Am Tisch mit der Prinzessin

«Cemetery of Splendour», der neue Film des Thailänders Apichatpong Weerasethakul, erzählt wundersam von schlafenden Soldaten und Königen.

Seiner Energie beraubt: Soldat im Tiefschlaf. Foto: PD

Seiner Energie beraubt: Soldat im Tiefschlaf. Foto: PD

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Die Band Kante sang es am schönsten, in ihrem Neo-Schlager «Im ersten Licht»: «Wir reden manchmal wie im Schlaf / Von noch nie betretenen Orten.» Im gleichen Lied reimte sie «aufwachen» auf «Sachen», und an solch lapidare Grossartigkeit erinnert einen «Cemetery of Splendour», der wunderbare neue Film des thailändischen Regisseurs Apichatpong Weerasethakul. Es ist ein Trauerlied über die überwucherten Königshäuser, die wir im Traum besuchen, und die Figuren sagen darin Sachen, wenn sie aufwachen, zum Beispiel: «Tut mir leid, dass ich so viel gepinkelt habe.»

So ist das beim als Lyriker des Kinos verschrienen Thailänder. Stets ist die Rede von der Magie einer Welt hinter den Dingen, aus der den Menschen die Geister erscheinen. Solches passiert ja auch bei ihm, aber auf die alltäglichste und stofflichste Weise. Man knabbert Früchte am Tisch, da gesellen sich zwei junge Frauen hinzu und stellen sich als Tempelprinzessinnen vor, heruntergestiegen von einem Heiligenschrein, aber in «Strassenkleidung», wie sie sogleich anfügen. Andernfalls wäre ihr Auftritt reichlich auffällig, und der Thailänder braucht das Auffällige nicht: Er entführt keinen in grelle Tim-Burton-Fantastik. Sondern ändert leicht die Tonlage, setzt das Bekannte in aller Ruhe unter Hypnose. Manchmal reicht ihm dazu eine endlos fliessende Rolltreppe.

Monster mit Glühaugen

Es gibt in seinen Filmen die sprechenden Tiger, die Affenmonster mit Glühaugen, besonders in der schamanistischen Liebesgeschichte «Tropical Malady» (2004) und in «Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives», seinem Cannes-Siegerfilm von 2010. Eine Art Fantasy-Arthouse, geprägt von Buddhismus und Animismus, aber auch von den thailändischen B-Movies, die Apichatpong als Kind aufgesogen hat. «Cemetery of Splendour» ist, so gesehen, sein persönlichster, reinster Film. Er übernimmt vom Traum nicht die Monster, sondern die Transparenz dessen, was unglaublich wirkt. So wie es Gabriel García Márquez ausdrückte: «Meine Erinnerung ist vollkommen klar, aber sie kann unmöglich wahr sein.»

Apichatpong ist als Arztsohn im Nordosten Thailands aufgewachsen, dort spielt auch sein neuer Film, in dem Soldaten in einem zum Spital umfunktionierten Schulzimmer liegen. Sie leiden an einer mysteriösen Schlafkrankheit; wachen sie einmal auf, kippen sie zu ungünstigen Gelegenheiten wieder weg. Eine Helferin mit versehrtem Bein nähert sich einem dieser Soldaten an, eine als Medium wirkende Frau klinkt sich ein in sein schlafendes Bewusstsein. Die Erklärung für die Krankheit ist von konkreter Poesie: Das Spital steht auf einem uralten Friedhof für Könige. Sie zapfen die Energien der Kämpfer ab, um ihre eigenen Schlachten zu schlagen, die noch lange nicht vorbei sind.

Die Wirklichkeit bei Apichatpong ist eine tägliche Illusion, soziale Erfahrung findet bei ihm überhaupt erst im Zwischenreich von Wachen und Träumen statt. Dort entsteht ein Geschichtsbewusstsein, aber auch die Gewissheit von Gewalt: In einem Land, das seit dem Putsch von 2014 von einer Militärjunta regiert wird, ist ein Bild von komatösen Soldaten eindeutig politisch. Sie scheinen flüchten zu wollen aus dem nationalen Albtraum, aber werden in die Tiefe gesogen von einer brutalen Macht, die seit je das Land erstickt. Auch der Einzelne spürt irgendwo zwischen Wachsein und Imagination den Schmerz seiner Erinnerung: Die Helferin, die über Onlinedating einen Amerikaner kennen gelernt hat, erkennt im Soldaten, den sie pflegt, eine weit stärkere Liebe aus ihrer Jugend (oder vielleicht deren Wiedergeburt). Auch das ist ein Befreiungsversuch, eine Flucht. Und letztlich eine Selbsttäuschung.

Geisterspuk der Geschichte

Gegen Ende von «Cemetery of Splendour» geht die Helferin durch einen Park, während das Medium mit der Stimme des schlafenden Soldaten spricht und einen uralten Königspalast heraufbeschwört, Türen öffnet, wo keine sind. Man sieht dann die Dinge, wie sie sind, überlagert von den Schichten des Vergangenen – auch als Parabel auf die gewaltsame Geschichte eines Landes, in dem die politische Herrschaft wie der Geisterspuk des Früheren stets da sind, auch wenn sie sich nicht immer zeigen. In der letzten Einstellung reisst die Pflegerin die Augen auf, um aufzuwachen aus der Täuschung, die sich Realität nennt. Es ist ein gespenstischer Blick. Ein Ausdruck des Entsetzens.

Vollkommen klar, aber unmöglich wahr: «Cemetery of Splendour» ist ein hellsichtiger Film über das Unsichtbare, ein trauriger Abgesang voller Licht. Im Kino gibt es das, so etwas wie das Begreifen eines Gefühls. Noch nie betretene Orte, von denen wir reden können.

In Zürich im Filmpodium. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.07.2016, 17:53 Uhr

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