Als Betrügerin aufgeflogen und dennoch bald reich?

Anna Sorokin brachte die New Yorker High Society um viel Geld. Doch den lukrativsten Deal dürfte sie nach ihrer Verhaftung machen.

Anna Sorokin hat unter dem Namen Anna Delvey die bessere New Yorker Gesellschaft durcheinandergebracht. Jetzt könnte sie damit Geld verdienen. Foto: Richard Drew (AP)

Anna Sorokin hat unter dem Namen Anna Delvey die bessere New Yorker Gesellschaft durcheinandergebracht. Jetzt könnte sie damit Geld verdienen. Foto: Richard Drew (AP)

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Wäre der Hochstapler Felix Krull eine wirkliche Person gewesen, er hätte als reicher Mann sterben können. Seine «Bekenntnisse», das letzte Werk Thomas Manns, haben sich hunderttausendfach verkauft, sie wurden in alle Weltsprachen übersetzt, man hat sie verfilmt, natürlich gibt es Hörbücher davon, und all das generiert bis zum heutigen Tag einen nicht abreissenden Strom von Tantiemen.

Gewiss, es ist ein Klassiker. Aber das ist auf seine Weise auch Steven Spielbergs Film «Catch me if you can», die 2002 mit Leonardo DiCaprio verfilmte Biografie des Scheckbetrügers Frank Abagnale, und den hat es wirklich gegeben.

Der Film soll 350 Millionen Dollar eingespielt haben. Das ist ein Vielfaches der Summe, die sein Held als vorgeblicher, sehr properer Pilot mit ungedeckten Blankoschecks im weiten Radius einer Airline erschwindeln konnte. Er trat auch als Arzt und Rechtsanwalt auf und soll bis 1969, seinem 21. Lebensjahr, einen finanziellen Gesamtschaden von 2,5 Millionen Dollar verursacht haben – selbst inflationsbereinigt ein Klacks verglichen mit dem Filmerfolg.

Da Abagnale an dem Film ebenso beteiligt war wie an einem Musical zu seinem Leben, wird er nicht völlig leer ausgegangen sein – ganz abgesehen davon, dass er nach dem vorzeitigen Ende seiner Haftstrafe 1974 als Sachverständiger fürs FBI zu arbeiten begann und sein Geschick in den Dienst des Gemeinwohls stellte. Man kann das eine gelungene Resozialisation nennen, und sich unschuldig am filouhaften Charme dieser Biografie erfreuen. Lieto fine, heiteres Ende, nennt man das in Oper und Komödie.

Auch etwa ein Brillengestell spielte seine Rolle

Inzwischen sind solche fliegenden Wechsel zwischen Verbrechen und Kunst, Gefängnis und Hollywood nicht mehr so leicht, jedenfalls im Staat New York. Denn dort wurde 1977, kurz nach Abagnales Rückkehr aus einem schwedischen Gefängnis, ein Gesetz erlassen, das genau solche Vorteilsnahme aus der medialen Verwertung spektakulärer, und darum verkaufsträchtiger Lebensstoffe von Kriminellen unterbinden soll.

In seiner Urform hiess es «Son of Sam Law», benannt nach dem Decknamen des Serienmörders David Berkowitz. Nach seiner Verhaftung war Berkowitz so dauerhaft in den Medien präsent, dass Gerüchte über Honorare und mögliche Filmrechte zu kursieren begannen. Die vorsorglich erlassene New Yorker Bestimmung untersagte mögliche Verwertungen, und trotz verfassungsrechtlicher Zweifel, die die Einschränkung der Meinungsfreiheit betreffen, hat sie nach etlichen Modifikationen bis heute Bestand.

Eine New Yorker Staatsanwältin beruft sich jetzt auf das «Son-of-Sam»-Gesetz um Anna Sorokin, die jüngste glamouröse Hochstaplerin in der Stadt, daran zu hindern, Erträge aus einer Netflix-Serie (ein Vertrag liegt vor) einzustreichen. Anna Sorokin, das ist die deutsch-russische Betrügerin, die 2016/17 unter dem Namen Anna Delvey die New Yorker Society aufzumischen begann. Die Geschichte ist oft erzählt worden, weil sie farbig und auf der Oberfläche lustig ist, wie alle Hochstaplergeschichten in der Welt der Reichen und Berühmten.

Sorokin-Delvey gab sich als deutsche Multimillionärin aus, und in dieser Rolle warb sie für Charity-Projekte und ein Zentrum für zeitgenössische Kunst hohe Summen ein; beglaubigt wurde ihre falsche Identität mit einem durch ungedeckte Kreditkarten und auf Pump finanziertem Lebensstil, der maximale materielle Sorglosigkeit signalisierte. Reichtum, auch wenn er fingiert ist, zieht Reichtum an, so lautet das bewährte Rezept.

Gesellschaft ist ein Maskenspiel, das Hochstapler und Hochstaplerinnen umso besser begriffen haben, je mehr ihr Auftreten Verkleidung ist. Im Falle Sorokins war es ausgestattet mit allerlei Designermarken, die auch bei den Gerichtsverhandlungen nach ihrer Enttarnung ihre abspannträchtigen Rollen spielten: «Brillengestell von Céline».

Netflix-Deal könnte Sorokin 200'000 Dollar einbringen

Nun steht also Netflix mit der Autorin Shonda Rhimes zur Produktion einer Serie bereit, und die wieder zu Sorokin gewordene Anna könnte sich bei Produktionsbeginn erst einmal über eine Anzahlung von 70'000 Dollar freuen, für die Beratung pro Folge über weitere 15'000 Dollar, dazu Ausstrahlungstantiemen von 7500 pro Folge.

