Zurück in die Zukunft

Filmarchive haben es heute nicht mehr nur mit Zelluloid zu tun, sondern auch mit Daten. Weil man aber der digitalen Archivierung noch nicht traut, empfehlen Fachleute den Rückschritt zum analogen Material.

Kühl und trocken aufbewahren, lautet die Devise bei den Filmrollen: Lager der Berner Kinemathek Lichtspiel. Foto: Adrian Moser

Kühl und trocken aufbewahren, lautet die Devise bei den Filmrollen: Lager der Berner Kinemathek Lichtspiel. Foto: Adrian Moser

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Die Geschichte der Filmarchivierung ist auch eine Geschichte der Verluste. Der spektakulären zuweilen, wie an jenem heissen Julinachmittag im Jahr 1959, als in einem Hinterhof ein Filmlager der Cinémathèque française in Flammen aufging. Die einzige Kopie von Erich von Stroheims «The Honeymoon» ist damals verloren gegangen, weil die hochentzündlichen Nitrozellulosefilme von selbst Feuer gefangen hatten. 1951 war dieses Material verboten worden; der Nachfolger hiess Zellulosetriazetat oder Sicherheitsfilm.

Mit beidem ist Brigitte Paulowitz vertraut. Seit Anfang 2014 betreut die Filmrestauratorin die Sammlung der Berner Kinemathek Lichtspiel. Ihre Schützlinge liegen im Filmlager, ein unspektakulärer Raum in einem Mietlagergebäude. Darin eingebaut ist das Kühllager, 8 Grad Raumtemperatur, 40 Prozent Luftfeuchtigkeit, wo Filmdosen zu Türmen wachsen. Kühl und trocken lagern – das ist das Grund­rezept für die analoge Filmarchivierung; so können auch Rollen aus Nitrozellulose 100 Jahre alt werden. Unter dem wachsamen Auge der Restauratorin natürlich, die die Dosen in der Regel nach etwa 40 Jahren öffnet und nachsieht. Oder riecht: Das Essigsyndrom, ein häufiger Verfallsprozess bei Azetatfilmen, entwickelt einen typischen Geruch. Verlangsamen lässt sich der Zerfall mit Kälte, aber wenn das nicht mehr hilft, heisst es: umkopieren. Mit dem Polyester, der heute als Trägermaterial verwendet wird, hätte man bis zu 500 Jahre Ruhe. Wäre da nicht die Digitalisierung.

Digitale Sicherung elfmal teurer

Die Zeit, in der Kameras Bilder auf Zelluloid bannten, ist vorbei: Der Film ist ein Medium, das sein Medium gewechselt hat. Produktion, Postproduktion, Projektion – mittlerweile ist alles digital. Das wirkt sich aufs Archivgeschäft aus: Fachleute haben es nicht mehr mit Filmstreifen und Chemie zu tun, sondern mit Daten und Informationstechnologie.

Kein Problem, könnte man meinen, dank der Digitalisierung sind Filme heute ja allgegenwärtig, auf dem Handy, per Stream, auf DVD. Doch zum Archivieren eignen sich diese Formate nicht, weil es dazu extrem hoch aufgelöste Dateien braucht. «In der Fotografie lässt sich die Langzeitarchivierung digital bewältigen, beim Film ist das wegen der enormen Datenmenge schwieriger», sagt Paulowitz. Ein digitaler Langfilm etwa besteht aus 10 bis 20 Tera­byte – eine normale DVD fasst gerade mal 4,7 Gigabyte. Dazu kommt, dass wie bei allen digitalen Datenträgern die Lebensdauer auf ungefähr 5 Jahre begrenzt ist. Sowohl der Träger wie das Format müssen nach dieser Zeit gewechselt werden. Auch diese sogenannten Migrationen haben ihre Tücken: «Bei digitalen Transferprozessen passiert sehr viel, worüber wir keine Kontrolle haben», sagt Paulowitz. «Wenn ein paar Bits fehlen, ist der Fehler oft fast unsichtbar. Wenn man ihn bemerkt, ist es meist zu spät.»

Zudem ist eine digitale Sicherung nicht billig. 2007 errechnete die Oscar-Academy, dass die digitale Langzeit­erhaltung elfmal so teuer ist wie die analoge, vor allem wegen der ständigen Migrationen und der Stromkosten. Zwar dürfte die Datenspeicherung in Zukunft billiger werden; es bleibt indes die Frage der Sicherheit. Zurzeit traue man der digitalen Langzeitarchivierung noch nicht ganz, erklärt Christoph Stuehn von Memoriav, dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturerbes der Schweiz: «Bis heute sind Stabilität und Langzeitperspektive bei der analogen Archivierung noch besser.» Daher machen viele Archive einen technologischen Rückschritt: Sie lassen digital gedrehte Filme auf analogem Material ausbelichten.

Know-how weggebrochen

Bei der Cinémathèque française ist dieses Vorgehen Standard, auch in der Schweiz wird die Ausbelichtung praktiziert. «Verfechter der digitalen Archivierung argumentieren, dass man damit auf ein halb totes Pferd setze», sagt Stuehn. Das nötige Filmmaterial wird kaum noch produziert, und das Know-how in Sachen analoger Filmentwicklung ist weggebrochen. In der Schweiz existiert mit Cinegrell noch ein einziges fotochemisches Filmlabor. Memoriav empfiehlt seinen Partnern die Ausbelichtung – im Wissen darum, dass das Geld oft fehlt. Die analoge Sicherungskopie eines digitalen Films kostet je nach Länge und Komplexität rund 20'000 Franken. Kommen Restaurierungsarbeiten hinzu, kann diese Summe schon mal 350'000 Franken betragen – wie bei Markus Imhoofs Film «Das Boot ist voll», den Memoriav aufwendig restaurieren liess.

