«Wir nahmen den Geist von Gandhi auf»

Der Film «Millions Can Walk» ist unter erschwerten Bedingungen entstanden. Und trotzte dennoch allen Widerständen. Damit ähnelt er seinem Sujet: dem gewaltlosen Freiheitskampf der Ärmsten Indiens.

Ein Fussmarsch für die Gerechtigkeit, der sich ausgezahlt hat: Teilnehmer des «Jan Satyagraha» in der Nähe von Moreni. (4. Oktober 2012)

Ein Fussmarsch für die Gerechtigkeit, der sich ausgezahlt hat: Teilnehmer des «Jan Satyagraha» in der Nähe von Moreni. (4. Oktober 2012) Bild: Altaf Qadri/Keystone

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«Millions Can Walk» nimmt uns, sein Publikum, mit – mit nach Indien. Das ist für einen Dokumentarfilm nicht selbstverständlich, der sozusagen fernmündlich gedreht werden musste. Das Filmprojekt von Christoph Schaub war vor Ort sorgfältig recherchiert und für die Dreharbeiten vorbereitet worden. Doch als der Schweizer Regisseur zur Realisierung nach Indien reiste, wurde er als «black-listed» bezeichnet und trotz seines gültigen Visums mit der gleichen Swiss-Maschine wieder heimgeflogen. Deshalb ist «Millions Can Walk» jetzt das Werk zweier Regisseure: Wo der Autor nicht sein durfte, führte Kamal Musale Regie. Er ist Schweizer und Inder mit Wohnsitz in Mumbai.

Das ungewöhnliche Teamwork, an dem auch die Produzentin Franziska Reck entscheidenden Anteil hatte, überzeugt und berührt. Die Situation war jedoch für Christoph Schaub trotz der guten Zusammenarbeit mit Kamal Musale und der Crew eine «berufliche Grenzerfahrung». Es muss schwierig und manchmal auch schmerzlich gewesen sein, einen Film «fernzusteuern», wo Hautnähe notwendig gewesen wäre. Betrachtet man indessen das Thema und das Ziel von «Millions Can Walk», so kommt man nicht umhin, im mutigen Trotzdem einen dem «Jan Satyagraha», dem «Marsch für Gerechtigkeit», entsprechenden Akt zu sehen. All die trennenden Distanzen zu überwinden ist doch ein Hauptziel.

Grund für Ausbeutung

So nimmt uns denn «Millions Can Walk» mit zu den Adivasi, der seit Jahrhunderten, nein, Jahrtausenden immer weiter zurückgedrängten Urbevölkerung. Adivasi, wie sich diese Menschen selbst nennen, bedeutet übersetzt «der erste Mensch». Diese ersten Menschen wurden schon vor unserer Zeitrechnung ins Bergland vertrieben. Die Gebiete, in denen sie leben konnten, erwiesen sich jedoch in der Gegenwart als reich an Bodenschätzen, als geeigneter Grund für immense Plantagen und andere Ausbeutungen. Wo bleibt da Raum für das bescheidene Leben dieser Menschen, die uns zeigen, was sie noch haben?

«Millions Can Walk» nimmt uns mit, weil uns die Instruktoren und Organisatoren mitnehmen und den grossen Marsch unter gleissender Sonne transparent werden lassen als geistiges und logistisches Gemeinschaftswerk. Individuen können zu vielen gehören, und die Kraft der vielen entsteht aus dem Engagement der Individuen. Sie haben erreicht, dass die Regierung sich ihrer Verpflichtungen erinnert. Ein halbes Jahr nach dem Gerechtigkeitsmarsch «Jan Satyagraha» waren 70 Prozent der gesetzlichen Vereinbarungen von der Regierung verabschiedet, ein Jahr danach gar 80. Dazu gehören die Respektierung der Nationalität und damit des Stimm- und Wahlrechts und die Garantie der Lebensgrundlagen. Land- und Obdachlose erhalten Bau- und Agrarland. Ehefrauen können ohne Männer Land erwerben. Und die Adivasi sollen die ihnen 2006 zugesicherten Waldrechte real erhalten.

