«Zürich ist die Hochburg der Ronis»

Filmemacherin Andrea Schneider hat die urbane Nervfigur mit ihrem Kurzfilm «De Roni» brillant karikiert. Ein Gespräch über den derzeit sehr verhassten Hipster.

Kurzfilm «De Roni» von Andrea Schneider.


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Ihr Kurzfilm kursiert in Zürich: Erst kürzlich habe ich vor einem Lokal drei Hip-Hopper getroffen, die sich grölend «De Roni» auf ihrem Smartphone angeschaut haben. Überrascht?
Auf diese Art habe ich das sicher nicht erwartet. Dass der Film jetzt sogar auf Smartphones herumgereicht wird, freut mich extrem. Auch ansonsten habe ich sehr viele positive Rückmeldungen. Lustigerweise spricht er stark jene Gruppe von Menschen an, die ich parodiere – Menschen, die Roni ähneln: Grafiker, Szenis, Hipster.

Sie sind vor ein paar Monaten nach Zürich gezogen. Jetzt sehen Sie noch mehr Hipster.
Tatsächlich, Zürich ist die Hochburg der Ronis. Fast an jeder Ecke sieht man einen Hipster. In der Zukunft, im Xenix, im Meyers, im Kafischnaps...

Gibt es – neben Hornbrille, Bart, Indie-Rock und Jutetasche – neue Hipster-Merkmale?
Das Turnsäckchen verdrängt die Jutetasche! Ansonsten halten sich aber die altbekannten Merkmale wie Hornbrille, Röhrlihose, ironische T-Shirts oder natürlich das Rennvelo erstaunlich gut.

Verstecken sich Hipster hinter einer Fassade?
Ja, wie der Roni kommen viele vom Land und möchten das gerne verbergen. Sie versuchen das, indem sie sich übermässig anpassen und noch stärker als die Städter den Trends nachjagen. Dabei müssen sie sehr vorsichtig vorgehen: Sie wollen individuell wirken, aber nicht derart eigenartig, dass sie wieder zu Aussenseitern werden. Sehr schwierig! Dass «De Roni» gerade auch bei Teenagern gut ankommt, hat sicher auch mit dem Thema Identitätsfindung zu tun. Hipster legen sich wie unsichere Teenager ein Outfit zu, damit sie jemanden darstellen.

Kennen Sie viele Hipster?
In meinem Umfeld gibts schon viele. Als Künstler oder Designer müssen sie sich extrem um ihre Aussenwirkung bemühen und sich vermarkten. Sie müssen als Personen interessant sein, damit die Leute überhaupt auf ihre Arbeiten aufmerksam werden. Was ich an der Kunsthochschule mitunter etwas seltsam fand, war die Plötzlichkeit der Veränderung. Kollegen, die eben noch normal rumliefen, kamen plötzlich im Hipster-Look daher. Quasi über Nacht hatten sie sich komplett verwandelt.

Hipster geben sich alternativ. Haben sie eine politische Präferenz?
Nein, soweit ich das beurteilen kann, ist Politik bei den Hipstern kein Thema.

Welche Filme würde sich Roni anschauen?
Da kommt mir gerade «Les amours imaginaires» von Xavier Dolan , selber ein echter Hipster, in den Sinn. Eine Frau und ein Mann werben um einen Mann, eine ziemlich einfache Geschichte. Alle Figuren tragen hippe Kleider, Vintage überall.

«Du Hipster» ist ja mittlerweile ein geläufiges Schimpfwort. Woher kommt die Abneigung?
Das ist schwer zu sagen. Viele haben vielleicht das Gefühl, schon so gewesen zu sein und jetzt von den Hipstern imitiert zu werden. Andere finden die Hipster-Sachen wohl insgeheim cool, wollen aber nicht als Mitläufer gelten und belächeln in der Folge die Hipster.

Mal ehrlich: Sind wir nicht alle ein bisschen Hipster?
Na klar! Ich habe ja auch ein iPhone und ein Atelier, trinke Red Bull und wohne neben dem Kafischnaps (lacht). Jeder hat ein Roni-Stückchen in sich.

Erstellt: 10.01.2013, 18:15 Uhr

Andrea Schneider (*1986) hat an der Kunsthochschule Luzern studiert. Den Kurzfilm «De Roni» stellte sie im Sommer 2011 fertig. Schneider arbeitet als freischaffende Filmemacherin und Animatorin in Zürich.
(Bild: zVg)

Der Begriff des Hipsters (hier eine Aufnahme der ironischen Berliner Hipster-Olympiade) wird meist auf den Essay «The White Negro: Superficial Reflections on the Hipster» von Norman Mailer aus dem Jahr 1956 zurückgeführt. Mailer charakterisierte den Hipster als eine Figur, die an die Coolness der afroamerikanischen, durch Rassengesetze diskriminierten Mitbürger andockte. Eine parasitäre Aneignung subkultureller Trends ist bis heute der kennzeichnende Hauptvorwurf, der den Hipstern gemacht wird.

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