Wir müssen weitererzählen

Mit seinem Monumentalwerk «Shoah» erlangte der französische Filmregisseur Claude Lanzmann Weltruhm. Jetzt ist er im Alter von 92 Jahren gestorben.

Ein Leben als engagierter Intellektueller: Claude Lanzmann. Foto: Imago

Ein Leben als engagierter Intellektueller: Claude Lanzmann. Foto: Imago

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Irgendwann sind da nur noch leere Gesten: Der Griff nach dem Lappen, mit dem er sich den Schweiss vom Kopf wischt und mit dem er vergeblich die Tränen zurückdrängen will. Bis er nicht mehr kann, endgültig die Schere vom Kopf seines Coiffeurgastes nimmt – und wir uns auf dem Erinnerungsweg am Nullpunkt der Menschheit befinden. In einer Filmszene, die sich allen eingebrannt hat, die das Monumentalwerk «Shoah» gesehen haben – ein Werk, in dem der Frage nachgegangen wird, wie «es» geschehen konnte.

«Es» war Claude Lanzmanns Lebensthema: Die Vergegenwärtigung des millionenfachen Mordes an den Juden, den Lanzmann in seinem neunstündigen «Shoah»-Film (1985) zu fassen versuchte. Allein mithilfe von Zeitzeugen, also ganz ohne KZ-Archivbilder. Einer von Lanzmanns Zeugen war der Coiffeur Abraham Bomba, der in akzentschwerem Englisch scheinbar unerschütterlich erzählt, wie er im Vernichtungslager von Treblinka den Todgeweihten die Haare zu schneiden hatte: Frauen und Kindern, die sich vorher zu entkleiden hatten, also nackt den Coiffeuren gegenübertraten, bevor sie vergast wurden.

Liaison mit Simone de Beauvoir

«Sie müssen weitererzählen, wir müssen es tun», sagt Lanzmann in «Shoah» immer wieder zu Bomba, damit er von ihm zu hören bekommt, was er nach mehreren Pausen dann auch wirklich erzählt: Wie andere Coiffeure auf dem Weg in den Gastod ihren Kindern und Frauen begegneten, ihnen die Haare zu schneiden hatten – und ihnen nicht sagen konnten, dass sie sich nie mehr wiedersehen würden.

Lanzmann selbst war ein Enkel jüdischer Immigranten aus Osteuropa, der in Paris geboren wurde und mit Jahrgang 1925 ein Kind der Résistance war: Als jugendliches Mitglied der Kommunisten nahm er in der Besatzungszeit auf Bahnhöfen Waffen in Koffern entgegen. Unter den Augen von Gestapo-Männern, wie er später erzählte. Seiner tiefen Abscheu gegenüber den Deutschen, denen er auch später noch eine Kollektivschuld anlastete, wurde sich Lanzmann in Tübingen bewusst, wo er nach dem Krieg Philosophie studierte. Später auch in Berlin, wo er 1949 an der Freien Universität ein von der französischen Militärregierung bald verbotenes Seminar über Antisemitismus abhielt.

Sein Lebensprojekt: den Schrecken der Shoah vergegenwärtigen, ohne die Erinnerung an die Toten zu verletzen.

Lanzmann führte das Leben eines engagierten Intellektuellen. Nach seiner Rückkehr aus Deutschland avancierte er rasch zum Starjournalisten, der auf den grossen Bühnen in Frankreich das Wort ergriff: mit Debattenbeiträgen in «Le Monde», Reportagen über seine Reise nach Nordkorea im Jahr 1958 und seinem langjährigen Engagement gegen den Algerienkrieg. Spätestens in dieser Zeit tankte Lanzmann das Selbstbewusstsein, das ihn zu einem unerschütterlichen Kämpfer machte. Gestärkt wurde er dabei nicht zuletzt von der Beziehung mit Frankreichs bedeutendsten Intellektuellen jener Zeit: mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, mit denen er das Intellektuellenorgan «Les Temps Modernes» herausgab und mit denen er auch privat verkehrte. Sieben Jahre lang, von 1952 bis 1959, führten de Beauvoir und Lanzmann eine Beziehung, die ihm zufolge sehr intensiv war – «intellektuell wie körperlich». Auf die Tatsache, dass er mit Sartres Frau eine sexuelle Beziehung hatte, legte Lanzmann selbst in den letzten Lebensjahren noch grossen Wert.

