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Adam Sandler kann noch viel blöder tun

Im Netflix-Film «Uncut Gems» ist der Komiker sensationell gut. Wieder einmal.

Pascal Blum
Weil der Basketball-Star Kevin Garnett in seinem Juweliergeschäft einkehrt, ist Howard (Adam Sandler) mal wieder in einer sehr übermütigen Verfassung. Bild: Netflix
Weil der Basketball-Star Kevin Garnett in seinem Juweliergeschäft einkehrt, ist Howard (Adam Sandler) mal wieder in einer sehr übermütigen Verfassung. Bild: Netflix

Kurz hat es so ausgesehen, als könnte Adam Sandler für seine Rolle in «Uncut Gems» seine erste Oscarnominierung ergattern. Das ist insofern eine irre Vorstellung, als es sich dabei um denselben Komiker handelt, der im 90er-Klamauk «Billy Madison» in der Badewanne sass und mit quäkender Babystimme einen Kampf zwischen einer Shampoo- und einer Conditionerflasche vorführte.

Und jetzt spielt er in einem Film mit, in dem laut der Elternratgeber-Website «Screen It!» 408-mal das Wort «fuck» vorkommt.

Die Rolle ist der helle Wahnsinn, und das Stresslevel von «Uncut Gems» muss man sich ungefähr so vorstellen, als würde man gerade von der Ambulanz ins Krankenhaus gebracht: Ständig brüllt jemand und schrillt etwas, pausenlos.

Überall ist die Hölle los

Sandlers Howard ist ein wettsüchtiger Juwelier im Diamond District in New York, der bei seinen Schuldeneintreibern längst die Rechnung begleichen müsste, würde er bei den Buchmachern nicht Basketball-Wetten von der Sorte «besonders dumm» abschliessen. Seine Familie hat er zugunsten einer Verkäuferin im Juweliergeschäft verlassen, die ihn vor allem ausnützt; und dass Howard seinen eben erst angeschafften Opalstein dem NBA-Star Kevin Garnett als Talisman ausleiht – nun, das hätte er besser auch nicht gemacht.

Die New Yorker Brüder Josh und Benny Safdie («Good Time») sind ziemliche Strassenköter und mit ihren hibbeligen Quasi-Thrillern mittlerweile in einer Liga angekommen, wo sich Netflix gleich die Weltrechte sichert. Ihr Stil ist es, Stadtoriginale und Strassensprache zusammenzumischen und den Erregungszustand in die dunkelrote Stufe hochzupegeln. In jedem Raum, den Howard betritt, ist die Hölle los; jede Person, die er anquatscht, hat gerade etwas ganz anderes zu tun.

Howard ist zwar ein furchtbar aufdringlicher Typ, aber am Ende ist es doch immer er, der herumgeschubst wird. Sandler spielt Howard mit Pornobart und Goldbrille, ein neurotischer jüdischer New Yorker fernab von Woody Allen. In diesem Manhattan treiben sich billige Edelsteinhändler und andere abgerissene Figuren herum. Seltsamerweise hat man sie trotzdem gern, vor allem wegen Adam Sandler, der glaubhaft machen kann, wie hier ein Gambler an den Anschlag kommt.

Howards Normalzustand ist das grelle Chaos, aber diesem Druck hält er nicht ewig stand. Seine grössten Fehler begeht der Hustler mit den hohen Einsätzen immer dann, wenn er sich anderen gegenüber öffnet. Es treibt ihn in den Ruin.

Wir erinnern uns: «Anger Management», ein Hit von 2003 mit Adam Sandler und Jack Nicholson. Bild: PD
Wir erinnern uns: «Anger Management», ein Hit von 2003 mit Adam Sandler und Jack Nicholson. Bild: PD

Wie konnte es so weit kommen? In den USA sind alle Schauspieler Volksschauspieler, aber Adam Sandler war immer der familienfreundlichste von allen. Der gebürtige New Yorker trat mit 17 als Komiker auf kleinen Bühnen auf und teilte sich mit Judd Apatow, später der Regisseur des Hits «The 40-Year-Old Virgin», eine Wohnung im San Fernando Valley.

Bald darauf arbeitete er für die Sketch-Sendung «Saturday Night Live» als Autor und Ensemblemitglied. Es folgten zahlreiche Rollen in Kinoblödelkomödien, in denen Sandler viel grimassierte und gestikulierte. Es war immer dieser sehr amerikanische Quatschhumor von herumkaspernden Manbabys; die Kritiker haben die Filme jedenfalls alle verrissen.

Sandler aber machten sie schwerreich, weshalb er anfing, ein bisschen zu experimentieren. Paul Thomas Anderson besetzte ihn in «Punch-Drunk Love» (2002) als Vereinsamten, der eine Telefonsex-Hotline anruft und um sein Geld betrogen wird. In «Funny People» (2009) veräppelte er sich selbst als Comedy-Millionär, der nicht mehr weiss, wie viele Zimmer es in seinem Haus eigentlich gibt.

Heute scheint sich die Welt ihre Meinung zu Adam Sandler gemacht zu haben. Irgendwo tief im Schmierenkomödianten schlummert ein respektabler Schauspieler, der ab und zu herausgelassen wird. Dumm ist nur, es ist genau andersherum: Sandlers ernsthaftere Rollen sind lediglich eine Verlängerung seiner Blödeleien.

Auf Netflix kann man das mit der typischen, also sehr bescheuerten Sandler-Klamotte «The Week Of» selbst überprüfen. Sandler spielt den Familienvater Kenny Lustig auf Long Island, der in seinem Leben nie grosse Sprünge gemacht hat. Jetzt aber heiratet seine Tochter den Sohn eines vermögenden Arztes, und Lustig versucht, beim Besuch dieser kultivierten Gäste eine gute Figur zu machen (was ihm natürlich misslingt).

In seinem Fach: Sandler als Vater Lustig in «The Week Of». Bild: Netflix
In seinem Fach: Sandler als Vater Lustig in «The Week Of». Bild: Netflix

Lustig hat den typischen Sandler-Ton, ein joviales, näselndes Vor-sich-Hinreden, mit dem ein Vater versucht, alle ringsum irgendwie einzubeziehen und das Durcheinander der Welt gerade noch zusammenzuhalten.

«Uncut Gems» ist da nur die Verschärfung. Das Dauergeblödel verfinstert sich zur zwanghaften idiotischen Gaunerei. Beides lebt von der maximalen inneren Unruhe, von einer fast wahnwitzigen Spielsucht. Sandler bürstet mit dem irren Juwelier nicht sein Image gegen den Strich. Er geht einfach ein paar hochriskante Schritte weiter.

Die Oscarnominierung übrigens hat Sandler natürlich nicht gekriegt. Auf Twitter schrieb er, der «Sandman» – sein Alter Ego, wenn man so will – habe von der Akademie keine Liebe erfahren und könne nun aufhören, im Anzug herumzulaufen. Adam Sandler mit Krawatte, das wäre ja wirklich eine überaus seltsame Vorstellung.

«Uncut Gems»: Ab Freitag auf Netflix.

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