Wie Berlusconi die Massen manipuliert

Wie konnte das italienische Privatfernsehen so einflussreich werden? Ein neuer Dokumentarfilm wagt sich an das komplexe Thema - und tappt selbst in die Berlusconi-Falle.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Riccardo will unbedingt ins Fernsehen. Fabrizio Corona, der «moderne» Robin Hood, wie er sich selbst nennt, nimmt den Reichen das Geld und gibt es sich selbst. Und Lele Mora, der Starmacher in Italiens Showindustrie, logiert im «Weissen Haus» an der Costa Smeralda und vergnügt sich mit seinen männlichen Gästen am Pool. Allen dreien ist die grosse Bewunderung für Berlusconi gemein. Nicht nur das: Sie sind auch Teil des Systems, welches der Filmemacher Erik Gandini «Videocracy» nennt – die Herrschaft der Bilder.

Schonungslos und ernüchternd

Gandini, in Bergamo geboren, ging mit neunzehn Jahren nach Schweden, um an der Universität von Stockholm Filmwissenschaften zu studieren. Danach arbeitete er eine Zeit lang wieder in Italien in den Studios von Cinecittà als Kamera-Assistent. Sein erster Dokumentarfilm aus dem Jahre 1994 (Raja Sarajevo) findet weltweit Anerkennung, auch seine weiteren Filme kreisen wie sein Erstling um Menschen, die aufgrund politischer Zustände in eine besondere Lebenssituation geraten sind. Sein Dokumentarfilm aus dem Jahre 2003 («Surplus – Terrorized Into Being Consumers») ist eine Abrechnung mit der Konsumwelt und ihren Strippenziehern, darunter ist neben Ex-Präsident George W. Bush auch Premierminister Berlusconi zu sehen.

Der neuste Dokumentarfilm des Regisseurs ist genauso schonungslos wie ernüchternd – hier wird anhand von drei Berlusconi-Anhängern ein pessimistisches wenn nicht gar apokalyptisches Bild der Zustände in Italien gezeigt: Riccardo, der Mechaniker, der als eine Mischung aus Ricky Martin und Jean-Claude van Damme die Fernsehwelt erobern will, wohnt noch zu Hause, bei seiner Mamma. Die Frauen sind laut Riccardo im Berlusconi-System bevorzugt und tragen Schuld daran, dass es Männer so schwer haben. Frauen müssen nämlich gar nichts können, sie müssen nur gut aussehen, um im Fernsehen einen Platz zu finden.

So stehen sie dann alle da, die tausend Mädchen, die gerne stumme Zierdamen im Fernsehen werden wollen. In einem Casting können sie ihren «Stacchetto» – eine 30 Sekunden lange Showeinlage – zum Besten geben. Wer anspricht oder besser gesagt anmacht, hat den Job. Riccardo hingegen trainiert hart für seinen Traum und stählt seinen Körper, wann er nur kann. Sein Leben findet jedoch vor allem neben der Bühne statt, nämlich als Zuschauer in der ersten Reihe einer Fernsehshow.

An der Costa Smeralda zu Hause

Fabrizio Corona hingegen, will eigentlich nie bekannt werden; Geschäfte macht er mit Paparazzi-Bildern. Als Nutzniesser des Systems ist er erfolgreich, doch seine Aktivitäten bewegen sich am Rande der Legalität, so dass er mit der Justiz schon bald in Konflikt gerät. Nach einem Gefängnisaufenthalt rappelt er sich neu auf und wird beliebter Medienstar. War er einst Jäger, ist er nun Gejagter. Ein guter Freund, der ihm stets bei seinen Geschäften mit den Bildern hilft, ist Lele Mora, einflussreicher TV-Agent und Starmacher. Seine Karriere verdankt er Silvio Berlusconi.

An der Costa Smeralda sind sie alle zu Hause; TV-Agenten, Stars und Sternchen und natürlich der Premier. Nicht nur sind sie geografisch miteinander verbunden, auch die Machtverhältnisse sprechen für eine Nachbarschaft auf Sardinien – denn Politik und Medien sind in Italien eng miteinander verflochten.

Eine dürftige Erklärung

Gut ist der Film, wenn er den Blick hinter die Kulissen wagt und uns nicht nur Bilder im Eiltempo vorführt, sondern auch analysiert. Doch leider bedient sich Gandini der bekannten Bilder des italienischen Fernsehen selbst: Leichtbekleidete Mädchen, Berlusconi und der bunte TV-Zirkus – das kennen wir schon zu Genüge, wie es hingegen mit dem italienischen Fernsehen so weit kommen konnte, bleibt bis zuletzt im Dunkeln.

Für den Regisseur scheint Berlusconi die Antwort auf medienpolitische und gesellschaftliche Probleme zu sein. Eine etwas gar dürftige Erklärung, der sich schon viele bedient haben. Auch wenn der Premier im Film nicht gut wegkommt – die porträtierten Personen verlieren kein schlechtes Wort über ihn. Indem der Regisseur den Kritikern fast keine Sendungszeit einräumt und stets ein gut gelaunter Regierungschef auftreten lässt, tappt Gandini selbst in die Berlusconi-Falle. Denn nach 86 Minuten guter Unterhaltung wird vor allem der Eindruck erweckt, dass Silvio Berlusconi etwas ganz Besonderes sein muss.

Erstellt: 01.06.2010, 10:35 Uhr

Infobox

Kinostart des Dokumentarfilms «Videocracy» ist in Zürich am 10. Juni.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Warten auf den Papst: Ein Mann schaut aus seinem Papst-Kostüm hervor. Der echte Papst verweilt momentan in Bangkok und die Bevölkerung feiert seine Ankunft. (20. November 2019)
(Bild: Ann Wang) Mehr...