Zum Gebären versklavt

«The Handmaid’s Tale» schildert eine Gesellschaft, in der Frauen total unterdrückt werden. Nun ist die düstere Serie auf Deutsch zu sehen.

Seit «The Handmaid’s Tale» anlief, ist die Robe der Mägde (im Bild: Elisabeth Moss) zum Symbol für Frauenproteste geworden. Foto: Hulu

Seit «The Handmaid’s Tale» anlief, ist die Robe der Mägde (im Bild: Elisabeth Moss) zum Symbol für Frauenproteste geworden. Foto: Hulu

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Wehret den Anfängen! Bloss welchen? War es in Amerika so weit, als die christlichen TV-Prediger lauter wurden? Als auffällig viele Professorinnen ihre Stelle verloren? Als die Bankautomaten nur noch Geld für Männer ausspuckten? Nein, da war es definitiv bereits zu spät für Warnungen. Der Staat stand kurz vor der Machtübernahme christlicher Fundamentalisten und sollte schon bald als theokratisches Albtraumland Gilead die Welt entgeistern.

Das ist die Ausgangslage der mit mehreren Emmys und Golden Globes ausgezeichneten US-Serie «The Handmaid's Tale», die nun erstmals in der Schweiz zu sehen ist. Die Geschichte beruht auf dem gleichnamigen Margaret-Atwood-Roman (auf Deutsch: «Der Report der Magd»). Die kanadische Schriftstellerin entwirft darin eine Zukunft, in der die Geburtenrate nach einer Umweltkatastrophe gegen null tendiert, was die neue Regierung ausnutzt, ihren biblischen Faschismus durchzusetzen.

«Gepriesen sei die Frucht», lautet die Grussformel

Zuerst wird die Verfassung ausgehebelt und das Kriegsrecht ausgerufen. Dann werden die wenigen Frauen, die noch Kinder bekommen können, von den Männern zur «Mägde»-Kaste gemacht: Sklavinnen in blutroten Gewändern mit weissen Hauben, durch die sie kaum sehen können oder gesehen werden. Die Mägde müssen den Machthabern Kinder gebären, von denen sie nach der Geburt jedoch getrennt werden. Sie haben keine Rechte, sind aber Gileads einzige Überlebenschance, werden fetischisiert und gleichzeitig unterdrückt.

«Gepriesen sei die Frucht», lautet die gängige Grussformel in den Strassen. Homosexuelle und Dissidenten baumeln als «Geschlechtsverräter» an den Wänden, die unfruchtbaren Frauen dienen entweder als Ehegattinnen oder als Haushaltshilfen. Die unterste Kaste bilden die «Un-Frauen» – Lesben oder widerspenstige Intellektuelle. Sie müssen den toxischen Abfall der Umweltkatastrophe aufräumen.

Video: «The Handmaid's Tale»

Der Trailer zur ersten Staffel. Quelle: YouTube.

Die Farben dieser von Bruce Miller entworfenen und hervorragend produzierten Serie sind kraftvoll, das Licht wirkt künstlich wie bei einem Gemälde. Eine passende Ästhetik für eine Gesellschaft, die von ihren Gründern am Reissbrett arrangiert wurde – als eine Mischung aus Puritaner-Amerika, Schariagesellschaft und Nazideutschland. «The Handmaid’s Tale» konstruiert so eine Zukunftsvision, die in der Vergangenheit gründet und gleichzeitig die Gegenwart kommentiert: ein Szenario einer Gesellschaft, die die Freiheit einem Sicherheitsdenken opfert und so einen Überwachungsstaat hervorbringt. Das Abnormale wird zum Normalen. Den Mägden wird von ihren Mentorinnen eingebläut, dass man auch frei «von» etwas sein könne. Will heissen: vom Denken befreit. So ist den Mägden Lesen und Schreiben verboten.

 Margaret Atwood  schrieb ihren Roman bereits 1984 als Reaktion auf Ronald Reagans Abtreibungspolitik. 

Seit «The Handmaid’s Tale» anlief, ist die Robe der Mägde in der realen Welt zum Symbol für Frauenproteste geworden. Abtreibungsbefürworterinnen in Argentinien demonstrierten kürzlich in den auffallenden Gewändern. «Make Margaret Atwood Fiction Again» war auf Schildern beim Frauenmarsch von Washington zu sehen, der sich gegen Donald Trump richtete. Dieser hatte, kaum im Amt, wichtige Posten ausschliesslich mit Männern besetzt.

