Interview

«Wo es um Leben und Tod geht, gibt es keine allgemeinen Regeln»

Der jüdische Schauspieler und Regisseur Kurt Gerron musste für die Nazis einen Propagandafilm über das KZ Theresienstadt drehen. Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky schrieb einen Roman darüber.

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Herr Lewinsky, warum haben Sie sich für einen Roman über Kurt Gerron entschieden?
Ich bin zufällig auf seine Lebensgeschichte gestossen. Zum ersten Mal bin ich Gerron in einer Sendung begegnet – ich weiss gar nicht mehr, ob es im Radio oder auf dem Bildschirm war. Seither hat mich sein Schicksal nicht mehr losgelassen.

Sie haben viel recherchiert für das Buch. Sie hätten ja auch eine Biografie schreiben können.
Nein, eine Biografie wäre eine Aufgabe für einen Historiker gewesen. Aber Recherche gehört auch zum Beruf eines Schriftstellers. Je mehr man über etwas weiss, desto besser kann man die eigene Fantasie spielen lassen.

Waren Sie für die Recherchen auch an Originalschauplätzen?
Vor allem in Holland habe ich seine Spuren sehr genau verfolgt.

Trafen Sie auch auf Menschen, die Gerron noch persönlich kannten?
Ich habe keinen ausfindig machen können.

War es Ihnen wichtiger, Gerron ein poetisches Denkmal zu errichten als ein historisch korrektes, für das sich dann aber niemand interessiert?
Ich meine, dass aus der Fantasie eines Romanautors manchmal mehr Wirklichkeit entstehen kann als aus einer rein faktischen Beschreibung.

Halfen Sie sich nur bei Lücken mit Fiktion aus, oder haben Sie für den Erzählfluss auch bewusst auf Fakten verzichtet?
Ich habe versucht, den bekannten Fakten nirgends zu widersprechen. Aber da zum Beispiel über Gerrons Jugend oder seine Militärzeit nichts bekannt ist, habe ich mit gutem Gewissen sehr viel dazu erfunden.

Ist Ihnen Kurt Gerron im Laufe der Arbeiten am Buch nähergekommen?
Jede Romanfigur, mit der man sich über Jahre so intensiv befasst, kommt einem sehr nahe. Dabei spielt es eigentlich keine Rolle, ob es sich um eine reale oder um eine erfundene Figur handelt.

Ging er Ihnen nicht zu nahe? Kurt Gerron spricht als Ich-Erzähler zu den Lesern, Sie mussten sich während des Schreibens direkt in diese tragische Figur versetzen.
Es gab für mich keinen anderen Weg, als Kurt Gerron selber zu Wort kommen zu lassen. Natürlich war das – auch emotional – nicht immer einfach. Aber diese Nähe gehört dazu, wenn man sich auf eine Geschichte wirklich einlässt.

Eine zentrale Frage, die sich bei Gerron stellt: Wie weit darf ein unterdrückter Künstler sich auf die Unterdrücker einlassen?
Dieser Zwiespalt, der Gerron fast zerreisst, steht im Mittelpunkt der Handlung.

Letztlich hat ihm die Einwilligung ins Filmprojekt über das KZ Theresienstadt auch nicht das Leben gerettet. Heisst das für Sie, er hätte sich gar nicht erst darauf einlassen sollen?
Man kann eine solche Schicksalsfrage nicht aus dem Blick des Nachgeborenen beantworten. Kurt Gerrons Handlungsweise hätte keine andere Qualität gewonnen, wenn es ihm gelungen wäre, damit das eigene Leben zu retten.

Überlebende haben Gerron ja das Mitwirken an diesem Propagandafilm übel genommen. Aber ist es nicht allzu menschlich, für die Hoffnung auf ein Weiterleben die Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen?
Ich halte es für falsch, an eine Zeit, in der alle Regeln und Tabus aufgehoben waren, die Massstäbe unserer so viel friedlicheren Zeit anzulegen. Niemand hat das Recht, einen Menschen wie Kurt Gerron für seine Handlungsweise zu kritisieren oder gar zu verurteilen.

Aber müssen Künstler nicht immer Widerstand leisten – gerade auch in heutigen Zeiten als Lehre aus dieser Geschichte?
Das muss jeder für sich selber und von Fall zu Fall entscheiden. Wo es um Leben und Tod geht, kann man keine allgemeinen Regeln aufstellen.

Seine zwei berühmtesten Rollen waren die des «Mackie Messer»-Sängers in der Uraufführung von Brechts «Dreigroschenoper» und die des Zauberkünstlers Kiepert in «Der blaue Engel». Wen bewundern Sie mehr, den Bühnen- oder den Filmschauspieler Gerron?
Bewunderung hat damit nichts zu tun. Wenn man absolute Massstäbe anlegen wollte, müsste man wohl sagen: Er war mehr ein interessanter Typ als ein grosser Schauspieler.

Haben Sie trotzdem einen Lieblingsfilm mit ihm?
In der UFA-Komödie «Einbrecher» gibt es eine ganz kleine Szene, wo der massige Kurt Gerron gegen seinen Willen bei einem Lied mitzutanzen beginnt. Die könnte ich mir immer wieder ansehen.

Sie sind ja auch ein erfolgreicher Drehbuch- und Bühnenautor. Werden Sie dereinst Gerron in einem Theaterstück oder Filmprojekt aufleben lassen?
Ich habe mich dazu entschlossen, die Geschichte in einem Roman zu behandeln. Vielleicht wird irgendwann jemand dadurch zu einem Film inspiriert – für mich selber ist das Thema abgeschlossen.

Erstellt: 25.08.2011, 12:55 Uhr

Charles Lewinsky: «Gerron», Nagel&Kimche-Verlag, ISBN: 978-3-312-00478-2. Das Buch kommt am 29. August in den Handel.

Kurt Gerron

Gerron wurde am 11. Mai 1897 in eine wohlhabende Berliner Kaufmannsfamilie geboren. Von 1920 bis 1925 war der Schauspieler unter anderem an den Berliner Reinhardt-Bühnen engagiert. Seine wohl grösste Rolle hatte er aber im Film – als Zauberkünstler Kiepert in Josef von Sternenbergs «Der blaue Engel» (1930). 1944 wurde er nach Theresienstadt deportiert, wo er gezwungen wurde, den vorgeblich dokumentarischen Film «Theresienstadt» zu inszenieren. Der Welt sollte gezeigt werden, wie gut es die Juden dort haben. Im Oktober 1944 wurde Gerron nach Auschwitz transportiert und in der Gaskammer ermordet.

Der Dokumentarfilm über Theresienstadt, an dem Kurt Gerron mitwirkte

Kurt Gerron singt Lieder aus der «Dreigroschenoper»

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