Als John Travolta in Zürich mitten in der Nacht Tennis spielen wollte

Karl Spoerri und Nadja Schildknecht eröffnen ihr Film Festival zum letzten Mal. Höhepunkte und Peinliches aus den letzten 15 Jahren.

Nach 15 Jahren ist Schluss: Nadja Schildknecht und Karl Spoerri an der 14. Ausgabe des Zurich Film Festival. Alle Fotos: Keystone

Nach 15 Jahren ist Schluss: Nadja Schildknecht und Karl Spoerri an der 14. Ausgabe des Zurich Film Festival. Alle Fotos: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach 15 Jahren ziehen sich die beiden Gründer Nadja Schildknecht (Geschäftsführung) und Karl Spoerri (künstlerische Direktion) von der operativen Leitung des Zurich Film Festival (ZFF) zurück; sie wirken künftig im Hintergrund und bleiben im Verwaltungsrat. Was 2005 in kleinerem Rahmen in einem Zürcher Kino begonnen hat, ist heute eine strahlkräftige Plattform für die Kino-Herbstsaison. Welche Höhepunkte sind uns geblieben aus den 15 Jahren, was darf man vergessen?

2005: Die Anfänge
Nadja Schildknecht an der 2. Ausgabe 2006. Im Gründungsjahr 2005 fand das Festival noch im Kino Plaza statt, schon damals trieben die Organisatoren eine Million Sponsorenfranken auf. ZFF-Mitgründer Antoine Monot Jr. kannte Regisseur Robert Schwentke, der dann sein US-Debüt «Flight Plan» (in der Hauptrolle: Jodie Foster) zur Eröffnung mitbrachte und zugleich in der Jury sass. Eine wegweisende Männerbündelei.

Shampoos vom Chef
In den Anfängen des Festivals packten sie alle mit an. Einmal stand ZFF-Co-Gründer Antoine Monot Jr. gar persönlich im damals winzigen Festivalbüro beim Rathaus und händigte Branchenvertretern die Akkreditierungspässe aus. Dann deutete er auf einen Berg von Pralinenschachteln und Shampoos und sagte: «Sie dürfen sich eines dieser Produkte aussuchen.» Sponsoring hautnah, sozusagen. Selten sah man grösseres Erstaunen unter den Festivalgängern.
Hans Jürg Zinsli

Wie viele Filme schaffe ich?
Das Schönste am ZFF ist, wenn sich die Stadt zu einer einzigen Filmcollage zusammenzieht. Meistens geschieht es an einem herbstverhangenen, abweisenden Sonntag. Wenn ich nach zwei Stunden aus dem Riffraff trete, hastig im Supermarkt ein Sandwich hole und mit dem Velo zum Arthouse Le Paris fahre, um es rechtzeitig in den nächsten Film zu schaffen, dann bin ich nicht bloss eine, die das Kino liebt. Ich bin dann auf Mission. Allein mit mir, schalte ich mein Handy aus, rede mit niemandem, nicke an der Kasse nur und will drei Filme hintereinander schauen. Vielleicht schaffe ich vier.
Salomé Müller

2008: Sylvester Stallone
Sylvester Stallone war der erste grosse Star des Festivals, der Fan- und Presseaufmarsch am Bellevue aber noch bescheiden, es gab ein Podestchen neben den Tramgleisen. In einer Masterclass (angekündigt: 4 Stunden, real: 50 Minuten) sagte Stallone, dass er jeden Morgen ab 4.30 Uhr an Drehbüchern schreibe. Sein grösster Traum sei es, eine Filmbiografie über Edgar Allan Poe zu realisieren.

Die Kritiker
Fast schon legendär geworden am ZFF ist der unsouveräne Umgang der Chefs mit Journalisten. Das ging von stalinistischen Telefonanrufen bis zu einer 1:1-Konfrontation im Festivalzentrum, die mit dem Satz «Was ist eigentlich dein Problem?» begann. Kritik war für die Gründer oft dasselbe wie Missgunst von Hatern, im Affekt wurden sofort Repressalien in Aussicht gestellt, aber nie umgesetzt. Auf Fragen zu journalistischer Unabhängigkeit reagierte die Festivaleignerin NZZ allergisch, solche zu Widersprüchen der Programmpolitik lösten im ZFF-Büro, wie man einmal hörte, «halbe Herzinfarkte» aus und führten zur ernst gemeinten Gegenfrage, wieso man stets das «Haar in der Suppe» suche. Gut, gibt es dieses Jahr die Reihe #SpeakingTheTruth über Reporter auf Wahrheitssuche, da könnte man das Problem doch mal thematisieren?
Pascal Blum

2009: Die Verhaftung Polanskis
Es war ein denkbar unrühmlicher Empfang: Roman Polanski, designierter Ehrenpreisträger, wird beim Eintreffen am Flughafen Kloten festgenommen, auf Wunsch der US-Strafverfolger, die noch immer eine Anklage wegen einer Vergewaltigung von 1977 in ihren Akten haben. In Zürich demonstrierten Polanski-Fans und forderten ihre «Masterclass», das Festival wurde international bekannt. Polanskis Haft wurde in einen Hausarrest umgewandelt, den er in seinem Chalet in Gstaad absass; darauf wies die Schweiz den Auslieferungsantrag der USA zurück. Roman Polanski holte seinen Lebenswerkpreis zwei Jahre später ab – unter Standing Ovations des Publikums.

