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Penetrant grüsst die Prostata

«Youth», der neue Spielfilm des Italieners Paolo Sorrentino, ist ein Altherren-Film. Die Besetzung ist grossartig und das Kunsthandwerk glänzend. Aber verschmockter geht es kaum.

Die alten Freunde Fred Ballinger (Michael Caine, l.) und Mick Boyle (Harvey Keitel) pflegen ihre Melancholien. Foto: Gianni Fiorito
Die alten Freunde Fred Ballinger (Michael Caine, l.) und Mick Boyle (Harvey Keitel) pflegen ihre Melancholien. Foto: Gianni Fiorito

Womöglich ist das der fürchterlichste Fluch, der auf einem Filmprojekt lasten kann: dass ein Regisseur das Können hat und Einfälle im Übermass, zum Beispiel zur menschlichen Endlichkeit, zum Beispiel zum Kino selbst, aber keine rechte Idee, und dann dreht er den Film trotzdem, und der demonstriert auf kunstfertige Art im Grunde nichts als die Ideenlosigkeit im Reichtum der Einfälle.

Wenn natürlich besagter Regisseur ein Könner ist wie der Italiener Paolo Sorrentino, Oscarpreisträger («La grande bellezza», 2014), bringt er es immer noch zu einer Nachahmung existenzieller Dramatik; und vielleicht ahnt er sogar, dass er nur simuliert, und rettet sich in die Ironie über das eigene Medium, in ein spöttisches Schweben zwischen fantastischem Traum und realistischem Tag. Und das ist das Traurigste an der ganzen Sache. Es ist alles so schön und originalitätsähnlich. Aber davon hat noch niemand gelebt, keine Figur und kein Zuschauer, und das muss leider gesagt werden von Sorrentinos neuem Film «Youth»: Er ist warme Luft.

Das Alter als Entlaubung

Die Luft riecht künstlich nach heiterer Schwermut und sättigt nicht ausreichend. Der grosse Alfred Polgar (man findet ja immer etwas Zitierenswertes bei ihm), der im Theater und im Kino gern etwas zu Beissen hatte, hat einmal von Arthur Schnitzler gesagt, sein gewisser «Weh-Übermut» und die Skepsis, die von sich selbst gerührt sei, schmeckten pappig. Das passt auch ganz gut auf «Youth», einen Film, der etwas Schnitzlerisches hat im Gerührtsein über die eigene exquisite Kunst der Kopfhängerei. Und in der reizvollen Atmosphäre eines artistischen Tötelns in gepflegter Umgebung. Und eben im Pappigen einer elegischen Allgemeinmenschlichkeit. Wie der Filmtitel ja andeutet, geht es um das, was man nie genug schätzt, wenn man es hat. Und um das, was man vermisst, wenn die Prostata einen daran erinnert, dass man auch schon über das Alter hinaus ist, wo es seelisch noch etwas genützt hat, zu behaupten, jeder sei nur so alt, wie er sich fühle.

Das Malheur von «Youth» ist Sorrentinos Neigungzum Variété.

Da sind wir in diesem Fall bei der Konstellation, die in «Youth» einem Drama am meisten ähnelt. In einem Hotel in den Schweizer Bergen, halb Luxusoase, halb Kurhospital, pflegen zwei alte Freunde ihre Gebresten und Melancholien. Rings um sie trifft körperlicher Verfall auf Jugendschönheit, und beide wissen, dass sie dem Verfall längst näher sind, und wünschen, es wäre nicht wahr. Denn Fred Ballinger (Michael Caine), der Komponist, ist noch nicht im Reinen mit seiner Tochter (Rachel Weisz), und Mick Boyle (Harvey Keitel), ein Film­regisseur, ist noch nicht im Reinen mit seiner Kunst. Am Ende aber hat jeder einen Sprung über den eigenen Schatten getan.

So weit lässt sich das nacherzählen (und nicht nur beschreiben): als die Geschichte der Lebenskrisen zweier achtzigjähriger Männer, die das Alter quasi als Entlaubung erfahren und als den Zwang, in Erinnerungen leben zu müssen. Da steckt nun doch so etwas wie eine durchgeführte Idee in den Einfällen, sozusagen: zweierlei Versuche, mit der Endlichkeit und den unbezahlten moralischen Schulden umzugehen; sei es, dass man sich – wie der Komponist Ballinger, der selbst der Königin von England einen Korb gibt – aus dem Weltverkehr zurückzieht in resignativer Altersfaulheit; sei es, dass man – wie der Regisseur Boyle – aktiv auf die Ewigkeit spekuliert durch ein filmisches Testament. Die tieferen Möglichkeiten einer Tragödie der Lächerlichkeit erscheinen in beidem; und hätte Paolo Sorrentino sich darauf konzentrieren wollen, wärs vielleicht nicht nur ein virtuoser Film geworden, sondern auch ein durchaus menschlicher.

Ziselierter Unsinn

Er wollte aber nicht. Das Malheur von «Youth» ist Sorrentinos Neigung zum Variété. Was für ein Wesen mit verspielten Dramoletten des Vergreisens! Was für zeitraubende Dialogclownerien übers stockende Wasserlösen und die altersschwächelnde Lüsternheit! Welches Theater mit Larven, Lemuren, Charakterskizzen und erlesenen Fantasmagorien! Alles schreit: Einfallskraft des Kinos! Maradona, der Fussballer, im Zustand überlebensgrosser Ver­fettung, ein Wal im Thermalwasser­becken. Die Miss Universum, ein intellektueller feuchter Traum. Ein junger Schauspieler (Paul Dano), der Novalis liest («Wohin gehen wir? Immer nach Hause.») und als Hitler zur Table d’Hôte auftaucht. Und Boyle, der Regisseur, dem die eigenen Filmfiguren auf einer Magerwiese etwas vorspuken.

Item: massenweise inspirierter Bluff. So will es scheinen. Man mag deshalb nicht einmal mehr die zarte Szene wirklich schätzen, in der Michael Caine Kühe und Vögel dirigiert als ein musikalischer heiliger Franz im Alpenland. Man weiss aber jetzt: Ein Fünfsternhotel mit ­genug Umschwung ist eine sehr praktische Erfindung für derlei Dramatik. Ein gastfreier Raum für allerlei ziselierten Unsinn.

Damit wir uns am Ende nicht missverstehen: Wir haben es hier mit feinstem Kunsthandwerk zu tun. Die Besetzung ist ja grossartig, ein Caine, der leise changiert zwischen Altersdummheit und -weisheit, ein kantiger Keitel, dem es Nacht wird in der Seele, und auch Jane Fonda hat man in die Schweiz eingeflogen zur kurzen, aber prägnanten Verkörperung eines Hollywood-Räfs alter Schule. Jedoch so allerfeinst und surreal versnobt und selbstverliebt ist das alles, so sehr penetrantes Metakino, dass man es auf die Dauer kaum aushält. Insgesamt dürfte es sich bei «Youth» um den verschmocktesten Film des laufenden Jahres handeln.

«Youth» läuft in Zürich ab Donnerstag im Kino Riffraff und im Arthouse Le Paris.

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