«Am Ende sind wir doch alles Psychopathen»

Ein Zürcher Filmemacher spiegelt die St. Moritzer Luxuswelt mit der Genügsamkeit lokaler Snowboarder – und erhält dafür einen renommierten Filmpreis.

Luxuswelt trifft Snowboard-Szene: Kris Lüdis Kurzfilm «Snowciety» wurde bei den New Yorker Vimeo Awards ausgezeichnet. Video: Vimeo


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Der dokumentarische Kurzfilm «Snowciety» des Zürcher Regisseurs Kris Lüdi gewann letzte Woche an den Vimeo Awards in New York eine «Best Video of the Year»-Auszeichnung. Vimeo ist eine Video-Plattform, die Kurzfilme mit speziellen Ansätzen kuratiert. Im Film wirft Lüdi ein Schlaglicht auf die St. Moritzer Luxuswelt, indem er das Leben der Schönen und Reichen aus der Sicht einer rebellischen Snowboard-Clique zeigt. Hier treffen Pelzmäntel und Privatjets auf Bierdosen und zerbrochene Schneebretter. Dabei spielen Neid, Klischees und Psychosen ebenso eine Rolle wie die Frage, was in dieser Welt schon normal ist.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Dekadenz der Superreichen mit der Genügsamkeit lokaler Snowboarder zu spiegeln?
Durch gewisse Bekanntschaften hatte ich bereits Kontakt zu Leuten, die in St. Moritz Teil des Jetsets sind. Über gemeinsame Freunde lernte ich die lokalen Snowboarder kennen. Als ich genauer hinschaute, realisierte ich, dass die Gegensätzlichkeit zum mir bereits bekannten Klischee des Jetsets nicht grösser sein könnte – das Bewusstsein für diese Dichotomie brachte mich zum Entschluss, dieses Dorf zu porträtieren.

Im Film reflektieren einheimische Snowboarder die Klischees der Superreichen, die jährlich in ihr Tal strömen. Wer sind diese Protagonisten?
Es sind Einheimische Ende 20, die im Gegensatz zu den Schönen und Reichen einen simpleren Lebensentwurf verfolgen, sich gern in der Natur aufhalten und Freundschaften für die wertvollste Währung halten. Sie definieren sich nicht über ihren Job oder eine Zurschaustellung ihrer Liquidität. Snowboarden ist für sie mehr als ein Sport, es ist ein Ausdruck ihrer radikalen, freiheitsliebenden Einstellung.

Porträtiert Freundschaft auf 16mm-Film: Kris Lüdi am Set. Foto: Roland Ogg

Im Film schlagen die Rabauken teilweise fast schon versöhnliche Töne mit der Welt der Schönen und Reichen an. Ein Widerspruch?
Nicht unbedingt. Klar haben sie für die Dekadenz gewisser Leute eher wenig Verständnis. Ihnen ist aber bewusst, dass im Tal ohne Tourismus ziemlich wenig los wäre. Ausserdem wissen sie, was ihnen persönlich im Leben wichtig ist. Und die Reichen können ihnen diese Lebensqualitäten nicht absprechen. Man merkt, dass sie sich schon von klein auf mit diesen sozialen Begebenheiten auseinandersetzen.

Gleichzeitig sprechen sie von einem «Brainfuck», davon, dass ihnen konstant vermittelt wird, dass sie etwas Besseres sein müssten.
Da muss man etwas unterscheiden. Im Tal leben ja auch übers Jahr ganz viele zugezogene Unterländer, die auch im Herbst mit ihren teuren Autos zum Volg fahren. Das hat sich mehr auf diese Leute bezogen als auf die Touristen, die nur für einige Wochen kommen.

Sie selbst pflegen Bekanntschaften in beiden Welten. Wie gehen sie persönlich mit diesen Gegensätzen um?
Das ist eine spannende Frage, wahrscheinlich habe ich genau deswegen den Film gemacht, um herauszufinden, wo ich mich in diesem Spannungsfeld selbst einordne.

