Am liebsten spielte er schlecht gelaunte Frauen

Terry Jones war ein brillanter Regisseur und hochintelligenter Denker. Jetzt ist das Gründungsmitglied von Monty Python gestorben. Ein Nachruf.

Er spielte seine Rollen konsequent – auch wenn es beim Zusehen bisweilen wehtat. Bild: Chris Pizzello/AP

Er spielte seine Rollen konsequent – auch wenn es beim Zusehen bisweilen wehtat. Bild: Chris Pizzello/AP

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Viele nannten Monty Python die Beatles der Siebzigerjahre. Und auch wenn der Vergleich seltsam anmutet, stimmt er in mehrfacher Hinsicht: Beide Formationen belegten die These der Gestalttherapie, wonach das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Beide lebten die Utopie der Sechzigerjahre nach, der zufolge Kreativität oft im Kollektiv entsteht. Ausserdem liessen sich beide als Familie sehen.

Bei Monty Python gab John Cleese den Vater – ungeduldig, sarkastisch, von Logik und Struktur getrieben. Und Terry Jones den klischierten mütterlichen Gegenpart: walisisch, also impulsiv, immer mit seinen Gefühlen zuvorderst und immer der Überzeugung, diese seien wichtiger als alle Argumente gegen sie.

Von allen Pythons spielte er am häufigsten schlecht gelaunte Frauen. Und diese mit grossartiger Intensität. Unvergessen sein Auftritt als Frau eines Bühnenautors, der sich über seinen Sohn, den Minenarbeiter, lustig machte. «Du weisst ja, wie er ist nach ein paar Romanen», sagte Jones als dessen Erzeugerin. Auch als Mutter des Brian, der für einen Messias gehalten wird, bleibt Jones unvergesslich. «Er ist nicht der Messias», ruft Jones als Frau den Jüngern zu, «er ist bloss ein ungezogener Bengel.»

«I really, really think» war eine seiner Formulierungen, welche die anderen fürchteten.

Seine impulsive Seite konnte die anderen Pythons nerven, zumal sie sich mit Sturheit verband, eine schwierige Kombination. «I really, really think» war eine seiner Formulierungen, welche die anderen am meisten fürchteten. Und deren Wirkung sich dadurch abschwächte, dass er sie in jeder Diskussion vortrug. Alles war ihm ungeheuer wichtig.

Allerdings konnte Terry Jones weit mehr, als auf seiner Meinung zu bestehen. Er war der brillante Regisseur der meisten Python-Filme, weil er ein Gespür hatte für komisches Timing und das Talent zur Struktur, das dieser anarchischen Gruppe eher abging. Ausserdem war er von überragender Intelligenz, was sich unter anderem an seinem Standardwerk über Geoffrey Chaucer zeigte, den mittelalterlichen Autor der «Canterbury Tales». Wie er politisch dachte – er bezeichnete sich zeitlebens als Anarchist, selbst noch als Millionär –, zeigen seine Essays unter anderem im «Guardian», in denen er sich sehr kritisch mit dem britischen «War on Terror» auseinandersetzte.

Er konnte sich die Texte nicht mehr merken

Nach der Trennung der Pythons drehte Jones mehrere Filme und Dokumentarfilme und schrieb eine Menge Kinderbücher. 2014, als die Pythons sich in der Londoner O2-Arena zu einer letzten Woche von Auftritten trafen, wurde ihm bei den Proben bewusst, dass er immer grössere Mühe hatte, sich die Texte zu merken. Eine ärztliche Untersuchung bestätigte die Befürchtung: Terry Jones litt an fortschreitender Demenz.

Sein Freund Michael Palin, mit dem Jones viele Python-Sketches schrieb, in denen sie ihre Vorliebe für den physischen, oft grotesk gewalttätigen Humor auslebten, besuchte ihn bis zuletzt. Manchmal habe er bei Jones ein Aufflackern seiner Persönlichkeit erlebt, sagt Palin. Aber wie jeder weiss, der Demenz bei Angehörigen erlebt, flackert es mit dem Fortschreiten der Krankheit immer weniger, und entsprechend niedergeschlagen lassen die Begegnungen einen zurück. Die Körperhülle mag noch präsent sein, der Geist stirbt weg.

Terry Jones wurde 1942 im walisischen Colwyn Bay geboren. Noch als er ein Kind war, zogen seine Eltern nach Surrey im ländlichen England. Während des Studiums in Oxford lernte er seinen Kommilitonen Michael Palin kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft und kreative Partnerschaft verbinden sollte. Nach dem Studium schrieben die beiden Sketches für verschiedene Sendungen, darunter die hoch geschätzte «The Complete and Utter History of Britain». 1969 schlossen sich Palin und Jones den völlig anders denkenden und schreibenden Komikern Graham Chapman und John Cleese an. Das Quartett wurde von Eric Idle ergänzt und von Terry Gilliam, der mit seinen Illustrationen wesentlich zum Stil der Pythons beitrug.

Seine dickste Rolle

Möchte man Terry Jones' Hang zum Extremen in einem Sketch zusammenfassen, dann gibt es nur einen, bei dem der Komiker alle Grenzen zum Platzen brachte: Es ist die Figur von Mister Creosote im letzten Python-Film «The Meaning of Life». Der Mann ist nämlich unbeschreiblich fett, muss seinen eigenen Bauch von einem Rad stützen lassen und beginnt schon zu kotzen, bevor er überhaupt gegessen hat. Als er das ganze Menü verschlungen hat und er sich «absolutely full» fühlt, überzeugt ihn John Cleese als Kellner, ein ganz dünnes Stück Minzschokolade zu versuchen. Creosote schluckt, beginnt sich zu blähen und explodiert. Die Szene ist keinem zu empfehlen, der eben gegessen hat oder nachher essen will.

Video – Terry Jones in «Monty Python's The Meaning of Life»

Aber sie belegt die Konsequenz, mit der Terry Jones seine Rollen spielte: bis zum Exzess, wenn es sein musste. Wie weit er damit ging, konnten seine Kollegen Anfang der Siebzigerjahre in einer Münchner Bar erleben, als eine bayrische Band offensichtlich faschistische Lieder intonierte. Terry Jones stand auf, bestieg eine Nebenbühne und begann zum zackigen Rhythmus der Band, einen vollendeten Strip hinzulegen. Das Publikum schaute fassungslos und dann empört, die Lage eskalierte. Kurz bevor die Leute ihn attackieren wollten, holten ihn die anderen Pythons von der Bühne.

Die hat er jetzt verlassen. Terry Jones starb am Montag an den Folgen seiner Demenz. Er habe bis zuletzt, sagt seine Familie, mit Humor gegen seine Krankheit gekämpft. Wie gerne hätte man diese Witze gehört.

Erstellt: 22.01.2020, 17:01 Uhr

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