Die Kosten sind auch der Grund, warum die Cinémathèque Suisse in Lausanne nicht mehr alle vom Bund geförderten Filme ausbelichten lässt. Bundesrat Alain Berset hat das Programm 2013 gestoppt, zurzeit wird im Rahmen der Leistungsvereinbarung 2016–2020 mit der Cinémathèque darüber verhandelt, wie man die hiesige Filmproduktion erhalten will. Dass das Filmarchiv im Moment längst nicht alle neueren Filme ausbelichtet, hat zur Folge, dass einzelne ­Regisseure sich selbst um die Erhaltung ihrer Werke kümmern. So auch Markus Imhoof, der private Gelder für die Archivierung seiner Filme sucht. Immerhin können Filmschaffende bei Förderanträgen an das Bundesamt für Kultur, die SRG oder regionale Förderer die Kosten für eine analoge Archivierung im Herstellungsbudget aufführen.

Unwiederbringlich verloren

In Frankreich verlangt ein Gesetz die Ausbelichtung aller digital gedrehten Filme. In der Schweiz gibt es keine nationale Strategie – auch, weil nicht klar ist, wer das bezahlen soll. «Die Bundes­beträge reichen nicht aus, um allen Bedürfnissen gerecht zu werden», sagt Chris­toph Stuehn. Es brauche eine Allianz von Bund, Produzenten, SRG und weiteren Involvierten. Bis dahin sind die Filmarchive gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen, was eigentlich ihre Aufgabe ist. «Was kann ich erhalten? Gehören analoge Elemente dazu? Worauf muss ich verzichten? Das sind die Fragen, die wir uns stellen müssen», so Paulowitz. «Oft müssen wir feststellen: Man kann nicht alles aufbewahren.»

Die International Federation of Film Archives hat nachgewiesen, dass die Hälfte aller Filme, die vor 1950 gedreht wurden, verloren ist. Vom deutschen Stummfilm sind gar nur 15 Prozent der Filme erhalten. Da mag der Zufall mitgespielt haben. Oder das Feuer. Heute ist die Archivierung vor allem ein Kostenfaktor. Die Filmindustrie selbst habe wenig Interesse, ihre Produktionen für die Ewigkeit zu erhalten, sagt Paulowitz. «Lieber dreht man den Film neu.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2015, 19:29 Uhr

Schweizer Filmarchiv

Die Cinémathèque muss umplanen

Das neue Forschungs- und Archivzentrum der Cinémathèque Suisse in Lausanne hätte in diesem Jahr eröffnet werden sollen. Hätte, denn der Eröffnungstermin wurde längst auf 2018 verlegt. Mit der digitalen Revolution, welche die Filmindustrie erfasst hat, ist ein grosser Teil der ursprünglichen Pläne obsolet geworden. Die Cinémathèque musste ihr Konzept grundlegend überarbeiten. Zusätzlich zu den perfekt temperierten und befeuchteten Lagerräumen für Filmrollen sollen nun neue Harddisks und modernste Telekommunikationstechnologie installiert werden. Um sie zu bedienen, braucht man allerdings Fachpersonal. Das Parlament soll Ende Jahr das Geld für die baulichen Veränderungen genehmigen. Später wird sich der Bundesrat mit dem zukünftigen ­Betriebskonzept des Schweizer Film­archivs auseinandersetzen müssen.

Die Frage stellt sich: Hätte man die ­digitale Entwicklung nicht voraussehen können, ja müssen? Frédéric Maire, der Direktor der Cinémathèque, sagt, es sei alles sehr rasch gegangen. «Wer hätte ­gedacht, dass in allen Schweizer Kinos innerhalb eines Jahres digitale Projektoren stehen?» Die rasche Veränderung habe ihn selbst überrascht. Der Neuenburger gab 2009 die Leitung des Filmfestivals Locarno ab und wurde Direktor der Cinémathèque. Die Planungsarbeiten für das neue Zentrum hatten im Jahr 2000 begonnen, waren zum Zeitpunkt seiner Ankunft also weit fortgeschritten – die digitale Archivierung aber war noch kein Thema. Maire sagt, als Erstes hätten er und sein Team in einer Machbarkeitsstudie die Möglichkeiten dafür abklären lassen. Es habe sich gezeigt, dass man möglichst rasch ins digitale Zeitalter vorstossen musste.

Obwohl man in Lausanne erst noch aufrüsten muss, um im digitalen Zeitalter bestehen zu können, lässt die Cinémathèque bereits Filme scannen: in der Schweiz beim Zürcher Unternehmen Cinegrell zum Beispiel. Aber das Geld reicht derzeit nur für die Digitalisierung von Filmrollen, die in einem derart schlechten Zustand sind, dass man das Rohmaterial ohnehin entsprechend bearbeiten muss, um sie erhalten zu können. Der Gesamtaufwand dafür beläuft sich auf 50'000 bis 100'000 Franken pro Film. Noch fehlt das Geld, um analoge Negative, die in gutem Zustand sind, zu scannen, obwohl dies «nur» 30'000 Franken kosten würde.

24 Bilder pro Filmsekunde

Zwar wurde jüngst Fredi Murers Film «Höhenfeuer» digitalisiert, die Kosten dafür hat der Regisseur aber selbst übernehmen müssen. Laut Frédéric Maire ist der Prozess jeder Digitalisierung äusserst aufwendig. Filme müssen am Computer Bild für Bild bearbeitet werden, pro Filmsekunde 24 Bilder. Trotz des neuen Forschungs- und Archivzentrums will die Cinémathèque auch künftig keine Filme selbst scannen, sondern sich nebst der Pflege des Analogen um die Archivierung von Filmen kümmern, die schon digital gedreht worden sind.

(Tages-Anzeiger)

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