Ein Hundertstel des Erdumfangs

«Millions Can Walk» nimmt uns mit, denn sie sind auch für uns marschiert, die «rechtlosen» indischen Adivasi und alle mit ihnen solidarischen Frauen und Männer des Subkontinents. Wenn wir den Film gesehen und emotional miterlebt haben, gehören wir irgendwie zu ihnen. Sie sind im Oktober 2012 aufgebrochen von Gwalior ins vierhundert Kilometer weit entfernte Delhi (siehe Co-Text). Hunderttausend legten gemeinsam einen Hundertstel des Erdumfangs zurück und setzten damit ein Zeichen. Wird man dereinst erkennen, dass jeder ihrer gewaltlosen Schritte hin zu Wahrheit und Gerechtigkeit mehr wert ist als all die glänzenden Geschäftsabschlüsse unserer papiergeldgläubigen, blind immer weiter «kolonialisierenden» und ausbeutenden Gegenwart? «Millions Can Walk» ist ein wichtiger Film, weniger eine Geschichte als eine Einladung mitzugehen. Viele Märsche stehen an!

Mit aneinandergelegten Händen begrüssten wir uns in der Berner Hotelbar als Fremde. Als Freunde wünschten wir uns eine Stunde später Wiedersehen und gutes Gelingen. Rajagopal P. V. reist gegenwärtig durch die Schweiz. Er begleitet den Film «Millions Can Walk» über den von ihm mitinitiierten «Jan Satyagraha», den «Marsch für Gerechtigkeit»: Im Oktober 2012 marschierten über hunderttausend Menschen zu Fuss 400 Kilometer weit durch Indien, um Menschenwürde, Gleichheit und Gerechtigkeit für die mittel- und rechtlosen Adivasi, die Urbevölkerung, zu demonstrieren.

«Ich war sehr jung, als ich mich zu engagieren begann», erzählt Rajagopal. «Aber ich war nicht allein. 2012 organisierte die Bewegung Ekta Parishad mit 12 000 freiwilligen Aktivisten den friedlichen Protestmarsch. Aber der Film meint ja die Zukunft. Das nächste Mal wird im Jahr 2020 eine Million Menschen aus ganz Indien kommen. Und sie werden für das Morgen dieser Welt marschieren.»

Auch wenn Rajagopal den Willen und die treibende Kraft der Bewegung verkörpert, widersetzt er sich doch jedem Menschenkult und zählt sich zum grossen Team von Instruktoren, Beratern, Begleitern und Logistikern: «Wir nahmen den Geist von Gandhi auf und erinnerten uns seiner Aktionen, der Handspinn-Bewegung und des Marschs ans Ufer des Arabischen Meeres, um Salzkristalle zu sammeln. Gewaltfrei kämpfte er so gegen britische Monopole. In dieser grossen Tradition protestierten die hunderttausend Inderinnen und Inder dagegen, dass die Adivasi ihrer Lebensgrundlagen beraubt worden sind.»Dem Charisma Rajagopals kann man sich nicht entziehen. Er ist ganz da, ganz in der Berner Gegenwart, wenn er mit 65 Jahren über sein 1970 begonnenes Lebenswerk spricht. Gleichzeitig zeichnet er die Perspektiven einer gerechteren Welt: «Wir versuchen, die Regierung nicht als Gegner zu sehen, sondern zu transformieren. Die Adivasi, für die wir unterwegs sind, haben nicht nur ihr Land und ihr Obdach verloren, sondern ihre ganze Kultur. Sie marschieren einem neuen Selbstbewusstsein, einem neuen Stolz entgegen und erinnern sich ihrer naturverbundenen Kultur.»Die in der Nähe von Bern lebende Carmen Zanella konnte Rajagopal auf einer Reise durch die Stammesgebiete der Adivasi begleiten und dokumentiert im Buch «Das Erbe von Gandhi» sein Wirken. (Der Bund)

Erstellt: 25.01.2014, 08:39 Uhr

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