Auf Du und Du mit Satan

Mit ihrer Rolle in «Hereditary» macht Toni Collette den Horrorfilm massentauglich. Ein unheimliches Treffen mit der Schauspielerin.

«Die furchtbarsten Dinge passieren aus uns selbst heraus»: Toni Collette in «Hereditary». Foto: Keystone

«Die furchtbarsten Dinge passieren aus uns selbst heraus»: Toni Collette in «Hereditary». Foto: Keystone

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Man sieht sie noch vor sich, Müesliflocken kleben ihr auf dem selbst gestrickten Pullover. Sie klimpert auf dem Piano eine schiefe Version von «Killing me softly», neben ihr auf dem Hocker ihr Sohn – ebenfalls in Strick. Das Duo schliesst beseelt die Augen, während Hugh Grant seine verdreht. Die Nick-Hornby-Verfilmung «About a Boy» ist schon unglaubliche 16 Jahre alt, aber an die grosse Toni Collette (45) in der Rolle der suizidgefährdeten Übermutter Fiona Brewer erinnert sich jeder.

Collette, das ist die Schauspielerin, deren Name vielen nichts sagt, die dann aber «Ach die!» rufen, sobald sie ihr Gesicht mit den grossen, oft weit aufgerissenen Augen sehen. Collette ist die mit dem Faible für, pardon, Frauen mit Knacks. Frauen wie Muriel in «Muriel’s Wedding», Milly in «Miss you already» oder Tara in «United States of Tara», um nur einige zu nennen.

Ach die! Toni Collette in «About a Boy». Foto: Outnow

Nun hat die Schauspielerin eine neue Facette dazugewonnen: Man fürchtet sich vor ihr. Ihr neuer Film «Hereditary» (Regie: Ari Aster), der am Sundance-Filmfestival die Kritiker von den Sitzen riss und auf der renommierten Filmkritikwebsite Rottentomatoes.com auf Anhieb ein Qualitätsrating von unglaublichen hundert Prozent erreichte, ist ein Horrorfilm. Und dafür verantwortlich, dass die Autorin dieses Texts eine Woche lang ganz schön schlecht geschlafen hat.

Eine Reihe furchtbarer, unerklärlicher Dinge

Die Familie Graham, bestehend aus Mutter Annie (Toni Collette), Vater Steve (Gabriel Byrne) und den beiden Kindern Peter (Alex Wolff) und Charlie (Milly Shapiro), lebt in einem einsamen Haus am Waldrand. Annie ist Künstlerin und stellt Modellhäuser her, in denen reale Szenen aus dem Leben der Familie nachgestellt werden. Der Tod von Annies Mutter, dem Familienoberhaupt, markiert den Beginn einer Reihe furchtbarer, unerklärlicher Dinge; es scheint eine Art Fluch auf der Familie zu liegen.

Als Annie versucht, die dunklen Familiengeheimnisse aufzudecken, und sich in die Nähe schwarzer Magie wagt, beginnt ein Wettlauf gegen das Schicksal, das der Familie offenbar von der Grossmutter hinterlassen wurde.

Der Film hat wenig mit den altbekannten Formeln von Klischee-Horrorfilmen zu tun: Der Trailer zu «Hereditary». Video: Youtube

Collette spielt die Rolle der gequälten Annie Graham derart überzeugend, dass man sich sicher ist, dass sie auch im echten Leben auf Du und Du mit Satan ist. Das geht so weit, dass man hofft – was jeder Journalistin normalerweise zuwider ist –, beim Interview möge doch bitte eine Pressefrau mit im Raum sein. Doch Collette, in ihrer schwarz-weissen Spitzenbluse, sitzt allein im Zimmer und sagt erst einmal gar nichts.

Die junge Collette soll aus Spass eine Blinddarmentzündung so überzeugend vorgespielt haben, dass man ihr das Organ entfernte.

«Guten Tag, letzte Nacht hingen Sie an meiner Decke und haben mich beim Schlafen beobachtet!» Stille. «Das tut mir so leid, das wollte ich nicht!», sagt die 45-jährige Australierin gespielt schockiert, nur um gleich darauf in herausforderndes Gelächter auszubrechen. Es scheint ihr zu gefallen, dass es ihr gelungen ist, Leuten Angst zu machen. Immerhin ist das eine Bestätigung ihres schauspielerischen Talents, mit dem sie als Teenager angeblich sogar schon Spitalärzte verblüffte. Die junge Collette soll aus Spass eine Blinddarmentzündung so überzeugend vorgespielt haben, dass man ihr das Organ entfernte, obwohl alle Untersuchungen gegen eine Erkrankung sprachen.

