Wo gibts die besten Unterhaltungs-Snacks?

Kurzfilme würden perfekt ins Angebot von Streamingdiensten passen, aber finden tut man sie kaum. Zum Glück gibts die Kurzfilmtage.

Die Kurzfilmtage Winterthur: Impressionen aus dem Casinotheater. (Video: Tamedia)

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Die Kurzfilmtage Winterthur gehen erstmals ins Netz: In diesen Tagen schaltet der von New York aus betriebene Streaminganbieter Kinoscope das Spezialprogramm zu Brasilien auf. Kinoscope ist auch in der Schweiz erhältlich und kostet pro Monat fünf Dollar. Speziell ist an dem auf Arthouse-Filme spezialisierten Dienst, dass sein Angebot zu fast zwei Dritteln aus Kurzfilmen besteht.

Kurzfilme auf Abruf, wo gibts das überhaupt? Die Form wäre heute ja bestens geeignet als Unterhaltungs-Snack für zwischendurch, besonders in der Ära der Hyperaktivitätsstörung. Der Videodienst von Amazon soll viel Kurzes im Angebot haben, aber die Streamingplattform unternimmt nichts, damit man sie auch entdeckt. Netflix bietet vorwiegende kürzere Dokumentarfilme wie den oscargekrönten Syrien-Bericht «The White Helmets» an.

«Weniger gewichtig»

Anders die Lage beim cinephilen Streamingservice Mubi, wo man gemäss der Programmchefin Anaïs Lebrun auf ein Netzwerk von Spezialisten und Rechteinhabern zurückgreift, die dem Dienst regelmässig Kurzfilme empfehlen würden. An Festivals würden sich die Mubi-Kuratoren auch durchs Kurzfilmangebot wühlen, aber die schiere Masse an Titeln sei ein Problem. Mubi setzt deshalb oft auf Shorts bekannter Filmregisseure wie Agnès Varda.

Kurzfilme würden aber auch im Streamingzeitalter als weniger gewichtig wahrgenommen, sagt Anaïs Lebrun. Der ökonomische Nachteil der Shorts verlagert sich so vom Kinosaal in die digitale Sphäre. In den Programmrastern der meisten Kinos sind Kurzfilme schon mal nicht vorgesehen, und wer zahlt für einen Streaming-Abodienst, der nur filmische Häppchen anbietet?

Mehr als 5000 Kurzfilme wurden dieses Jahr eingegeben, die Kurzfilmtage Winterthur zeigen insgesamt etwas über 200. Foto: PD

Wahrscheinlich gar nicht so wenige, denn im Frühling startet der ehemalige Dreamworks-Chef Jeffrey Katzenberg in den USA den Dienst Quibi. Mit seinen sieben- bis zehnminütigen Videos richtet er sich ausschliesslich an Handynutzer, die unterwegs mundgerecht zerschnittene Komödien oder Dokus gucken möchten. Ein Grossteil des Angebots soll aus rund zweistündigen Formaten bestehen, die in knappe «Kapitel» unterteilt werden. Steven Spielberg und Guillermo del Toro haben bereits als Story-Lieferanten zugesagt.

Auf Quibi wird Hollywood neue Erzählformen ausprobieren, und auch Netflix hat angekündigt, statt längere Comedy-Auftritte künftig vermehrt knappe Sketche hochzuladen. Schliesslich haben Plattformen wie Youtube gezeigt, dass sich viele Menschen mit kleinen Filmchen vergnügen können und nicht mehr erwarten, dass ein Unterhaltungsangebot abendfüllend sein muss.

Vielmehr soll es die freie Zeit auffüllen, die man gerade zur Verfügung hat. Laut Penelope Bartlett, die für den vor allem auf Klassiker ausgerichteten Abrufdienst Criterion Channel programmiert, hätten sich die Leute wegen Youtube und Co. wieder stärker an die Gattung des Kurzfilms gewöhnt.

Die Kurzfilme, wie sie Winterthur zeigt, bleiben so kontextbedürftig wie zeitgenössische Kunst.

Gilt das auch für den künstlerisch ambitionierten Kurzfilm von Winterthur? Der internationale Wettbewerb bietet dieses Jahr wieder einige abstrakte formale Ausbrüche, daneben kommen nicht wenige Transmenschen vor. Da gibt es zum Beispiel das junge Paar in «A Mordida» von Pedro Neves Marques, das sich vor einer Moskitoseuche in Brasilien in ein von Netzen abgeschirmtes Versteck zurückzieht und dort entrückt vor sich hin döst.

So etwas läuft dann wahrscheinlich nicht auf Quibi, ein rätselhaft betörender Film ist es trotzdem. Er bleibt so kontextbedürftig wie zeitgenössische Kunst, die ja auch die Ausstellung braucht, damit man sie einigermassen versteht. Winterthur bietet diese Einordnung durch eine kluge Auswahl des hohen Niveaus.

Es läuft hier immer ein diskursives Programm, oft wild und politisch durch das Aufbrechen von Normen und Formen. Und noch weiss kein Mensch, wie man diese kuratierte Reflexion in die schöne neue Welt des Streaming hinüberretten kann.

Internationale Kurzfilmtage Winterthur: bis 10. November. www.kurzfilmtage.ch

Erstellt: 08.11.2019, 20:59 Uhr

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