Wie viel Kantönligeist erträgt der Schweizer Film?

Die hiesige Filmszene steckt im Dilemma zwischen Aufbruch und Tradition. In der Deutschschweiz gleicht die Förderung einem Puzzle.

Bild: Grafik: fri/Quellen: Bundesamt für Kultur (BAK), SRG, Kantone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Manchmal hat man als Filmschaffender einfach Pech. Man heisst etwa Samuel Schwarz, ist in Langnau geboren, in Bern aufgewachsen und in Zürich wohnhaft. Man ist Regisseur und hat ein internationales Filmprojekt namens «Der Polder» am Start, das zu 50 Prozent in Bern – inklusive Berner Darstellern, Berner Technikern und Bieler Co-Produzent – gedreht werden soll. Kostenpunkt: 3 Millionen Franken.

Ja. Ja. Ja. Ja. Nein.

Zu Beginn sieht für den «Polder» alles gut aus: Das Bundesamt für Kultur (BAK) sagt Ja. Das Schweizer Fernsehen (SRG) sagt Ja. Die Filmförderung Baden-Württemberg sagt Ja. Der Südwestrundfunk sagt Ja. Doch die Berner Filmförderung sagt Nein. Begründung: Mangelnder Bernbezug. So geschehen vor Monatsfrist, kurz nachdem «Der Polder» als interaktives Theater in Bern aufgeführt worden war. Samuel Schwarz, der das Amt für Kultur inzwischen mit harschen Mails eindeckt, fehlen jetzt 500'000 Franken. Und als Dreh- und Angelpunkt des Projekts ist Bern gestorben.

Warum aber hat Samuel Schwarz Pech? Ganz einfach: Weil er keine Westschweizer Produktionsfirma im Rücken hat. Mit einer solchen Firma, nennen wir sie Noir et Frères, würde er bei der Fondation romande pour le cinéma (Cinéforom) automatische Förderung erhalten. 500'000 Franken. Kein weiterer Nachweis erforderlich. Schwarz beziehungsweise Noir et Frères müssten nicht einmal belegen, dass sie in der Westschweiz drehen wollen. Es genügt, dass «Der Polder» vom BAK und der SRG gefördert wird.

Sonderfall Westschweiz

Wie ist so etwas möglich? Robert Boner, treibende Kraft hinter dem 2011 gegründeten Cinéforom, sagt: «Unsere Filmförderung ist keine Standortförderung, sondern eine Kulturförderung.» Matthias Bürcher, zuständig für die automatische Förderung, ergänzt: «Bei uns gibt es keine Prozentregel.» Prozentregel? Diese in der Berner Filmförderung oder der Zürcher Filmstiftung verankerte Klausel besagt, dass 150 Prozent des Förderbeitrags im entsprechenden Kanton ausgegeben werden müssen. Nicht so in der Romandie: «Wir gehen davon aus, dass diese Regel global sowieso erfüllt ist und möchten den Produzenten und uns unnötige Bürokratie ersparen», sagt Bürcher.

Kein Zweifel: Cinéforom, dieses kantonsübergreifende Förderkonstrukt vom Wallis bis zum Jura, beschreitet neue Wege. Und findet grosses Echo in der Deutschschweiz. «Wir schauen seit Neustem sehr neidisch in die Romandie», sagt Produzent Lukas Hobi («Achtung, fertig, Charlie!»). Auch Produzent Michael Steiger («Der Goalie bin ig») sagt: «Das Modell des Cinéforom zeigt, was durch eine Konzentration der Mittel bewirkt werden kann. Die Projekte in der Romandie werden dadurch schneller und effizienter umgesetzt.»

Wie aber sieht es bei der Regionalförderung in der Deutschschweiz aus? Kurz gesagt: kompliziert. Es herrscht ein Dilemma zwischen Aufbruch und Tradition, zwischen Kantönligeist und Zentralisierung. Und man könnte meinen, das Filmgeschäft sei gewissen Förderstellen grundsätzlich suspekt. Jedenfalls grassiert die Angst, Geld für etwas ausgeben zu müssen, für das man vielleicht nichts zurückerhält. Anders lässt sich kaum erklären, weshalb in einer Kulturstadt wie Basel eine Filmförderung nahezu inexistent ist (siehe Grafik).

Immerhin: Basel möchte irgendwann die Förderbeiträge aufstocken. Dasselbe planen die zur Filmförderung Zentralschweiz zusammengeschlossenen Kantone Luzern, Uri, Schwyz, Zug, Ob- und Nidwalden. St.Gallen hat seinen Beitrag auf 2013 erhöht – um bescheidene 50'000 Franken.

Option Gesamtschweiz

Warum also nicht gleich eine zentrale Deutschschweizer Filmförderung anstreben, um die bestehenden Benachteiligungen für Filmschaffende zu beseitigen? Gute Gründe lägen jedenfalls auf der Hand. Produzent und Regisseur Andres Brütsch sagt: «Jede Filmstiftung kostet Geld. Personalkosten. Infrastruktur. Et cetera. Alles Geld, das man nie auf der Leinwand sehen wird.»

Brütsch war treibende Kraft hinter der Zürcher Filmstiftung, die seit ihrer Gründung 2005 als Vorzeigemodell galt. Jetzt sagt Brütsch: «Statt überall kleine Filmförderinstitute auf die Beine zu stellen, sollte man eine überregionale Förderung betreiben. In einer Filmstiftung Deutschschweiz sollen die Regionen mit ihren Vertretern präsent sein und so ihre Talente und ihren Standort repräsentieren.»

