Alle Jahre wieder lachen wir über James

Was kaum jemand weiss: Der Silvester-Kultfilm «Dinner for One» wurde in Zürich aufgenommen. Und in seiner britischen Heimat ist er nahezu unbekannt.

Muss für vier Personen trinken: Butler James kann sich kaum mehr auf den Beinen halten – und das Tigerfell wird zur Stolperfalle. Foto: ddp

Muss für vier Personen trinken: Butler James kann sich kaum mehr auf den Beinen halten – und das Tigerfell wird zur Stolperfalle. Foto: ddp

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Es wird sein wie jedes Jahr: Sir Toby verlangt einen Extraschluck, Admiral von Schneider schlägt die Hacken zusammen, Mister Pommeroy wünscht ein fröhliches Neues, Mister Winterbottom raunt Komplimente über den Tisch. Und James, der arme Butler, verkörpert alle diese vier längst verstorbenen Freunde der betagten Miss Sophie. Verlässlich fragt er: «The same procedure as last year – dasselbe Vorgehen wie letztes Jahr?» Und sie antwortet ebenso sicher: «The same procedure as every year – dasselbe Vorgehen wie jedes Jahr.» Und so stolpert er über das Tigerfell und leert stellvertretend für die Gäste wacker jedes Glas Alkohol, bis er kaum noch stehen kann, lallt und die Getränke verschüttet.

Auch das Prozedere eines Teils der Schweizer Bevölkerung ist jedes Jahr dasselbe – zumindest an Silvester. Meist über 300'000 Menschen schalten abends das TV-Gerät an, um im Schweizer Fernsehen «Dinner for One» zu sehen. Was viele nicht wissen: Dieser elfminütige Sketch wurde nicht etwa in einem britischen Herrenhaus aufgenommen, sondern hierzulande – im Studio Bellerive in Zürich.

Die in der Schweiz gezeigte Version gilt als die lieblosere.

Die Geschichte, die von der Feier zum 90. Geburtstag Miss Sophies erzählt, schrieb der britische Autor Lauri Wylie in den Zwanzigern. Erste Erfolge feierte sie allerdings später: in den Nachkriegszeiten durch den Künstler und Artisten Freddie Frinton, mit bürgerlichem Name Frederic Bittiner Coo, den man bis heute als betrunkenen Butler kennt. Der Engländer tourte mit dem Stück und verschiedenen Bühnenpartnerinnen von Theater zu Theater durch Grossbritannien. Eher zufällig tat er sich schliesslich mit May Warden zusammen, die fortan Miss Sophie spielte. Anfang der Sechzigerjahre dann wurden fast gleichzeitig deutsche und Schweizer Fernsehmacher auf die Nummer mit dem schusseligen Butler und der noblen alten Dame aufmerksam. Sie luden Frinton und Warden zu sich ins jeweilige Land ein. Im März 1963 wurde «Dinner for One» im Auftrag des Schweizer Fernsehens im Studio Bellerive abgedreht, im Mai die deutsche Fassung des NDR.

Jene, die in der Schweiz gezeigt wird, gilt unter Kritikern als die lieblosere. Nicht nur, dass auf die siebenminütige Einführung verzichtet wurde, welche die englischen Witze erklärt. Ebenso fehlen das weisse Tischtuch und der Kerzenständer. Zudem läutet James keinen Gong, um Miss Sophie zum Essen zu rufen, geschweige denn geleitet er sie zu ihrem Platz. Heinz Schweizer, Redaktionsleiter Einkauf Fiktion und Factual von SRF, hat eine Vermutung, weshalb die hiesige Version einfacher gehalten wurde: «Sie ist improvisierter. Denn im Gegensatz zur deutschen Fassung wurde sie während einer Livesendung rudimentär konserviert.» Die Deutschen hätten erst später aufgezeichnet – mit extra Publikum, üppiger Kulisse und besseren technischen Möglichkeiten. «Das damals noch junge Schweizer Team verwendete wahrscheinlich eine einfache Dekoration, weil für die nächste Nummer umgebaut werden musste.»

In der Schweizer Aufnahme fehlen Tischtuch und Kerzenständer: Der Butler bedient Miss Sophie. Foto: SRF

Zeitzeugen, die über die Zusammenarbeit mit den Darstellern berichten können, fand der Sender nicht mehr. Doch Geschichten erzählt man sich bis heute. Etwa jene, dass Frinton seine Bühnenpartnerin nicht sonderlich gemocht hatte. Er soll gar vorgeschlagen haben, eine Schweizerin als Miss Sophie zu engagieren. Aber der damalige Unterhaltungschef Max Ernst habe nach May Warden verlangt. Ansonsten soll der Schauspieler unkompliziert gewesen sein. Ernst sagte einst über ihn: «Freddie Frinton war ein lieber und anständiger Typ, ein sympathischer Kumpel ohne Starallüren.» Und – im Unterschied zu seiner Figur James – ganz ohne Saufeskapaden. Denn der 1968 verstorbene Frinton soll zeitlebens nie betrunken gewesen sein. Während er seine Nummer aufführte, war Saft in den Gläsern.

Nachdem der Sketch im Kasten war, verschwand er für einige Zeit in den Archiven. Im November 1982 feierte der als Pausenfüller gedachte Film beim Schweizer Fernsehen ein kleines Comeback, geriet jedoch abermals in Vergessenheit. Erst seit 1989 zeigt SRF den Schwarzweiss-Klassiker jährlich am 31. Dezember. Und er wurde zum Kult. Daniel Kaufmann, Senior Producer Comedy beim Sender, sagt: «Ein solcher Erfolg lässt sich kaum erklären. Vielleicht rührt er daher, dass Rituale aus Feiertagen etwas Besonderes machen. Und ‹Dinner for One› gehört für viele zu Silvester wie etwa die Tischbombe, das Bleigiessen oder das Anstossen um Mitternacht.»

Kein Kult in England

Auch in anderen Ländern, zum Beispiel in Finnland, Südafrika oder Australien, lachen die Menschen, wenn Butler James Miss Sophie das Menü aus Suppe, Fisch, Hühnchen und Obst serviert und dabei ständig strauchelt. Die Schweizer Produktion wurde unter anderem nach Schweden, Norwegen oder Rumänien verkauft. 1988 wurde «Dinner for One» gar ins «Guinnessbuch der Rekorde» als «weltweit am häufigsten wiederholte Fernsehproduktion» aufgenommen.

Bei aller Beliebtheit, bei allem Kultstatus, bei aller Berühmtheit – in seiner britischen Heimat ist der Kurzfilm nahezu unbekannt. Letzten Winter wurde er erstmals beim Sender Sky Arts ausgestrahlt.

Die Schweizerinnen und Schweizer jedoch wissen genau, wann der Butler das Poulet in die Luft schmeisst, ein Glas umwirft oder das Wasser aus der Blumenvase in sich hineinkippt – und lachen sich immer wieder aufs Neue krumm.

«Dinner for One» am TV:
SRF 1, 31. Dezember 2019, 19:10 Uhr
SRF 2, 31. Dezember 2019, 23:45 Uhr

(Schweizer Familie)

Erstellt: 30.12.2019, 21:23 Uhr

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