Um die Interviewsituation an diesem Nachmittag noch angespannter zu machen, gibt Collette als nächstes preis, dass sie überzeugt davon ist, dass um uns herum gerade Geister ihr Unwesen treiben, wir sie halt nur nicht sehen können. «Ich bin mir auch absolut sicher, dass man mit Toten kommunizieren kann. Ich selbst habe es aber noch nie versucht, weil ich mich nicht mit schwarzer Magie anlegen will. Wir Menschen sind so klein und unbedeutend, wir haben ja keine Ahnung, was man damit für Kräfte freisetzt.» Da wären wir also schon mitten drin im Übernatürlichen.

Keine Zombies, keine Motorsägen

In «Hereditary» bekommt man es nämlich nicht mit schleimigen Monstern oder Zombies, die ihren Kopf unterm Arm tragen, zu tun. Es ist auch kein Slasher-Film, in dem mit Motorsägen um sich geschwungen wird. Der Film hat wenig mit den altbekannten Formeln von Klischee-Horrorfilmen zu tun. Es ist weitaus schlimmer. Alles, was im Film passiert, ist roh und bleibt sehr nah am Leben. Und somit an dem, was wir für möglich halten oder zumindest befürchten, dass es – entgegen aller Rationalität – vielleicht doch existieren könnte.

«Nach jedem Drehtag bin ich kilometerweit gerannt, um die Angst aus meinem System zu bekommen.»Toni Collette, Schauspielerin

«Hereditary» spielt mit der Urangst, dass man eines Morgens aufwacht und das Nest nicht mehr dasselbe ist. «Wir müssen einsehen, dass die furchtbarsten Dinge aus uns Menschen selbst heraus passieren. Was die Sache umso unheimlicher macht», sagt Collette. Und es stimmt: Schlimmer als alle Zombies und messerwetzenden Dämonen, die ja doch eher von abstrakter Natur sind, ist die Vorstellung, dass unsere kleine Welt ausser Kontrolle geraten könnte. Die schlimmsten Horrorgeschichten schreibt die eigene Familie. Und der entkommt man nicht – vor einem Zombie rennt man davon, aber mit der Familie ist man für immer genetisch verbunden.

Collette selbst ist zweifache Mutter und hat sich genau überlegt, ob so ein Projekt zu belastend für sie sein könnte. «Vor diesem Film hatte ich meiner Agentin gesagt, dass ich nichts Schweres mehr spielen, dass ich nur noch Komödien drehen will. Ich habe gemerkt, dass es mir schwerfiel, manche bedrückende Stoffe abzuschütteln. Nur kam dann dummerweise dieses grossartige Skript dazwischen. Ich habe mir beim Dreh also bewusst vorgenommen, mich immer wieder abzugrenzen und besser auf mich aufzupassen. Nach jedem Drehtag bin ich kilometerweit gerannt, um die Angst physisch aus meinem System zu bekommen. Schwitzen kann sehr befreiend sein. Zudem bin ich jedes Wochenende nach Hause zu meiner Familie geflogen. Ich hatte also diese total gesunden, nährenden Wochenenden und dann diese einsamen, kranken Wochen.» Sie zuckt mit den Schultern, so als wäre dieser Lebensstil das Normalste der Welt.

«Hereditary» ist in vielerlei Hinsicht verstörend: die Bildsprache subtil, die Kameraführung beunruhigend und nie erwartbar, der Soundtrack (produziert von Colin Stetson, der schon mit Musikern wie Arcade Fire oder Bon Iver gearbeitet hat) überraschend modern und die schauspielerische Leistung aller Beteiligten extrem pointiert. Dieser neue Horrorfilm hat mit Blockbustern wie «Halloween» oder «The Texas Chainsaw Massacre» rein gar nichts zu tun.

Die Horrorfilme waren das Fast Food der Filmbranche, über sie machte man sich lustig.

Horrorfilme à la «Scream» waren in den letzten zwanzig Jahren dankbare Projekte für die grossen Hollywoodstudios. Sie erreichten mit Mikrobudgets oft Kultstatus, ohne besonders hohe Ansprüche an die Produktion zu stellen. Sie lieferten ein ganzes Universum an Franchise-Möglichkeiten, Sequels und Prequels waren schnell gedreht und noch schneller vermarktet. Die Formel war simpel: Meistens nahm man irgendein hübsches Mädchen aus einer Vorabendserie und liess es gehörig zermetzeln.