«Regional = existenziell»

Der Weg dahin scheint jedoch noch weit und Skepsis verbreitet. Der Berner Regisseur und Produzent David Fonjallaz sagt: «Die Zürcher Filmstiftung wäre eine viel zu attraktive Braut und würde in einer Deutschschweizer Filmstiftung niemals mitmachen.» Bedenken äussert auch der Berner Regisseur und Produzent Dieter Fahrer («Thorberg»): «Eine regional verankerte Filmkultur ist existenziell! Hier schauen wir Film, hier machen wir Film, hier diskutieren und leben wir Film.»

Die Angst vor den Grossen

Aus Fahrers Worten spricht die Angst, dass regionale Filme von (inter-)nationalen Grossprojekten verdrängt werden könnten. Auch die Berner Filmförderung, die den «Polder» von Samuel Schwarz ablehnte, hält am Bernbezug fest. «Der Bernbezug war in der Debatte um das 2013 total revidierte Kulturgesetz nie umstritten», sagt Heinz Röthlisberger, interimistischer Leiter des Amts für Kultur. Immerhin: Jetzt geht die Berner Filmförderung über die Bücher. «Die Wirkung und die Wirksamkeit der Berner Filmförderung von 2006 bis 2012 werden zurzeit von einer externen Firma evaluiert», sagt Röthlisberger.

Zum Zusammenschluss regionaler Förderungen äussert sich selbst der streitbare Tausendsassa Samir vorsichtig: «Zürich, Bern und Basel sind in der deutschen Schweiz die wichtigsten Regionen der Filmbranche. Es wäre hilfreich, andere Kantone einzubinden. Eine Trennung der Förderung in Deutschschweiz und Romandie wäre jedoch politisch nicht geschickt.»

Und jetzt? Gute Frage. Wenn man Samuel Schwarz heisst, sollte man wohl doch über eine Gründung von Noir et Frères nachdenken. Auf lange Sicht sollte sich die Deutschschweiz aber eine dicke Scheibe von der Romandie abschneiden. Und, besser noch, sich mit der Westschweiz und dem Tessin über eine gesamtschweizerische Förderung verständigen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.07.2013, 15:48 Uhr

Artikel zum Thema

Ein blutiger Horrorfilm gewinnt den Hauptpreis des Nifff

Das Neuchâtel International Fantastic Film Festival ist mit einem neuen Besucherrekord zu Ende gegangen. Der Hauptpreis geht nach Frankreich. Mehr...

Fünf Schweizer Filme, die wir sehen wollen

Hintergrund Die Filmförderung bekommt vom Bund mehr Geld. Jetzt bitte richtig investieren. Fünf Vorschläge. Mehr...

Wer was fördert – und was wie viel kostet

Geld und Nerven. Wer in der Schweiz Filme drehen will, braucht beides und meistens beides gleichzeitig. Um einen Film zu finanzieren, beantragen Produzenten bei verschiedenen öffentlichen und privaten Institutionen Fördergelder. Nur so ist angesichts der hohen Herstellungskosten professionelles Filmschaffen möglich. Filme aus Europa spielen, anders als US-Produktionen, nur in Ausnahmefällen ihre Entstehungskosten wieder ein.

Ein Schweizer Spielfilm kostet durchschnittlich 2,2 Millionen Franken. Grössere Produktionen, die meist in internationaler Zusammenarbeit entstehen, verschlingen gegen 5 Millionen Franken. Von einer Low-Budget-Produktion spricht man, wenn ein Spielfilm weniger als eine Million Franken kostet.

Ein Fernsehfilm kostet durchschnittlich 1,8 Millionen, ein Dokumentarfilm 400'000 bis 700'000 Franken. Pro Jahr werden in der Schweiz im Schnitt 25 Spielfilme, 40 Dokumentarfilme und 6 Fernsehfilme realisiert. Der Marktanteil des Schweizer Films im Kino betrug im vergangenen Jahr 5,01 Prozent.

Nationale Filmförderung betreiben das Bundesamt für Kultur (BAK) und das Schweizer Fernsehen (SRG). Immer wichtiger werden jedoch regionale Förderstellen, vor allem dann, wenn sie nicht nur ergänzend zu BAK und SRG fördern, sondern als sogenannte Anschubfinanzierung funktionieren. Dies ist in der Westschweiz, in Zürich und in Bern der Fall, wo dank namhafter Budgeterhöhungen in den letzten Jahren (siehe Grafik) Anschubfinanzierungen möglich sind. Dies erhöht die Chancen von Filmschaffenden, mit ihren Projekten auch auf nationaler Ebene gefördert zu werden.

Quelle: Rachel Schmid, Sven Wälti: «Konzept zur zukünftigen Gestaltung der Filmförderung Zentralschweiz».

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Blogs

Welttheater Big Ben verstummt
Blog Mag Das Auto, dein Partner
Mamablog Kinder beschimpfen

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Installationskünstler: Präsentation des Werks «Der Baum, der blinzelte» vom britischen Künstler Karel Bata in einem Nachtfestival in Singapur. Das Lichtspektakel findet vom 18. bis 26. August 2017 statt (16. August 2017).
(Bild: Wallace Woon) Mehr...