Lachen über Polanski
Im Jahr, als Polanski verhaftet wurde, besuchte auch Terry Gilliam die Stadt und gab ein langes Interview zu seinem Film «The Imaginarium of Doctor Parnassus». Das Mitglied der britischen Komikertruppe Monty Python wusste noch nichts von der ganzen Aufregung, doch als er davon hörte, kicherte er wie ein kleines Kind, konnte sich beinahe nicht erholen. Und schlug dann dem Interviewer vor, mit ihm vors Gefängnis zu ziehen, um Polanskis Namen in die Nacht zu schreien. Ob er über oder mit Polanski lachte, war vorerst nicht klar. Aber das Interview trug dann den Titel: «Wenn etwas ganz schlimm ist, muss ich darüber lachen.»
Matthias Lerf

Fast barfuss im Baur au Lac
Später kam dann Terry Gilliam auch noch mit dem Gesetz in Konflikt. Es ging nicht um eine Verhaftung, aber um das Einhalten der Hausordnung. Er residierte im Baur au Lac, und als er, wie immer, den Frühstücksraum barfuss in Badeschlappen betreten wollte, wurde er des Raumes verwiesen. Frühstück bekam er aber trotzdem noch, er ass ganz alleine in einem Nebenraum.
Matthias Lerf

Wer wird denn da geehrt?
Als die Preisverleihung 2011 erstmals im Opernhaus stattfand, sollte der Schweizer Oscarpreisträger Maximilian Schell die Laudatio auf den kanadischen Oscarpreisträger Paul Haggis («L.A. Crash») halten. Aber Schell – verwirrt und sichtlich benebelt – hielt sich überhaupt nicht ans Protokoll. Stattdessen gab er gefühlte 15 Minuten lang Anekdoten aus dem eigenen Leben zum Besten. Kurz bevor der Moderator einschritt, meinte Schell noch, «this Haggis» sei ihm kein Begriff. Der Geehrte dankte dann trotzdem für den Preis.
Hans Jürg Zinsli

Ein Wiesel spielt Tennis
Extravaganz hat einen Namen: Als John Travolta 2012 nach Zürich kam, verspürte er mitten in der Nacht Lust auf Tennis. Das ZFF-Team reagierte sofort und reservierte einen Platz im Dolder. Anschliessend wurde dem hungrigen Star – den Festival-Dauergast Oliver Stone als «Wiesel» bezeichnete – im Baur au Lac Pasta serviert.
Hans Jürg Zinsli

2014: Das Festivalzentrum
2014 wurde auf dem Sechseläutenplatz erstmals das Festivalzentrum aufgebaut, neben dem Star-Korso zum Kino Corso gibt es dort seither Tickets und Nespresso. Ebenfalls eingebürgert haben sich die tropischen Temperaturen, sobald die Herbstsonne durch die Plastikblachen scheint.

Angst vor der SS
Man war gewarnt vor Christoph Waltz. Ein Schwieriger sei das, seine furchteinflössende Eloquenz könne man sich sicher vorstellen, es werde einem wahrscheinlich so ergehen wie der Jüdin Shoshanna in «Inglourious Basterds», die sich im Gespräch mit Waltz’ SS-Sadisten Hans Landa keine Spur von Panik anmerken lassen darf, und anyway, hoffentlich bestellt er keinen Apfelstrudel. Das Interview lief dann aber gut, vor allem weil Waltz einmal statt «modulieren» «moderieren» verstand – und dieses Wort für das treffendste aller Wörter hielt.
Pascal Blum

2016: Die NZZ
Die NZZ-Mediengruppe übernimmt die Mehrheit an der Zurich Film Festival AG, begründet wird das mit Synergien und der Möglichkeit für das Festival, weiter wachsen zu können. Mittlerweile gibts auch schon einen internen Wechsel: Ab 2020 übernimmt Christian Jungen die künstlerische Direktion des Festivals, er war zuvor Ressortleiter Kultur der «NZZ am Sonntag». Die Geschäftsführung übernimmt ein neues Gesicht: Christina Hanke.