Die Landesväter vergnügen sich mit Prostituierten

Man könnte einwenden, dass der Lebemann Trump kein religiöser Eiferer ist – allerdings gibt es in Gilead auch eine Unterwelt namens Jezebel, wo sich die bigotten Landesväter mit Prostituierten vergnügen. Und mit Mike Pence hat Trump einen Vize, der sich aus religiösen Gründen weigert, mit anderen Frauen als seiner Gattin zu dinieren.

Die Serie als Kommentar auf Trumps Präsidentschaft zu verstehen, ist trotzdem heikel. «The Handmaid’s Tale» wurde vor dessen Wahlsieg in Auftrag gegeben. Dass der Serienstart in Amerika auf seinen Amtsantritt fiel, ist Zufall. Das mindert die Bedeutung der Serie keineswegs, zumal Margaret Atwood «The Handmaid’s Tale» bereits 1984 als Reaktion auf Ronald Reagans Abtreibungspolitik schrieb und der Stoff seither immer wieder neue Leser fand. Nach der Wahl Donald Trumps stand Atwoods Roman gar an der Spitze der Amazon-Verkaufscharts.

«The Handmaid’s Tale» ist quasi ein feministischer Horrorfilm.

«The Handmaid’s Tale» ist quasi ein feministischer Horrorfilm. Wenn Zombies für die Angst vor Seuchen stehen und Frankensteins Kreatur für die Gefahren einer unkontrollierten Wissenschaft, repräsentiert Gilead Frauenhass. Atwood selber bezeichnete ihren Klassiker in einem Interview als «DJ-Realität». Der Roman mische grausame Dinge zusammen, die Frauen irgendwo auf der Welt tatsächlich widerfahren seien. Am schockierendsten sind die rituellen Vergewaltigungen der Mägde. Eine dieser Frauen ist June, überwältigend gespielt von «Mad Men»-Star ­Elisabeth Moss. Nachdem die ­lebenslustige Lektorin auf der Flucht nach Kanada geschnappt worden ist, kommt sie als Gebärmagd in die Villa von Kommandant Fred Waterford. Fortan heisst sie Offred (Of-Fred), was wörtlich zu verstehen ist: June gehört Waterford und seiner unfruchtbaren Frau, die sie zusammen vergewaltigen und die neun Monate später «zu dritt» das Kind bekommen. Wie in der ­Bibel, wo Rahel zu ihrem Mann Jakob sagt: «Da ist meine Magd Bilha. Geh zu ihr! Sie soll auf meine Knie gebären, dann komme auch ich durch sie zu Kindern.»


Bilder: Alice Schwarzer – ein Leben für Frauenrechte


Die explizite und psychologische Gewalt der Serie ist fast nicht auszuhalten. Im Unterschied zu anderen Serien wie zum Beispiel «Game of Thrones» sind die Gewaltakte aber nie beiläufig oder gar Selbstzweck. Von einer Befriedigung sadistischer oder voyeuristischer Bedürfnisse der Zuschauer kann keine Rede sein. Wie in Atwoods Roman sind die Geschehnisse aus Offreds Perspektive geschildert, die aus dem Off selbst die Ver­gewaltigungsszenen ironisch kommentiert und keinen Zweifel offenlässt, dass sie aus der Opferrolle ausbrechen will.

«Als wir protestierten,war es bereits zu spät»

Offreds Widerstand und ihre Fluchtversuche sorgen in der düsteren Serie für ungeheure Spannung. Ob sie aus Gilead fliehen kann, werden die kommenden Staffeln zeigen. Ein Happy End wäre eine Abkehr von der Buchvorlage, wo das Schicksal der Magd offenbleibt. Es ist ein etwas frustrierender, aber konsequenter Schluss. Denn für Atwood ist die Auflösung weniger wichtig als der Anfang – oder eben: die Anfänge. «Als wir auf den Strassen protestierten, war es bereits zu spät», sagt Offred über die Machtübernahme der Theokraten. «The Handmaid’s Tale» erinnert so auch daran, dass die Zivilisation brüchig ist und die Vergangenheit näher bei der Gegenwart liegt, als man meint.

«The Handmaid’s Tale» ab 14. August jeweils am Dienstag um 20.30 Uhr auf Teleclub City.

Erstellt: 13.08.2018, 20:36 Uhr

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