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Bankdrücken, brauner Reis

Erste Eindrücke vom Festival in Locarno und von dessen Filmen.

Muskulöse Körperstatuen in «Ta peau si lisse» des Kanadiers Denis Côté.
Muskulöse Körperstatuen in «Ta peau si lisse» des Kanadiers Denis Côté.
PD

Über der Pforte zur Piazza Grande steht es schwarz auf gelb: «Locarno Festival». Der Film ist seit diesem Jahr aus dem Namen verschwunden. Wahrscheinlich überlegten sich die Herrscher über die Corporate Identity, es sei eh sonnenklar, dass es sich bei Locarno um ein Filmfestival handle. Wer weiss das schon nicht?

So ganz sicher ist man sich aber gar nicht, ob das wirklich der Grund ist. Locarno Festival, das könnte ja auch heissen: Wir hatten jetzt 70 Jahre Filmfestival, nun aber bricht die Epoche des Erlebnisparks an. Halt mit allem, was bei einer Stadtchilbi so dazugehört: DJ-Sets, Virtual-Reality-Corner, Talks mit prominenten Gästen aus Politik und Showbusiness.

In der Altstadt hat ein Sponsor als Jubiläumsgeschenk denn auch eine windschiefe Installation aus Vorhängen und bunten Wellplatten hingestellt. Das nennt sich nun «Locarno Garden» (und ist sicher versichert). Zwischen Fevi und La Sala kann man zur Abkühlung durch künstlichen Sprühregen laufen, wobei man darum eigentlich sehr froh ist, denn die Hitze im Tessin ist brüllend. Man flüchtet deshalb auch gern in den neuen Kinopalast Pala Cinema hinter der Piazza. Edel und amerikanisch kühl ist er geworden, mit einem Foyer, das golden strahlt, und drei luxuriösen Kinosälen. Der grösste mit 500 Plätzen ist im Grunde monströs gross. Ob da jemand kommen wird, wenn kein Erlebnisfestival mehr ist?

Goldener Kinopalast: Der neue Pala Cinema in Locarno. Quelle: PD
Goldener Kinopalast: Der neue Pala Cinema in Locarno. Quelle: PD

Vielleicht, wenn mans gescheit programmiert. So wie in Locarno zum Beispiel die Nebensektion «Signs of Life», die am Donnerstagabend mit «Cocote» eröffnet wurde, einem Film aus der Dominikanischen Republik. Vermutlich hatten die Organisatoren vorgängig das dominikanische Konsulat angeschrieben, jedenfalls waren ziemlich viele Zuschauer mit dominikanischen Wurzeln im Saal. Sie kicherten laut, wenn sie ein Nutztier oder ein Fluchwort aus der Heimat wiedererkannten, und sangen gar die religiösen Trancegesänge mit. Es ging in «Cocote» nämlich um einen Mann, der wider Willen zu Jesus finden soll, um den Tod seines Vaters auf die gebräuchliche Art zu beklagen.

Im Signs-of-Life-Club

Als Film fiel das zwar ein bisschen auseinander, aber im Einzelnen sahs prächtig aus. Ins Kino kommt «Cocote» kaum, aber dafür sind wir jetzt Aktivmitglieder im Signs-of-Life-Club. Dessen Abendvorstellungen beginnen um 21.30 Uhr, zur gleichen Zeit wie der Piazza-Film. Mark Peranson, Head of Programming, eröffnete die aufgepimpte Sektion für den «abenteuerlicheren Film» ausdrücklich als Alternative zum Piazza-Programm. Es möge ja dem einen oder anderen wenig zusagen, wie er sagte, «aus welchen Gründen auch immer». Kennerhaftes Gelächter im Saal. Das war also der Moment, als uns Carlo Chatrians Programmchef, der mit seinem Team die gesamte Selektion von Locarno zusammenstellt, von den Filmen abriet, die auf der Piazza Grande laufen. Vielleicht fehlt dem gelben Banner über der Piazza Grande ja einfach deshalb das Wort «Film».

Gut, das war eher gemein. Es laufen ja ständig überall Filme. Die 70. Ausgabe, das zeichnet sich schon ab, wird das Jahr des Dokumentarfilms. Knapp ein Drittel der Filme im Wettbewerb sind dokumentarisch oder haben eine auffällige Tendenz dazu. «Ta peau si lisse» des Kanadiers Denis Côté beispielsweise, das Alltagsporträt einer Gruppe von Bodybuildern zwischen Fotoshooting, Bankdrücken und braunem Reis, war im Prinzip reine Verité-Beobachtung, mit minimalen fiktionalen Eingriffen.

«Realism, it’s a thing»

Der Dokfilm, scheint es, kommt schneller zur Sache oder zur Tatsache in einer Zeit, in der man die Geduld mit Fabulierern und Lügnern rasch verliert. Eine Lüge ist er noch immer, aber vielleicht eine wahrhaftigere. Oder in den Worten des wahrhaft unsterblichen Harry Dean Stanton: «Realism, it’s a thing.» Er ist der einsame Cowboy Lucky im Wettbewerbsfilm «Lucky», der ein einziges Denkmal geworden ist für den nun 91-jährigen Schauspieler aus, lang ists her, «Paris, Texas». Eine unebene Angelegenheit, das sicher. Aber auch ein Film, in dem David Lynch einen sehr engagierten Monolog über das Los der Schildkröte hält.

Der Panzer, der sie zeitlebens auf ihrem Rücken trage, verwandle sich am Ende ihrer Existenz in den Sarg, in dem sie sterbe. «Ich weiss nicht, wie es euch geht», sagte die Lynch-Figur, «aber ich finde das berührend.» Fanden wir auch.

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