Neuer Streamingdienst will Serien-Schwemme bekämpfen

Erstmals wurden in der Schweiz mehr Filme digital verkauft als auf DVD. Das Angebot ist mittlerweile unüberschaubar. Ein Schweizer Streamingservice will das nun ändern.

Filmgenuss auf dem Smartphone oder dem Tablet: Die fortschreitende Digitalisierung verändert unsere Sehgewohnheiten. Bild: Donald Smith (Blend Images)

Filmgenuss auf dem Smartphone oder dem Tablet: Die fortschreitende Digitalisierung verändert unsere Sehgewohnheiten. Bild: Donald Smith (Blend Images)

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Wandregale voller DVDs, Wühlkisten in Einkaufspassagen – solche Bilder verschwinden mehr und mehr aus dem Alltag. Auch in der Schweiz, wo im letzten Jahr erstmals mehr Filme auf digitalem Weg verkauft wurden als auf DVD und Blu-Ray. Digital heisst, dass man Filme über Anbieter wie iTunes oder Swisscom kauft oder für eine begrenzte Anzahl Tage mietet. So lassen sie sich etwa auf Laptop, Tablet oder einem Fernseher mit Internetanschluss abspielen. Laut den neuesten Zahlen des Schweizer Videoverbands hat sich der Digital-­Umsatz in der Schweiz seit 2011 vervierfacht. 2017 erreichte der Anteil 52 Prozent.

Krass ist der Einbruch bei den DVDs und Blu-Rays. Seit 2011 ist die Verkaufsmenge um zwei Drittel zurückgegangen, allein im letzten Jahr sank der Umsatz um rund ein Viertel. Der DVD-Anteil am Home-Entertainment-Markt liegt 2017 bei 87 Millionen Franken, der Umsatz mit digitalen Angeboten bei 93 Millionen.

Internet-Bandbreite in der Schweiz hervorragend

Patrick Schaumlechner vom Videoverband schätzt, dass der Digital-Umsatz in den nächsten Jahren um 10 bis 20 Prozent ­weiterwachsen wird. Praktisch sämtliche Schweizer Haushalte hätten Zugriff auf Video-on-­Demand-Angebote. Entweder durch Swisscom und UPC oder durch Apple TV und anderes. Zudem sei in der Schweiz die Internet-Bandbreite hervorragend.

Auswählen, laden, sofort schauen – auch wenn sich immer mehr Leute mit Angeboten auf Abruf anfreunden, wird der Gesamtmarkt des Home-Entertainments in der Schweiz seit Jahren kleiner. Seit 2011 ist er um 40 Prozent geschrumpft. Das ist vor allem deshalb so, weil Spielfilme als Stuben-Abendunter­haltung gegenüber den Fernsehserien immer weniger attraktiv wirken.

Gegen die Schwemme

Wenn es um Serien geht, geht es um Netflix, den mächtigsten Anbieter in diesem Bereich, der noch immer keine Zahlen bekannt gibt. Sie fehlen auch dem Schweizer Videoverband, der die Abodienste beim Digital-Umsatz gar nicht einberechnet.

Geschätzt wird, dass in der Schweiz 150'000 bis 500'000 Personen ein Netflix-Abo haben. Mit einer halben Million Netflix-­Nutzer würde sich der Digital-Umsatz verdoppeln.

Ob mit oder ohne Netflix: Wer heute auf dem Sofa oder unterwegs einen Film schauen möchte, sieht sich schon jetzt einem virtuellen Wandregal gegenüber – oder einer digitalen Wühl­kiste, je nachdem. iTunes bietet über 10'000 Filme an; dabei die Übersicht zu behalten, ist ein Teilzeit-Job.

Die Auswertung erfolgt immer noch klassisch: Festival, Kino, Fernsehen, Internet.

Bei Netflix beschränkt sich das Spielfilm-Angebot deshalb auf ein paar Zufallsfunde, weil der Streamingdienst den Studios, die die Filme zur Verfügung stellen, in den meisten Fällen Fixpreise verrechnet. Der Verleiher erfährt nicht, wie oft sein Film gestreamt wurde, ob es zweimal war oder 200'000-mal. Wer attraktive Titel im Angebot hat, lässt sich auf diesen Deal nicht ein, deshalb kommt Netflix an solche Filme nicht ­heran. Toptitel lassen sich nur ­anbieten, wenn die Studios ihr Geld zurückbekommen – wie bei iTunes, wo eine Filmmiete in der Regel 7.50 Franken kostet.

