürlich, wenn es möglichst in Strömen regnet und die Leute in der ersten Woche ins Kino strömen (lacht).

Apropos fehlende Gelder: Wer verhindert Ihrer Meinung nach Projekte wie Ihres?
Zuerst einmal: Jammern bringt nichts. Das Problem vom Schweizer Film ist nicht das Bundesamt für Kultur. Der Feind vom Schweizer Filmschaffenden ist der Schweizer Filmschaffende. Da gibt es zu viel Neid und Missgunst. Wenn es nach Meinung der Filmschaffenden gegangen wäre, hätte man «Sennentuntschi» abgeschossen. Die einzigen, die Michael Steiner damals ein aufmunterndes Mail schickten, waren Marc Forster und ich. Das Problem dahinter ist natürlich das zerstrittene System – die Situation zwischen den Verbänden erinnert ans Online-Game «World of Warcraft»: Allianz und Horde bekämpfen sich. Anstatt zu sagen: Man muss Burg Schattenfang gemeinsam einnehmen, sprich einen Oscar oder die Goldene Palme gewinnen. Das würde allen helfen. Aber stattdessen beneidet man sich. Das ist lachhaft.

Was ist tun?
Zum einen mit dem Kindergartengezänk aufhören. Dann die Vision eines Filminstituts umsetzen. Auch einen Gegenkanon kann ich mir vorstellen: Was sind die zehn Filme der letzten 30 Jahre, die zukunftsweisend sind?

Ja, welche?
Es muss ein kruder Mix sein bestehend aus Produktionen wie «Nachbeben», «Achtung, fertig, Charlie!» und Mathieu-Seiler-Filmen. Wichtiger aber ist, dass demnächst ein Paradigmenwechsel-Film kommt. Eine Produktion, die Schluss macht mit den alten Mustern und gleichzeitig durchschlagenden Erfolg hat. Es braucht einen einzigen solchen Film, dann folgen andere. Die Regisseure dazu haben wir, etwa Peter Luisi, Michael Steiner, Bettina Oberli oder Reto Caffi. Man muss sie bloss machen lassen und nicht gängeln. Denn diese Leute sind Künstlerproduzenten, die verstehen eine Filmproduktion von A bis Z und brauchen keine Kommissionen, die ihnen reinschwatzen und mit einer absurden Begrifflichkeit für Verwirrung sorgen.

Wie meinen Sie das?
Unser Film «Mary & Johnny» ist zum Beispiel hoch kommerziell, obwohl es immer noch heisst, es sei ein sozialkritisches Arthouse-Movie. «Tell» wiederum ist ein Staatsfilm, der tut, als sei er ein kommerzielles Produkt. Dabei ist es ganz simpel: Wenn Staatsgelder fliessen, muss ein Effekt hier sein. Ein Film muss weiter ausstrahlen als bloss in die Schweiz. Die Aufgabe der Filmförderung lautet also: Denkt internationaler, relevanter, frecher, mutiger.

«Mary & Johnny» wurde vom Bund nicht unterstützt. Wieso?
Alles, was jetzt als Unique Selling Proposition gilt, wurde damals als unsinnig abgetan: Nadine Vinzens, der Dreh am Zürifäscht, die Erzählerstimme. Ausserdem wurden dem Film keine Kino-Chancen eingeräumt, auch die neun Drehtage wurden als unrealistisch bezeichnet.

Nadine Vinzens zu verpflichten, war mutig. Sie galt als typische Möchtegern-Schauspielerin.
Vielleicht. Aber wir wollten jemand, der zäh ist, und das ist sie. Ausserdem hat sie die Strassberg-Schule gemacht, das heisst, sie spielt leise, nicht plakativ. Auch die Figur der Mary entsprach ihr: das kleinbürgerliche Meitschi, das dennoch Glamour hat.