Und?
Durch die Realisierung des Films habe ich gemerkt, dass ich genug bei mir selbst bin, um mich weder von der einen noch von der anderen Welt vereinnahmen zu lassen. Ich finde es einfach extrem spannend, beide Seiten zu beobachten. Gerade weil ich in beiden Welten Bekanntschaften pflege, war es mir wichtig, das Ganze fair und empathisch umzusetzen, ohne jemanden blosszustellen. Ich wollte einfach aufzeigen, dass jeder Mensch seine Maske trägt. Was uns unter dem Strich verbindet, ist eine gemeinsam geteilte Neurose. Oder wie es Sprecher Ivo auf den Punkt bringt: «Am Ende sind wir doch alles Psychopathen.»

Ihr Ansatz «Ich bin ok, Sie sind ok» dürfte den Superreichen von St. Moritz ganz gut gefallen. Sozialkritik geht anders.
Ich finde, hier muss man ein wenig genauer sein. So ist die Aussage vielmehr «Die sind nicht besser, wir sind nicht besser». Es bleibt also vergleichend. Man darf nicht vergessen, dass hier verallgemeinert wird. Meine Protagonisten pflegen teilweise auch Freundschaften mit Leuten der anderen Welt, gewisse finden sie absolut untragbar. Schlussendlich hat es aber, wie in jeder Schicht, in jeder Nation, ganz viele tolle Charaktere und auch weniger tolle. Dies zieht sich durch jede Gruppe Menschen, am Schluss sind weder die einen noch die anderen besser.

Dennoch nimmt die soziale Ungleichheit weltweit wie auch in der Schweiz weiter zu. Der Oxfam-Bericht zeigte jüngst wieder die eklatante Differenz zwischen den ganz Armen und den Superreichen. Stört Sie das nicht?
Persönlich stört mich das absolut. Doch die Aufgabe eines Filmemachers, spezifisch bei Dokumentarfilmen, ist nicht Meinung oder Wertung, sondern vielmehr die Beobachtung und gerechte Darstellung einer Lebenswelt. Wichtig ist für mich, auf Themen oder Umstände hinzuweisen, sie dem Zuschauer näherzubringen – die Meinung soll er sich daraus selbst bilden.

Was haben Sie durch den Film über sich selbst gelernt?
Ich habe gemerkt, wie sehr ich mich dafür begeistern kann, Menschen zu beobachten. Das schwankt dann zwischen Voyeurismus und der Begeisterung über die Absurdität, die der Mensch an den Tag legen kann. Eine ebenfalls wichtige Erkenntnis: Man sollte nicht über den Lebensentwurf anderer Menschen werten, jeder Lebensstil hat seine Herkunft und seine Berechtigung.

Sie stellen im Film die Frage nach dem sozialen Neid. Ist das ein Thema, das Sie auch privat beschäftigt?
Absolut, wie wohl jeder Mensch empfinde und erfahre auch ich Neid. Dass ich den Film mit dieser Frage beginne, liegt aber mehr daran, dass es die grosse, auf der Hand liegende Frage ist, wenn über soziale Ungleichheit gesprochen wird. Danach kann man sich weicheren, spezifischeren Fragen widmen.

Anerkennung in den USA: Lüdi holt gemeinsam mit Produzent David Müller und Kameramann Daryl Hefti den Award ab. Foto: Vimeo

Sie haben für den Film letzte Woche einen Vimeo-Award in New York gewonnen. Wie war das Feedback?
Begründet wurde der Award durch die erfrischende Perspektive, die der Film auf ein altbekanntes soziales Problem wirft. Aber natürlich kommen auch die mondäne, zeitlose Alpenkulisse und das unbekannte Rätoromanisch gut an.

Hat das Publikum überhaupt verstanden, dass der Erzähler nicht Schweizerdeutsch spricht?
Ja, erstaunlicherweise haben gewisse Leute bemerkt, dass die Tonalität nicht wie krächzendes Schweizerdeutsch klingt (lacht). Für die Jury in New York hatte diese altertümliche Sprache wohl sogar eine gewisse Magie des Unbekannten.

Erstellt: 23.01.2020, 15:34 Uhr

Zur Person


Kris Lüdi (32) ist Zürcher Filmemacher und Gründungsmitglied der Produktionsfirma Hillton, die in unterschiedlichen Sparten Filme in Kurzformat realisiert.

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