«Digital erhält man erstklassige Filme dann, wenn man sie zum Download oder zur Einzelmiete anbietet. Abodienste wie Netflix bieten grösstenteils nur den Backkatalog an», sagt Andreas Furler, ehemals Filmredaktor beim «Tages-Anzeiger». Furler lanciert auf seinem Kinoportal Cinefile am 30. Juli einen neuen Streamingservice. Zwischen 30 und 40 Filme werden den Anfang machen, darunter ist zum Beispiel die Satire «The Square» des Schweden Ruben Östlund. Man wird sie wie bei iTunes ausleihen können.

Der Unterschied ist die Begrenzung: Im Schnitt will Furler nur vier bis fünf Filme pro Woche neu aufschalten, um die Schwemme zu bekämpfen, die sonst in diesem Bereich herrscht. «Wir kuratieren kompromisslos und versuchen, ein Qualitäts­label aufzubauen.» Furler will in erster Linie eine Orientierungsleistung bieten, ohne zwischen Mainstream und Arthouse zu unterscheiden. «Man erlebt nicht selten einen Frust, wenn man bei den grossen Anbietern endlich einen Film ausgewählt hat und dann merken muss: Der ist ja auch nur lahm.»

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Auch wenn Cinefile zum Teil dieselben Titel wie Swisscom oder UPC anbieten wird, positioniert sich die Streaming-Website weniger als Konkurrenz zu den Grossen denn als Onlinevideothek für Kenner. Dokumentar­filme und Klassiker sollen speziell berücksichtigt werden. Die Schweizer Verleiher hätten sehr positiv auf sein Projekt reagiert, sagt Furler. «Für sie ist das ja auch eine zusätzliche Absatzmöglichkeit. Und wir sind vergleichbar mit einem Programmkino. Einfach im Netz. Und auch mit Blockbustern.»

Noch etwas Aufklärung brauche es bei der Bedienung, sagt Furler. Da es bis jetzt keine Cinefile-App für den Fernseher gibt, muss man die Filme vom Laptop oder vom Smartphone an den Fernsehschirm schicken. «So etwas geht heute super einfach.»

Ungeduldige Generation

In der Schweiz werden Spielfilme nach wie vor im Hinblick auf eine Kinopremiere gedreht und gefördert. Gibt es Filmemacher, die ihre Werke direkt digital lancieren? Bislang kaum. Eine Ausnahme ist «Katrina’s Dream».

Die Zürcher Brüder Mirko und Dario Bischofberger haben ihren ­Cinéma-Copain-Thriller nach Festivalvorführungen direkt auf die Berliner Video-on-Demand-Plattform Realeyz gestellt, die rund 1700 Titel aus dem Independentbereich anbietet.

«Unsere Online-Community können wir nicht zwei Jahre warten lassen.»Mirko Bischofberger

«Die klassische Auswertungskette – zuerst Festival, dann Kino und Fernsehen, erst dann Internet – dauert viel zu lange und ist nicht mehr zeitgemäss», sagt Mirko Bischofberger. «Katrina’s Dream» sei zudem dank Crowd­funding entstanden, sei also bereits auf digitalem Weg zustande gekommen. «Und unsere Online-Community können wir nicht zwei Jahre warten lassen.»

Mit dem autonomen Start auf digitalen Plattformen will die ungeduldige Generation die Verleiher umgehen, die noch immer entscheiden, welche Filme die Kinos zeigen. «Heute will der Zuschauer selber auswählen können», sagt Bischofberger. Das Problem ist die Blase: Ohne Werbung wissen nur ein paar Crowd­fund-Kollegen, dass es «Katrina’s Dream» überhaupt gibt. Dafür kann man sich den Film gleich heute Abend anschauen. Daheim, mit ein paar Klicks.

www.cinefile.ch. «Katrina’s Dream» ist streambar auf Realeyz.de.

Erstellt: 24.07.2018, 20:07 Uhr

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