Am SF ist Vinzens nie zu sehen – dafür Melanie Winiger und Stefan Gubser. Letzteren haben Sie stark kritisiert, als er zum «Tatort»-Kommissar gekürt wurde. Haben Sie Ihre Meinung nach dem zweiten Schweizer «Tatort» revidiert?
(lacht) Zur neuen «Tatort»-Folge sage ich nichts. Sicher ist: SF ist die wichtigste Institution für Kino- und TV-Filme, die einzige realitätsgenerierende Instanz im Land. Das ist eine grosse Verantwortung. Nun befindet man sich allerdings in einer Monopolsituation, es gibt keine Konkurrenz. Das ist problematisch. Der «Tatort» ist dafür ein gutes Beispiel. Man hätte da Produktionsfirmen gegeneinander antreten lassen sollen: Wer bringt das beste Konzept, wer den geilsten Kommissar? Stattdessen herrschte Ängstlichkeit, man machte halbe Sachen. Ich finde: wenn schon Primetime, wenn schon Boulevard und Swissness, dann mehr auf die Tube drücken.

Wie sähe Ihr Wunschkommissar denn aus?
Man könnte Stefan Gubser behalten. Aber nach fünf Minuten bitte einen Autounfall, der Kommissar landet querschnittgelähmt im Rollstuhl. Und voilà – wir haben den Charakterkopf: einen Misanthropen im Fahnenmeer! (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.07.2012, 14:14 Uhr

Samuel Schwarz, 40, ist Schauspieler und Regisseur. 1998 gründete er zusammen mit Lukas Bärfuss und Udo Israel die freie Theatergruppe 400 asa, die seither immer wieder Schlagzeilen machte mit ihren innovativen und politischen Projekten. Im Moment entwickelt Schwarz für den SWR den Sci-Fi-Stoff «Der Polder», der 2012 realisiert werden soll.

Trailer

Film

Kopfvoran und ohne Rücksicht auf Verluste stürzt sich dieser Film ins Zürifäscht: Dort, im Getümmel zwischen Chilbi und Fussball-WM, wurde «Mary & Johnny» vor zwei Jahren gedreht, ohne Fördergelder und frei nach Ödön von Horváth. Die beiden Regisseure Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal, zwei gar nicht graue Eminenzen der freien Theaterszene, haben dessen Volksstück «Kasimir und Karoline» vom Oktoberfest ans Zürifäscht verlegt, und so gnadenlos, wie das Horváth für seine Zeit tat, wollen sie den Kurszerfall der Liebe unter den Bedingungen der heutigen Wirtschaftskrise spiegeln.

Im Film ist Kasimir ein verhinderter Musiker namens Johnny (Philippe Graber), der seinen Verkäuferjob verliert. Und seine Mary, die sich im Taumel der Party potenteren Männern an die Brust wirft, ist ein «Kleiderständer mit nichts im Grind», gespielt von der Ex-Miss-Schweiz Nadine Vinzens. Das Beste an «Mary & Johnny» aber ist Marcus Signer als Johnnys gefährlicher Freund Mischa: Die lässig abgehangene Offstimme des Berners ist wie als Sicherung in diesen Film eingebaut, der sonst im überdrehten Puls des Zürifäschts schlägt. Immer dann, wenn Philippe Graber wieder mal besonders penetrant ins Nichts starrt oder Nadine Vinzens auf grelles Partygirl macht, meldet sich Signer mit sarkastischen Kommentaren aus dem Off.

Nein, «Mary & Johnny» ist kein Film zum Gernhaben (von diesen gibt es genug). Dazu ist er zu uneben, zu schlecht gespielt manchmal. Das angestrebte Horváth-Update bleibt vordergründig, und auf dem Festgelände dreht sich das Drama bald planlos im Kreis. Aber das ist auch der Dynamik des Rausches geschuldet, und da findet «Mary & Johnny» immer wieder zu einer fiebrigen Intensität, die selten ist im Schweizer Film. (flo)

Ab Donnerstag im Kino.

Bildstrecke

Nadine Vinzens

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