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Wissen, wie es sein muss

Eine lockere Konversation über die ernste Kinoarbeit: Zum Abschluss des 9. Zurich Film Festival hielt der Regisseur Michael Haneke eine Masterclass ab.

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Eine Art Reinheitsgebot des österreichischen Regisseurs und strengen Ethikers Michael Haneke lautet, dass Kunst eine moralische Kategorie sei und dass Moral ohne Ästhetik zur schlechten Pädagogik verkomme. Eine solche Skepsis gegen alles Pädagogische und gegen allen sentimentalen Trost der Psychologie herrscht in seinen Filmen, dass einem eiskalt werden kann – von «Der siebente Kontinent» (1989) bis zu «Das weisse Band» (2009). Seine Filme sind anstrengende Versuche mit der menschlichen Moral, und er hat uns oft allein gelassen mit unseren Projektionen und in den Abgründen des Menschenmöglichen.

So einer lässt sich künstlerisch auch nicht erweichen durch einen gewonnenen Oscar (für «Amour», seinen wärmsten, mitfühlendsten Film) oder zu Deutungshilfen verleiten wegen des «A Tribute to . . . Award», den ihm das 9. Zurich Film Festival verliehen hat.

Das Unrichtige ist auch richtig

Da blieb er auch in seiner sonntäglichen Masterclass ganz der alte «cineastische Forensiker», wie er an der Preisverleihung vom Samstag genannt worden war (siehe Text unten). Gewissermassen der objektive Leichenbeschauer, der die Fallanalysen dem Publikum überlässt. «Das Wesen meiner Arbeit ist die Nichtinterpretation», sagte er im Gespräch mit der Moderatorin Monika Schärer und dem Publikum; oder: «Ich nötige den Zuschauer, sich interpretierend einzubringen.» Und immer wieder sei er dann verblüfft über das, was man in ihn hineinlese, zu seiner grossen Befriedigung übrigens, weil alles ja richtig sei auf seine Art, auch das Unrichtige, denn jeder eigene Film vollende sich doch erst in fremden Köpfen, und «nicht, was man will, ist am Ende wichtig, sondern das, was einem passiert».

Mit psychologischer Dienstverweigerung musste man rechnen. Eben sei auf Deutsch ein Buch erschienen, sagte Monika Schärer (und «kaufen, kaufen, kaufen!», riet Michael Haneke): «Haneke über Haneke» im Alexander-Verlag, Gespräche mit zwei französischen Filmkritikern, und mindestens 25-mal habe sie darin diese typische Haneke-Antwort gelesen: «Das ist Ihre Interpretation.» Im Filmpodium andererseits sass kein Mann, der sich dem Dialog und der Selbstbeschreibung verweigerte. Sondern – von einer lockeren Moderation animiert – ein Causeur in bester Laune, der gern und konkret davon erzählte, wie akribisch er seine «offene Dramaturgie» plane und in exakte, unmissverständliche Storyboards fasse. Einer, der ganz genau weiss, was er auslösen will, bevor er zulässt, dass ihm vielleicht etwas ganz anderes passiert.

Man verstand: Er ist stur und kann ungeduldig werden, wenn man ihm beim Drehen mit technischen Problemen kommt, die man nicht vorher schon angemahnt hat. «Es steht ja alles im Buch, und alle haben es.» Und ach, die Schauspieler! Manche redeten so gern über die emotionalen Motive ihrer Figur und ihrer ganzen Ahnenreihe, auch Juliette Binoche zum Beispiel, die einmal geklagt habe, er stecke sie in ein «Korsett». Wie er als ein gebranntes Theaterkind der 60er-Jahre diese Diskutiererei hasse über Dinge, die gar nicht zu diskutieren seien! «Weil ichs geschrieben habe, weiss ich doch, wie es sein soll.» Manchmal, um Zeit zu sparen, spiele er dann halt selber vor, wies richtig sei; nur bei Tim Roth – in «Funny Games U.S.» (2007), dem Remake des eigenen Films von 1997 – habe er das gelassen, «der kann das nicht ausstehen».

In den Anekdoten, natürlich, erkannte man das ernste Selbstbewusstsein einer ausgereiften Professionalität, die genau Bescheid weiss über alle filmischen und dramaturgischen Techniken der Gefühlsmanipulation, die sie vermeiden will. Geradezu zärtlich sprach Michael Haneke vom Ton: vom blossen Knarren einer Treppe, das erschreckender und beunruhigender sein könne als das leibliche Erscheinen des Monströsen; und von den kaum recht gewürdigten Geräuschhandwerkern: «Die kommen mit einem Koffer voller Müll und schöpfen eine Welt.» Er sei ja eigentlich ein Hörer, und oft sehe er mit geschlossenen Augen besser.

Dialoge muss man können

Wie er es angestellt habe, sich seine dramaturgische und dialogische Sicherheit zu erwerben, wurde gefragt. Und zwei pointierte Antworten konnte man quasi als Beiträge zur ewigen Qualitätsdebatte ums deutschsprachige Drehbuch getrost (oder ungetröstet) nach Hause tragen. Die hilfreichere lautete: «Was ich von Dramaturgie weiss, weiss ich durch das Lesen schlechter Drehbücher.» Die düsterere war: «Wer kein Gehör für Dialog hat, lernt es nie.»

Erstellt: 07.10.2013, 07:24 Uhr

«Ich nötige die Zuschauer»: Michael Haneke gestern in der Masterclass im Zürcher Filmpodium. (Bild: Doris Fanconi)

Die Preisträger

Bester Spielfilm: «La jaula de oro» von Diego Quemada-Díez

Bester Dokumentarfilm: «Rent a Family Inc.» von Kaspar Astrup Schroeder

Bester deutschsprachiger Spielfilm: «Finsterworld» von Frauke Finsterwalder

Bester deutschsprachiger Dokumentarfilm: «Neuland» von Anna Thommen

Publikumspreis: «Journey to Jah» von Noël Dernesch und Moritz Springer

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