Der Film «Shoah» (1985) von Claude Lanzmann. Video: Youtube/DaDarvid

Ein wichtiger Schritt hin zu «Shoah» und in der Entwicklung vom schreibenden Journalisten zum Filmemacher war für Lanzmann die Konfrontation mit dem Staat Israel, dem er durch seine ­Liaison mit der dort lebenden Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff ver­bunden war und dem er seinen ersten Dokumentarfilm, «Warum Israel» (1973), widmete. Auf Lanzmann, der aus einer Familie kam, in der die Mutter die Religion ein «Affentheater» nannte, wirkte Israel «auf Anhieb brüderlich und fremd» – eine Haltung, die er auch auf seinen Israel-Film übertrug, in dem er stets «drinnen und draussen» blieb. In den zwölf Jahren nach «Warum Israel» entstand «Shoah». In der Autobiografie «Der patagonische Hase» von 2009, die nicht zufällig das Fruchtbarkeitstier im Titel führt, räumte Lanzmann ein, dass er besessen von der Vergegenwärtigung des Holocausts war. «Etwas sehr Starkes, geradezu Zwingendes» habe ihn dazu gebracht, diesen Film zu drehen.

Mit «Shoah» kam für Lanzmann nicht nur der Weltruhm. Er prägte damit auch die Erinnerung der Nachkriegsgeneration an die Judenvernichtung. Und er wurde zu einem Priester des Bildverbots: Um die Shoah sei ein «Flammenkreis» aus Respekt zu ziehen, den keine Fiktion überschreiten dürfe. Zeigen, wie es gewesen sein könnte, heisst immer auch, dass es anders gewesen sein könnte. Die Illustration der eigenen Variante aber läuft auf das hinaus, was dem Publikum noch zumutbar ist – und da beginnen die Brutalität der Verharm­losung und die Anmassung, das Unvorstellbare darzustellen.

Worte von strengem Zorn

Das Pietätsgebot war gegen Steven Spielbergs «Schindler’s List» gerichtet. Claude Lanzmann war beileibe nicht der einzige Kritiker des Dramas über einige Gerettete, wo der Holocaust doch von der Zerstörung handle – so sagte es der jüdische Schriftsteller Imre Kertész. Aber Lanzmanns Worte waren beissend und von strengem Zorn. Diesen richtete er gegen all jene, die gegen sein Bilderverbot verstiessen.

2013 holte er Aufnahmen vom «Shoah»-Dreh hervor, die er nicht verwendet hatte, von denen er jedoch nie losgekommen war. Es waren Gespräche, die er 1975 mit dem Wiener Rabbiner Benjamin Murmelstein geführt hatte, dem letzten Vorsitzenden des Judenrats des KZ Theresienstadt. In «Der Letzte der Ungerechten» verliess sich Lanzmann abermals auf die Zeugenschaft durch das gesprochene Wort. Reha­bilitierte er da einen Beteiligten der Judenvernichtung? Murmelstein spricht differenziert darüber, wie er als «Judenältester» in der Unmoral einen Rest an Moral zu bewahren versuchte. Und wie er trotzdem mitwirkte an der Nazi-Show, das KZ Theresienstadt als gut geführtes «Modell Ghetto» zu inszenieren und wie er deswegen ein Feigling geschimpft wurde, unter anderem von Hannah Arendt.

Lanzmann lässt Murmelstein reden, ohne es ihm einfach zu machen. Er fragt nach und zeigt sich nicht selten selbst im Film. Auch sonst schob er sich immer wieder vor die Diskussion um die Moral der Bilder. 2015 besucht er die Premiere von «Son of Saul» am Cannes-Festival. Der Ungar László Nemes inszeniert in seinem Drama die Aufräumarbeiten eines Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau auf so hautnahe Art, dass die Frage, ob man so etwas darf, gleich wieder im Raum stand. Lanzmann war dort und sagte: Man darf. Zur allgemeinen Verwunderung nannte er den Film «den Anti-‹Schindler’s List›».

Er gab einer Fiktion den Segen, die das Gedächtnis ans Grauen bewahre, weil sie es nicht in Bilder fasse. Weil sie eben doch nicht zeige, was man nicht zeigen kann: wie Menschen vergast werden. Den Schrecken der Shoah zu vergegenwärtigen, ohne die Erinnerung an die Toten zu verletzen: Das war auch Claude Lanzmanns Lebensprojekt. Nun ist er mit 92 Jahren in Paris gestorben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.07.2018, 19:27 Uhr

Artikel zum Thema

«Shoah»-Regisseur arbeitet den Holocaust-Leugnern zu

Claude Lanzmann hat sich über den verstorbenen Elie Wiesel ausgelassen – und damit den Holocaust-Leugnern Tür und Tor geöffnet. Mehr...

Der «höhere Unsinn» des Überlebens

Kritik Benjamin Murmelstein war der letzte Vorsitzende des Judenrats im KZ Theresienstadt. Claude Lanzmann machte einen Dokumentarfilm über ihn. Mehr...

Ein Ausschnitt der Auslöschung

Kein Film über den Holocaust ist so beklemmend wie «Son of Saul» von László Nemes. Das Oscar-prämierte Drama führt mitten hinein in den Wahnsinn der Menschenvernichtung. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Indien überholt Nigeria

Von Kopf bis Fuss So einfach geht gute Verdauung

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...