All das könnte schon bald die fast 200'000 Dollar erreichen, die vor Gericht im Feuer stehen – weit höhere Beträge an Bankschulden kamen erst einmal nicht zur Verhandlung, weil die Kreditinstitute die Aufdeckung schadenersatzträchtiger Sicherheitsmängel befürchten. Das Strafmass – auf jeden Fall mindestens vier Jahre, höchstens zwölf – steht noch nicht fest, doch stellt sich die Frage, ob die Schwindlerin als wohlhabende Frau aus dem Gefängnis kommen könnte.

Das möchte die Staatsanwältin Letitia James verhindern, und darum setzt sie das «Son-of-Sam»-Gesetz ein. In heutiger Fassung ermöglicht es vor allem Geschädigten und Opfern bevorzugten Zugriff auf durch Verwertung von Verbrechen generierte Einnahmen. Die Details sind wie immer komplex, aber der Grundsatz ist unmissverständlich: Verbrechen darf auch nach der Bestrafung nicht zu einer Erwerbsquelle werden, selbst wenn diese legal wäre.

Es geht um Gerechtigkeit

Der Gedanke dahinter ist womöglich weniger präventiv – welcher gesellschaftliche Trickbetrüger mag das Risiko eingehen, trotz beträchtlicher Strafe am Ende mit einem Verwertungsvertrag herauszukommen? – als moralisch: Die Vorstellung, dass ein skrupelloser Schwindler selbst nach Begleichung aller Schulden und nach Leistung von Schmerzensgeldern besser dasteht als seine Opfer, scheint kaum erträglich.

Es geht also nicht nur um Recht, sondern auch um Gerechtigkeit und Moral, in diesem Fall um eine Form des biografiischen Bilanzvergleichs. Darf der schlaue Betrüger ganz am Schluss belohnt werden, während der weniger brillante Ehrliche sich redlich, aber auch glanzlos ernährt?

Der Bestseller nach Verbüssung der Strafe bleibt unangetastet

Gute Frage, sie ist novellenträchtig. Durch einen vergleichenden Blick ins deutsche Strafrecht wird sie allerdings nicht geklärt. Dieses kennt Bestimmungen nach Art von «Son of Sam» nicht, abgesehen davon, dass Opfer natürlich Ansprüche auf Entschädigungen und Wiedergutmachungen haben und dass dafür auch auf Verwertungsrechte zurückgegriffen werden könnte, genauso wie auf alle anderen Vermögenswerte des Täters. Doch der Bestseller nach Verbüssung der Strafe bleibt in Deutschland unangetastet. Felix Krull könnte sich manchen kostspieligen Hotelaufenthalt im Schwarzwald oder im Engadin leisten.

Das würde sogar für Darstellungen schwerer Gewaltverbrechen gelten. Der Roman eines Mörders oder Bankräubers könnte in Deutschland, sofern er alle Vorgaben des Persönlichkeitsrechts einhält und die Rechte der Opfer nicht verletzt, erscheinen und, nach Abzahlung aller Geldforderungen aus dem Verbrechen, sogar Gewinn einbringen. Der Fall mag unwahrscheinlich klingen, allerdings hat er eine Parallele, und zwar ausgerechnet in den Vereinigten Staaten.

In einem Bundesgefängnis in Kentucky sitzt Nico Walker, der mit seinem Roman «Cherry» 2018 einen spektakulären Erfolg erzielte. Das Buch liegt inzwischen auch auf Deutsch vor. Walker war 2006 Militärsanitäter im Irak und erlebte dabei einen bestialischen Kriegsalltag, der ihn so traumatisierte, dass er in eine schwere Heroinsucht rutschte. Darauf folgten ein paar Jahre der Beschaffungskriminalität mit Banküberfällen, für die Walker eine Gefängnisstrafe von elf Jahren erhielt.

Krieg, Sucht, Raub und etwas Sex sind die Themen von Walkers drastischer Darstellung. Sein autobiografischer Roman entstand im Gefängnis. Die Erlöse aus Buch und Filmrechten dienten zunächst dazu, die überfallenen Banken zu entschädigen.

Verbrechen in der Kunst

Doch unverkennbar hat es auch eine seelisch heilende Funktion – das Buch ist ein ergreifendes Memoire des Schmerzes, der Schrei einer gequälten Seele, eine erschütternde Anklage des Krieges. Dieses Buch zu verhindern wäre ein Unrecht gegen den Autor gewesen, dem nach seiner Rückkehr aus dem Irak niemand beigestanden hatte.

Die Nähe von Verbrechen und Kunst ist ohnehin einer der ältesten Topoi nicht nur der Literatur. Der sanfte Goethe übersetzte die Autobiografie des Mörders und Bildhauers Benvenuto Cellini. Die New Yorker Bestimmung wirkt vor dem Horizont solcher Traditionen puritanisch. Anna Sorokin soll zahlen, bis das letzte Hotel auf seine Rechnung gekommen ist. Was aber, wenn sie ein Meisterwerk nach Art des «Felix Krull» zustande brächte? Wollte man ihr dann den verdienten Lohn versagen?

Das muss auch nicht eintreten. Denn nach Verbüssung ihrer Strafe dürfte sie als deutsche Staatsbürgerin unverzüglich nach Deutschland abgeschoben werden. Hier könnte sie neu anfangen, in welchem Fach auch immer – als Influencerin in Designfragen? Als Manierenpäpstin? Oder doch als Autorin?

Erstellt: 19.08.2019, 18:55 Uhr

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