Gute Idee
Die Antwort von Rob Reiner, Regisseur von «When Harry Met Sally», auf die Frage, wie man es schaffe, eine langweilige Situation visuell interessant zu machen: «Wir benutzen eine Kamera.»
Pascal Blum

Arnie, differenziert
Was man von einem wie Arnold Schwarzenegger hören möchte, wenn er über den grünen Teppich schreitet, war klar: einen kurzen, prägnanten Ausspruch, dafür war er während seiner Schauspielkarriere bekannt. «Talk to my hand» («Terminator 3») ist in Erinnerung oder «It's showtime!» («The Running Man»), aber auch «I’m pregnant!» («Junior»). Das Mindeste, was man von ihm erwartet, war «I’ll be back» aus dem ersten Teil von «Terminator». Auf dem Teppich reagierte aber ausgerechnet Schwarzenegger mit Differenziertheit. Ja, auf gewisse Dinge in seinem Leben sei er stolz, auf andere weniger, gewisse seiner Filme seien gut, andere weniger. Er war eben nicht nur Schauspieler, sondern auch mal Politiker. Den knackigen Spruch lieferte schliesslich seine Managerin: «Move back! We need more space!»
David Sarasin

2018: Die Subventionen
Das Bundesamt für Kultur kündigt an, dem ZFF die Subventionen von 250'000 Franken jährlich zu streichen, da es keine klare Trennung zwischen kommerziellem und künstlerischem Geschäft gebe. Neuerdings will der Bund im Filmgesetz ein für allemal festschreiben, dass Festivals, die gewinnorientierten Unternehmen gehören, keine Subventionen erhalten sollen. Das ZFF lobbyiert derzeit dagegen.

Ein Duell für Johnny Depp

Als Captain Jack Sparrow gehört Johnny Depp bei uns sozusagen zur Familie, und natürlich mussten wir an den grünen Teppich. Früh. So früh, dass es noch Platz gab in der ersten Reihe. Bald wurde es voll, tapfer verteidigten wir die paar Zentimeter Geländer gegen unsere physisch überlegenen Nachbarn, während Johnny Depp sich Zeit liess. Aber dann war er da! Das Gekreische liess keine anderen Schlüsse zu, die fünf Stunden Ellbogenduell hatten sich gelohnt, fast war er schon bei uns – da versuchte ein Fan, übers Geländer zu steigen. Wir sahen dann nur noch die Security-Phalanx, die unseren Captain zum Ende des Teppichs bugsierte. Aber egal. Der Junior erzählt noch heute, Jack Sparrow habe ihn angelächelt.
Susanne Kübler

15. Zurich Film Festival: 26.9.–6.10. www.zff.com


Wer ist wann auf dem grünen Teppich?

Do, 26.9., 18 Uhr: Eröffnung und Cast und Crew von «Bruno Manser»: Niklaus Hilber, Sven Schelker, Elizabeth Ballang

Sa, 28.9., 20.15 Uhr: Donald Sutherland, Claes Bang («The Burnt Orange Heresy»)

So, 29.9., 17.30 Uhr: Ciro Guerra, Mark Rylance, Michael Fitzgerald («Waiting for the Barbarians»)

So, 29.9., 20 Uhr: Julie Delpy, Daniel Brühl («My Zoe»)

So, 29.9., 20.30 Uhr: Roland Emmerich

Mi, 2.10., 20 Uhr: Kristen Stewart, Benedict Andrews («Seberg»)

Do, 3.10, 20.25 Uhr: Olivier Nakache, Eric Toledano, Reda Kateb («Hors Normes»)

Do, 3.10, 20.40 Uhr: Javier Bardem, Alvaro Longoria, Carlos Bardem («Sanctuary»)

Fr 4.10., 19.45 Uhr: Lewis Hamilton

Sa, 5.10., 17.45 Uhr: Jonas Alexander Arnby, Nikolaj Coster-Waldau, Katrin Pors («Suicide Tourist»)

Sa 5.10, 18.30 Uhr: Cate Blanchett

Erstellt: 24.09.2019, 17:17 Uhr

Artikel zum Thema

Zurich Film Festival mit grüner Welle und Wahrheitssuche

Das 15. Zurich Film Festival bietet Stars und einen Regisseurinnenrekord. Jetzt ist das Programm bekannt. Mehr...

Die Showmaster treten ab

Nadja Schildknecht und Karl Spoerri geben die Leitung des Zurich Film Festival ab. Künstlerischer Direktor wird der Filmjournalist Christian Jungen. Mehr...

Zürcher Filmpreis ohne «Zwingli»

Der Grosserfolg ist für die Preisverleihung am Zurich Film Festival nicht nominiert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Gemeinsam leben an zwei Orten

Geldblog Reisedetailhändler Dufry wächst wieder richtig

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Blumen-Idylle: In Kathmandu, Nepal, fliegt ein Sommervogel von Blüte zu Blüte. (8. November 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...