Polizist, weiss, wütend

Die Helden von «Dragged Across Concrete» und «The Highwaymen» führen einen gnadenlosen Rachefeldzug gegen die moderne Welt, von der sie sich nicht ernst genommen fühlen.

Zwei Cops (Vince Vaughn, l., und Mel Gibson) nehmen das Recht in «Dragged Across Concrete» in die eigenen Hände. Foto: Studio Canal

Zwei Cops (Vince Vaughn, l., und Mel Gibson) nehmen das Recht in «Dragged Across Concrete» in die eigenen Hände. Foto: Studio Canal Bild: PD

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Eine Fluchttreppe im Morgengrauen. Der Cop Brett Ridgeman (Mel Gibson) lauert neben einem Fenster, dahinter schläft ein Mann, den die Polizei des Drogenhandels verdächtigt. Als der fliehen will, packt ihn Ridgeman, wirft ihn zu Boden und drückt ihm wüst den Schuh in den Nacken. Allerdings filmt ein Passant den Vorfall, denn beim Flüchtenden handelt es sich um einen mexikanischen Amerikaner. Ein Shitstorm droht, die Folge: Ridgeman und sein Kollege Anthony Lurasetti (Vince Vaughn) werden zitiert und während sechs Wochen ohne Lohn suspendiert.

So beginnt der Actionthriller «Dragged Across Concrete» von Craig S. Zahler, der aktuell in den amerikanischen Kinos zu sehen ist. Seine Helden sind frustrierte Cops, die sich mehr oder weniger kurz vor der Pensionierung befinden. Einmal klagt Ridgeman, dass er noch immer denselben Dienstgrad habe wie in seinen Anfängen. Seine Frau Melanie ist an Multipler Sklerose erkrankt und kann sich schlecht bewegen, seine Tochter wird auf dem Schulweg von schwarzen Jungs schikaniert. Wegen seines niedrigen Gehalts kann es sich der Polizist aber nicht leisten, in ein besseres Viertel zu ziehen. «Ich hätte nie gedacht, dass ich eine Rassistin sein könnte, bevor ich in dieses Quartier gezogen bin», sagt Melanie.

Auch Ridgeman und Lurasetti sind nicht unbedingt Menschenfreunde: Die Gespielin des mutmasslichen Drogenhändlers duschen sie zuerst mal kalt ab, danach zwingen sie sie, halb nackt unter einen Deckenventilator zu stehen. Als der Vorgesetzte die Cops suspendieren muss, ergeht er sich in einer Tirade gegen Political Correctness: «Heute als Rassist bezichtigt zu werden, ist genau dasselbe, wie wenn man in den 50er-Jahren zum Kommunisten gestempelt wurde. Dabei ist es völlig egal, ob man in einem privaten Telefongespräch einen potenziell anstössigen Kommentar macht oder die Vertreter einer Minderheit, die Drogen an Kinder verkaufen, auf unsensible Art behandelt.» Lurasetti fügt sarkastisch hinzu: «Es ist sicher nicht heuchlerisch von den Medien, auf jeden vermeintlich intoleranten Vorfall mit der reinsten Intoleranz zu reagieren.»

Der ehrliche Schweiss zählt nichts mehr

Da vermutlich kein amerikanischer Polizist solche Sätze sagt, liegt es nahe, dass Regisseur Zahler in erster Linie ein bisschen das Publikum provozieren wollte, bevor es mit der Action richtig losgeht. Aus Frust entscheiden sich Ridgeman und Lurasetti nämlich, den Dealern das Geld eigenhändig abzunehmen. Damit entwickelt sich «Dragged Across Concrete» zu einem Meisterstück gnadenloser Gewalt, erzählt in bestechend gemächlichem Tempo. Der Schluss ist regelrecht subversiv, weil er jenseits der Identitäten nach einer Gemeinsamkeit in der sozialen Klasse sucht. Allerlei Übeltäter sind dann ineinanderverkettet.

Bonnie und Clyde, die ersten Influencer. Wenns damals schon Instagram gegeben hätte!

