Alle Illusionen verloren

Bernardo Bertolucci arbeitete sich wie kein anderer Filmemacher am Revolutionsjahr 1968 ab – auch in seinem umstrittenen Werk «Der letzte Tango in Paris». Ein Nachruf.

Bernardo Bertolucci: Ein italienisches Kind der Nouvelle Vague, das nie richtig mitspielen durfte.

Bernardo Bertolucci: Ein italienisches Kind der Nouvelle Vague, das nie richtig mitspielen durfte. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er ist nie wirklich rausgekommen aus dem Mai '68. Mit einer Obsessivität wie bei keinem anderen Filmemacher seiner Generation kreisen seine Filme um diese Zeit und ihre Fantasien – die Lust auf Veränderung, die rasante Energie, wenn es darum geht, alte Institutionen zu zertrümmern, das gewaltige und gewalttätige revolutionäre Pathos. Aber auch: die Enge und die Engpässe, auf die diese Revolution zulaufen wird, die schreckliche kalte Restauration, die sich früh andeutet. «Ereignisse nehmen umso schneller das Aussehen von verstaubter Geschichte an, je folgenloser sie geblieben sind«, schrieb Frieda Grafe in der Kritik zu Bertoluccis «Partner» von 1968. «Was ist lächerlicher als das Pathos nicht realisierter Hoffnungen?»

Dieses Pathos ist in seinen Filmen zu spüren, in denen, die in den Sechzigern entstanden sind, und denen, die er in den letzten Jahren noch drehen konnte, sogar in jenen internationalen, die er mit Hollywoods Millionen drehen konnte. Die Kraft der Utopie wirkt nur kurze Zeit, ist exakt zu bestimmen: «Wer nicht vor der Revolution lebte, weiss nicht, was das ist, die Süsse des Lebens ...» Ein Zitat von Talleyrand, das Bertoluccis «Vor der Revolution» den Titel gab. Der Film ist aus dem Jahr 1964, gedreht in Parma, wo Bertolucci am 16. März 1941 geboren wurde.

Er war ein italienisches Kind der Nouvelle Vague, aber nur am Rande – ein Kind, das nie richtig mitspielen durfte – und mit ein paar Jahren Verzögerung, so dass die jungen Vague-Franzosen schon zu Vorbildern für ihn erstarrten, vor allem der unerreichbare Jean-Luc Godard. Als Bertolucci Godard seinen Film «Il conformista/Der grosse Irrtum» zeigte – gedreht nach einem Roman von Alberto Moravia, von dem Godard «Die Verachtung» verfilmt hatte –, drückte der Meister ihm nur stumm einen Zettel in die Hand und verschwand. Bertolucci las drauf: «Du musst gegen Individualismus und Kapitalismus kämpfen.»

Tanz zwischen Politik und Party

Er blickte nicht gern zurück, fühlte sich für seine alten Filme nicht mehr verantwortlich Von übermächtigen Vater- und Meisterfiguren hat Bertolucci sich immer wieder freimachen müssen, schmerzhaft und schuldbewusst. Nach «Il conformista» begann er eine intensive Psychoanalyse, die ihn nicht mehr loslassen sollte: «die Lust an der Schuld». Am leichtesten hatte er es mit Pier Paolo Pasolini, für den er Regieassistent war bei «Accattone». Mitte der Siebziger, als die zwei an benachbarten Drehorten ihre neuen Filme drehten – Pasolini «Die 120 Tage von Sodom«, Bertolucci «1900» – haben die beiden Teams sich immer zu Fussballmatches getroffen.

Schwerer war es mit dem Vater Attilio, der ein berühmter Lyriker war, «mein Vater musste akzeptieren, dass ich ihn in jedem Film aufs Neue umbrachte». In «Die Strategie der Spinne« fährt ein junger Mann in die Heimat zurück und forscht den Erinnerungen an seinen Vater nach. Der gilt als Held, im Widerstand gegen die Faschisten, und war doch ein Verräter. Eine sehnsuchtsvolle sommerliche Leichtigkeit strömt durch den Film, vor allem, wenn Alida Valli, als des Vaters Geliebte, durch die Landschaft zieht mit aufgespanntem Sonnenschirm. Die Tragödie eines lächerlichen jungen Mannes. Der Verlust der Illusionen ist das Zentrum von Bertoluccis Werk, jene Leere, die mit dem Faschismus und dem bürgerlichen Konformismus verknüpft ist. «Il conformista» spielt noch einmal das Thema von Held und Verräter durch, ein verführerischer Tanz zwischen Politik und Party.

