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Alltag mit Sklaven

Die Macher von «Game of Thrones» planen eine Serie, die ein modernes Amerika mit Sklaverei zeigt.

Flaggen der Südstaaten bei der Nachstellung einer Schlacht aus dem US-Bürgerkrieg. Foto: Alex Wong (Getty)
Flaggen der Südstaaten bei der Nachstellung einer Schlacht aus dem US-Bürgerkrieg. Foto: Alex Wong (Getty)

Stellen Sie sich einen harten Bürotag vor und wie Sie abends nach Hause kommen. Ihre Kinder und die Ehefrau begrüssen Sie – und der Haussklave reicht Ihnen einen Whiskey. Solche oder ähnliche Szenen werden schon bald im Fernsehen zu sehen sein. Der US-Sender HBO plant mit «Confederate» eine Serie, die sich ausmalt, dass die Südstaaten den Bürgerkrieg gewonnen haben. Die Knechtschaft von Schwarzen war ein zentraler Grund für den Ausbruch des Kriegs, der zwischen 1861 bis 1865 über 620 000 Menschenleben forderte. Der Süden mit seinen Plantagen war wirtschaftlich auf Sklaven ausgerichtet, der Norden auf einen Maschinenkapitalismus.

Zwar ist «Confederate» erst in der Planungsphase, aber bereits sorgt die Serie für grossen Unmut. Auf Twitter wurde vor ein paar Tagen der Hashtag #NoConfederate gestartet, der zum meistverbreiteten Begriff auf dem sozialen Netzwerk avancierte. Afroamerikanische Aktivisten kritisieren, dass eine solche Serie überflüssig sei, da die Überbleibsel der Sklaverei in den USA allgegenwärtig seien.

Das Unheil aus der eigenen Mitte scheint realistischer.

Tatsächlich sind die Unterschiede zwischen Weissen und Schwarzen bei Lohn und Lebenserwartung frappant. Die Inhaftierungszahlen für schwarze Amerikaner sprechen ebenfalls für einen systematischen Rassismus: 37 Prozent der US-Häftlinge sind schwarz, obwohl Schwarze nur 13 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Und kürzlich wurden von Rassisten an verschiedenen Orten in den USA Schlingen an Bäumen befestigt.

Was also soll eine Serie, die Sklaverei als fiktionale, intellektuelle Übung behandelt – anstatt sie als das entsetzliche System zu zeigen, das sie war? Für schwarze Bürgerrechtler ist die Antwort klar: Die weisse Film- und Fernsehbranche ist nur an Szenarien interessiert, wo die weisse Gesellschaft im Zentrum steht. Irrelevant sei deshalb auch die Frage, wie ein modernes Amerika aussehen würde, das von den Indianern beherrscht wird, oder ein Texas, wo die Mexikaner den mexikanisch-amerikanischen Krieg gewonnen hätten.

Ganz fair ist dieser Vorwurf nicht. Eine andere amerikanische TV-Serie spielt derzeit ein Szenario durch, wo auch das weisse Amerika geknechtet wird. In «The Man in the High Castle» haben die Alliierten nicht nur den Kampf um Europa verloren, auch die USA wurden in die Knie gezwungen, nachdem die Achsenmächte Washington nuklear vernichtet hatten. Die Deutschen herrschen im «Greater Third Reich» über die Ostküste, Japan besetzt die «Pacific States of America» an der Westküste.

Alternative Geschichtsschreibung

Auch die Frage der Deutungshoheit gibt bei «Confederate» zu reden. Dürfen weisse Amerikaner die Sklaverei auf unterhaltende Weise überhaupt zum Thema machen? Nein, finden die Kritiker und verweisen entsetzt auf die Macher hinter der Serie: David Benioff und D. B. Weiss. Die beiden Männer haben «Game of Thrones» produziert. Zwar wird die Hitserie, die in einem fiktiven mittelalterlichen Königreich spielt, für ihre politische Raffinesse gelobt. Doch sie musste sich auch vorwerfen lassen, eine Gesellschaft zu beschreiben, in der Nicht-Weisse vor allem als brutale Krieger oder Sexsklaven vorkommen.

Natürlich kennen Benioff und Weiss diese Problematik und haben für «Confederate» zwei schwarze Produzenten in ihr Team geholt. Weiter verweisen sie auf den Lerneffekt von alternativer Geschichtsschreibung. Indem eine Linie von der Vergangenheit in die Gegenwart gezogen werde, könne eine Debatte über Rassismus und die Benachteiligung der schwarzen Bevölkerung in den USA entstehen.

Die BBC strahlte kürzlich eine Serie aus, die davon ausgeht, dass die Nazis England besetzt haben. Und «The Handmaid’s Tale» erzählt von einer Parallelgesellschaft, in der Frauen zu Gebärsklavinnen reduziert werden.

Woher rührt diese Faszination für dystopische Fantasien? Vielleicht sind klassische Feindbilder wie gegnerische Nationen weggefallen. Vielleicht erodieren Gewissheiten und Errungenschaften der westlichen Gesellschaft aber auch derart, dass das Unheil aus der eigenen Mitte realistischer erscheint. Eine Serie wie «Confederate» kann also, wenn sie nicht plakativ daherkommt, durchaus als Warnung wirken. Man sollte sie jedenfalls nicht vorverurteilen.

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