Zugleich spielt Craig S. Zahler mit dem Prototyp von Trumps «forgotten man», der sich durch eine ihm fremd gewordene Welt kämpft, wo ihm jede Interaktion politisch aufgeladen erscheint und es wirkt, als zähle der ehrliche Schweiss nichts mehr. «Politik ist überall», sagt der Vorgesetzte, «wie Handys, und genauso lästig.» In der neurechten Kritik an der Political Correctness ist das ein verbreitetes Motiv: Der Kampf gegen Diskriminierung schlägt wieder um in Diskriminierung, weil er die einfachen Leute verachtet, denen nach den Anstrengungen des Tages ja wohl noch ein paar Schwulenwitze erlaubt sein müssen.

An die neue Zeit der Zurückhaltung aber will sich Ridgeman nicht anpassen, und weil er wegen dieser für ihn selbstverständlichen Weigerung bestraft wird, ist es für ihn, als widerfahre ihm die grösste Ungerechtigkeit von allen.

Kevin Costner spielt einen Texas Ranger in «The Highwaymen», der die Jagd auf Bonnie und Clyde beginnt. Bild: Netflix

Die Zumutungen der Gegenwart sind auch Thema des Netflix-Films «The Highwaymen», auch wenn der im Vergleich wie ein Buddy-Movie daherkommt und in den 1930er-Jahren spielt. Der Film porträtiert die zwei Texas Ranger (Kevin Costner und Woody Harrelson), denen es gelang, Bonnie und Clyde ausfindig zu machen und in einen Hinterhalt zu locken. 1934 starben die Gangster im Kugelhagel.

Dass die Hauptfiguren einer aktuellen Streaming-Produktion nicht die zwei berühmten Räuber sind, so wie damals in Arthur Penns Spielfilm von 1967, sondern die beiden Gesetzeshüter, die sie jagen – auf diese Idee muss man erst einmal kommen. Auch diese Cops verabscheuen die Zeit, in der sie leben. Sie hat insofern Ähnlichkeiten mit heute, als um Bonnie und Clyde ein hemmungsloser Fankult ausbricht. Früher habe man ja noch Talent gebraucht, um erfolgreich zu werden, sagt einmal einer der Ranger, doch heute reiche es schon, wenn man einfach Menschen erschiesse. Bonnie und Clyde, die ersten Influencer. Wenns damals schon Instagram gegeben hätte!

«Keine Menschen mehr»

Die Ranger verachten ausserdem die hochnäsigen Bürokraten von der Bundespolizei und bezeichnen J. Edgar Hoover, der 1935 FBI-Chef werden sollte, als «high-flying sissy», also als Waschlappen, der im Staatsflugzeug alle Bodenhaftung verloren hat. Die Verbrechen von Bonnie und Clyde gelten den Rangern als zutiefst amorale Modeerscheinung, jeglicher Glamour ist dabei schon längst abgestreift: «Das sind keine Menschen mehr.»

Das Bankräuberpaar zeigt «The Highwaymen» nur aus kalter Distanz und vermeidet jegliche Stilisierung ihrer Taten. Wahrscheinlich waren die zwei Gangster tatsächlich solche Profis, wie sie der Film darstellt, der Polizei stets ein paar Schritte voraus. Gleichzeitig aber hat die stilvolle Rebellion zweier Aussenseiter in der Netflix-Version jede Legitimation verloren. Am Ende, wenn die Körper von Bonnie und Clyde im Gewehrfeuer zucken, sind nicht mehr sie die Opfer, sondern die Polizisten selber. Sie nehmen den Kampf gegen die Verhältnisse und die gesellschaftlichen Exzesse auf, und ihre Brutalität kennt dabei praktisch keine Grenzen mehr.

«The Highwaymen» löst die Verbindung von Gewalt und Spass, von Schiessen und Stil endgültig auf. Was es jetzt noch gibt, wie auch in «Dragged Across Concrete», ist die Rache der Alten an einer Zeit, die in ihrer Wahrnehmung an hysterischen Massenphänomenen erkrankt ist – sei es das Gekreisch um ein Gangsterpärchen, sei es die Aufregung um mangelnde Sensibilität gegenüber Minderheiten. Ihre Rache ist grausam.

«The Highwaymen» läuft auf Netflix, «Dragged Across Concrete» gibts ab Mai auf US-Portalen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.04.2019, 18:28 Uhr

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