Wie viel Dällebach darfs sein?

Was läuft im Jahr eins nach Ivo Kummer? Seraina Rohrer, die neue Direktorin der Solothurner Filmtage, setzt auf einen braven «Dällebach Kari» und einen «Bösen Onkel».

Berner Lovestory: Im Eröffnungsfilm der Solothurner Filmtage begegnet der junge Dällebach Kari (Nils Althaus) der Liebe seines Lebens, der Fabrikantentochter Annemarie Geiser (Carla Juri).

Berner Lovestory: Im Eröffnungsfilm der Solothurner Filmtage begegnet der junge Dällebach Kari (Nils Althaus) der Liebe seines Lebens, der Fabrikantentochter Annemarie Geiser (Carla Juri). Bild: Thomas Kern/zvg

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Die Erwartungen sind gross, der Spielraum aber ist beschränkt – und das in doppelter Hinsicht: Sowohl vom Berner Stadtoriginal Dällebach Kari als auch von den Solothurner Filmtagen herrschen in künstlerischer Hinsicht klare Vorstellungen: So und nicht anders haben sie zu sein. Hier ein tragikomischer Coiffeurmeister, Sprücheklopfer und Säufer. Da eine vielfältige, unaufgeregte Werkschau des Schweizer Films.

Alles «gäng wi gäng»?

Bleibt also bei den 47. Solothurner Filmtagen alles «gäng wi gäng»? Nicht ganz. Der erst 34-jährigen Seraina Rohrer ist als Filmtage-Direktorin bereits ein erster Coup geglückt, indem sie Xavier Kollers «Eine wen iig, dr Dällebach Kari» als Eröffnungsfilm an Land zog. Die Neuadaption des von Kurt Früh 1970 erstmals verfilmten Stoffes wird schweizweit mit grosser Spannung erwartet.

Allein, Eröffnungswerke an den Filmtagen – das zeigt die jüngere Vergangenheit – sind in der Regel mit zwei Makeln behaftet: Sie stechen nur selten als künstlerische Highlights heraus; zu echten Kino-Kassenschlagern avancieren sie fast nie. «Manipulation», der letztjährige Eröffnungsfilm, brachte es gerade mal auf 6500 Zuschauer.

Unglückliche Lovestory

Auch Kollers «Dällebach Kari» dürfte Mühe haben, sich als grosser künstlerischer Wurf zu präsentieren. Der auf dem Stück von Livia Anne Richard beruhende Film beschränkt sich auf die unglückliche Lovestory zwischen Coiffeurmeister Dällebach und der mehrbesseren Fabrikantentochter Annemarie Geiser. Wo bleibt da der unberechenbare Kauz, wo der geistreiche Witz, werden viele fragen. Ein unbestreitbares Plus hat der Film immerhin: Dank Nils Althaus als jugendlichem Sympathieträger dürfte Kollers «Dällebach» auch ein junges Publikum ansprechen.

Verjüngt präsentiert sich auch das Programm der diesjährigen Filmtage. In den neu geschaffenen Sektionen «Jenseits des Kinos» setzt Direktorin Rohrer auf Werke, die inhaltlich und formal aus der Reihe tanzen, «Upcoming» bietet Nachwuchstalenten eine Plattform, und mit Marthe Keller wird in Solothurn eine Schauspielerin von internationalem Format geehrt.

Und wo bleiben die grossen filmpolitischen Aufreger? Die Prognose sei gewagt: Nachdem die Scherben aus der unruhigen Ära Bideau zusammengekehrt sind, werden Grundsatzdebatten dieses Jahr wohl ausbleiben. Auf den Leinwänden ist indes durchaus Konfliktstoff vorhanden. In «Bottled Life» etwa, dem Dokumentarfilm des Berners Urs Schnell, dürfte sich das Publikum über den Schweizer Nahrungsmittelmulti Nestlé aufregen. Regisseur Schnell zeigt, wie sich Nestlé in den USA zweifelhafter Mittel bedient, um an Quellwasser heranzukommen – und dann mit abgepackter Ware jährlich fast 10 Milliarden Franken umsetzt.

Nacktszenen und Fluchorgien

Für Kontroversen dürfte auch eine Late-Night-Vorstellung des Spielfilms «Der böse Onkel» sorgen. Urs Odermatt erzählt darin die Geschichte einer allein erziehenden Mutter, die einen Sportlehrer der sexuellen Belästigung ihrer Tochter bezichtigt und damit das ganze Dorf gegen sich aufbringt. Zu reden geben wird die Machart: Regisseur Odermatt zeigt den einsamen Kampf der Mutter als überdrehte Collage, vollgestopft mit Nacktszenen und Fluchorgien.

47. Solothurner Filmtage: 19.–26. Januar. www.solothurnerfilmtage.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.01.2012, 16:50 Uhr

Filmtage-Leiterin Seraina Rohrer. (Bild: zvg)

Juries und Preise

Acht Werke treten an den Solothurner Filmtagen zum 4. Prix de Soleure an, darunter der Berner Film «Bottled Life» von Urs Schnell (siehe oben). In der Jury, welche die humanistische Grundhaltung in einem Spiel- oder Dokumentarfilm auszeichnet, sitzen Alt-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, Regisseurin Séverine Cornamusaz («Coeur animal») und Schriftsteller Charles Lewinsky («Gerron»).

Der Ehrenpreis der Gemeinden im Wasseramt, dotiert mit 10'000 Franken, geht an den Bündner Kinobetreiber und Filmemacher Christian Schocher («Reisender Krieger»). Den Prix Pathé erhalten die Filmjournalisten Brigitte Häring («Filmischer Einblick ins Teenie-Dasein», DRS 2) und Flurin Fischer («Godards göttliche Komödie», Bündner Tagblatt).

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