Die Horrorfilme waren das Fast Food der Filmbranche, über sie machte man sich lustig, weil man kaum glauben konnte, dass sich diese Filme, oft von haarsträubender Qualität, wie frische Weggli verkauften. Solche Gruselstreifen waren Goldgruben und sichere Investments. Nur eines waren diese Filme seit «Rosemary’s Baby» oder «The Exorcist» in den Siebzigern lange nicht: Kritikerlieblinge. Das hat sich nun geändert. 2017 war das stärkste Jahr des Horrorfilms überhaupt, die Adaption des Stephen-King-Klassikers «It» (Budget 35 Millionen Dollar) brach alle Rekorde des Genres und ist mit Einnahmen von über 700 Millionen Dollar der erfolgreichste Horrorfilm aller Zeiten. «Get Out» gewann als erster Horrorfilm seit «The Silence of the Lambs», 1992, einen Oscar, und «Hereditary» wird der Indie-Hit des Sommers werden. Zum ersten Mal wird diese Art von Film einem gewissen intellektuellen Anspruch gerecht, hinterfragt etwa soziale Strukturen, statt einfach Blut zu vergiessen, und lässt gleichzeitig – und das ist natürlich das Entscheidende – die Kassen klingeln. «Get Out» kostete 4.5 Millionen Dollar und spielte unglaubliche 255 ein. Durch die künstlerische Weiterentwicklung des Genres erlebt der Horrorfilm derzeit eine blühende Renaissance.

Gewann als erster Horrorfilm seit «The Silence of the Lambs» einen Oscar: «Get Out». Video: Youtube

Aber warum gerade jetzt? Was «Hereditary», «Get Out» und «It» gemein haben, ist, dass sie alle in einem Familienkontext, also nah an unserer Alltagsrealität, spielen. «Get Out» und «Hereditary» sind zudem Regiedebüts. Während Studios in anderen Genres oft zögern, jungen Regietalenten die volle Verantwortung über einen Film zu überlassen, ist das beim Horrorfilm anders. Da diese Art von Film so oder so kaum Verluste macht, weil Angst nun mal schon immer ein Kassenmagnet war, kann man als Geldgeber ein grösseres Risiko eingehen, den Jungregisseuren künstlerische Freiheit schenken und schauen, was passiert. Ein finanzielles Risiko hat man bei dem Genre kaum, aber extrem gute Chancen auf Gewinn und sogar Kritikerlob.

Im Fall von «Get Out» und «Hereditary» ist diese Strategie aufgegangen. Dass wir uns im goldenen Zeitalter des Fernsehens befinden, erhöht ausserdem den Druck auf die Qualität von Kinofilmen. Wenn Netflix-Serienmeisterwerke wie «Stranger Things» (das übrigens auch das Horror-Genre streift) so extrem gut gemacht daherkommen, warum sollte dann irgendjemand vom Sofa aufstehen, um sich einen Film auf deutlich schlechterem Niveau im Kino anzusehen?

Toni Collette geht noch einen Schritt weiter. «Ich glaube, Horrorfilme sind deshalb erfolgreicher denn je, weil man sich etwas ansehen möchte, das noch beängstigender ist als die Realität. Auch wenn das beinah unmöglich ist.» Sie hat recht: Die Welt selbst ist unser Horrorfilm, nur das Blut darin ist echt. Und vielleicht wollen wir, nur weil wir ihn fürchten, trotzdem nicht ständig mit dem Niedergang konfrontiert werden. Es ist weitaus einfacher, die Abgründe nur kurz – etwa in Form von zwei leicht bekömmlichen Stunden Wohnzimmer-Angst – zu besuchen und dabei noch verdammt gut unterhalten zu werden.

Collette, die Horrorfilme privat meidet, hat nur vor einer Sache Angst: «Vor dem Tod», sagt sie knapp. «Dabei sterbe ich ja ständig!». Sie bricht in ein kurzes, schrilles Lachen aus, steht auf, verschwindet und lässt diese vielseitig deutbare Aussage im Raum zurück. Diese Schauspielerin bleibt ein Rätsel. Aber vielleicht verstehen die Geister im Raum sie besser.

Jetzt im Kino: «Hereditary» von Ari Aster

(Annabelle)

Erstellt: 10.08.2018, 20:50 Uhr

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