Frauen zeigten sich angewidert

Der Film wurde von den Jungs des neuen amerikanischen Kinos begeistert aufgenommen, Paul Schrader hat den Look seines «American Gigolo» nach ihm gestaltet und Bertoluccis Ausstatter Ferdinando Scarfiotti für einige Filme übernommen. Francis Coppola zog mit dem «Conformista»-Kameramann Vittorio Storaro auf die Philippinen, um «Apocalypse Now» zu drehen.

Nach dem «Conformista» begann die Zeit der grossen Missverständnisse für Bertolucci (die auch die seiner spektakulärsten Erfolge war). Ein kontroverses Missverständnis war 1972 «Der letzte Tango in Paris», der ultimative Film zum Mai '68 und ein bitteres Nachspiel zur Nouvelle Vague: Die Lust auf Freiheit und Anarchie, in die Figur eines alten Mannes gesteckt, des wüsten Marlon Brando, der in einer leeren Pariser Wohnung einer jungen Frau, Maria Schneider, Geschlechtsverkehr aufdrängt, ihr Butter in den Hintern schmiert und sie penetriert. Damals wollten manche den Film verteidigen, weil viele ihn pornografisch fanden, Brando und Bertolucci drohten Haftstrafen. Vor zwei Jahren, im Zuge der «Me Too»-Bewegung, hiess es, die zwei alten Männer Bertolucci und Brando hätten der nichts ahnenden Maria Schneider vor laufender Kamera Missbrauch und Vergewaltigung zugemutet. Nein, verteidigte sich Bertolucci, es stand alles im Drehbuch, nur die Butter war improvisiert. «Ich wollte ihre Reaktion als Mädchen, nicht als Schauspielerin.»

Frauen der Filmbranche aber zeigten sich angewidert, Bertolucci solle seinen Oscar zurückgeben, wurde gefordert. Den hatte er 1987 für seinen opulenten «Der letzte Kaiser» gekriegt – neun Oscars hatte der Film insgesamt geholt. Bertolucci war auf dem Gipfel des Ruhms und hatte sich dafür ganz weit von seinen Anfängen entfernt und von seinem jugendlichen Elan. Nach einer verpatzten Rückenoperation hatte er dann jahrelang unsägliche Schmerzen, war auf einen Rollstuhl angewiesen und unfähig, neue Projekte zu entwickeln. Erst 2003 kam er mit «Die Träumer» zurück in die Zeit vor und während der Revolution. Drei Kids leben zusammen in einer verwunschenen Pariser Wohnung, auf den Strassen gibt es Tumult und Barrikaden, und um die Cinémathèque herum wird demonstriert, weil der Kulturminister den legendären Leiter Henri Langlois gefeuert hat.

Nicht gern hat Bernardo Bertolucci seinen Blick zurückgewendet, und sicher nicht auf die eigenen Filme. «Ich fühle mich nicht mehr verantwortlich – sprich: schuldig – für sie, der Mensch, der diese Filme machte, ist mir so fern.» Am Montag ist er im Alter von 77 Jahren nach langer Krankheit in Rom gestorben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.11.2018, 16:39 Uhr

Artikel zum Thema

Regie-Legende Bernardo Bertolucci ist tot

«Der letzte Tango in Paris» machte ihn weltberühmt. Der oscarprämierte italienische Filmemacher ist im Alter von 77 Jahren gestorben. Mehr...

In den grössten Sexszenen des Kinos steckt Gewalt

Roman Polanski, Woody Allen, Bernardo Bertolucci – immer mehr Grossmeister des Kinos geraten unter Missbrauchverdacht. Müssen wir die Filmgeschichte neu schreiben? Mehr...

Ein Filmemacher, der alle Ketten sprengte

Nicolas Roeg, der Visionär und Regisseur von «Don’t Look Now», ist 90-jährig gestorben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Die Zitrone Champions League ist ausgepresst

Politblog So reden Verlierer

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...