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Baustelle Berlinale

Coronavirus und vernagelte Arkaden: An der 70. Berlinale gehts nicht nur um Filme. Kulturelle Höhepunkte gibt es trotzdem – zum Beispiel Andrea Štakas «Mare».

Pascal Blum, Berlin
Film über eine Befreiung aus dem eingehegten Leben: Marija Škaricic in «Mare». Foto: Frenetic
Film über eine Befreiung aus dem eingehegten Leben: Marija Škaricic in «Mare». Foto: Frenetic

Guter Witz, Herr Bürgermeister! Es war am Eröffnungsabend der 70. Berlinale, als Michael Müller sinngemäss sagte, Berlin stehe heute ja wirklich gut da. Die Regie der Fernsehübertragung musste jedenfalls nicht lange suchen, bis sie ein paar laut auflachende Gäste fand. Ein Bürgermeister wird halt im Wagen herumgefahren, er hat also vielleicht gar nicht bemerkt, dass die U2 aktuell nur in eine Richtung am Potsdamer Platz hält. Bauarbeiten, dauert noch länger.

Ausgerechnet zum Berlinale-Jubiläum hat das Multiplex-Kino Cinestar im Sony Center zugemacht, die Miete war zu hoch. Die Stripper-Truppe «Magic Mike» im Untergrund des Berlinale-Palasts hat man im letzten Moment davon abbringen können, ihre Show während des Festivals zu spielen, es wurden schon Tickets angeboten. Es ist nicht auszuschliessen, dass ein staatlich gefördertes Filmfestival jetzt ein paar Stripper dafür entschädigt, dass sie sich nicht ausziehen.

Immerhin wird der Potsdamer Platz sowieso umgebaut, auf Plakaten ist ein «new overall concept» angekündigt, viel ist schon geschlossen, weshalb die Verkäuferin im Feinkostladen einiges zu tun hat. Sie sagt: «This here? Das ist auch pork.» Die zahlreichen Filialen in den Einkaufs-Arkaden sind schon jetzt mit Brettern zugenagelt. Sieht aus wie in Wuhan.

Absagen aus China

Auf das Coronavirus hat die Berlinale insofern reagiert, als in den Toiletten Hände-Desinfektionsmittel aufgestellt wurde. Zu spüren bekommt die Epidemie vor allem der European Film Market, wo über hundert Teilnehmer aus China ihre Reisepläne gestrichen haben.

Laut dem «Hollywood Reporter» wird es schwierig werden, in nächster Zeit Filme zu starten im für Hollywood wichtigen Absatzmarkt. Die chinesischen Kinos wurden auf offizielle Anweisung geschlossen, um Menschenansammlungen zu vermeiden. Vorerst abgesagt wurde die China-Premiere des nächsten James-Bond-Films «No Time to Die».

Jia Zhangke ist einer der bekanntesten Regisseure des Landes. «Wir wussten nicht, ob wir es überhaupt nach Berlin schaffen würden, es werden so viele Flüge gestrichen.» Jetzt sitzt er aber an einem Glastisch in der «Berlinale Interview Lounge» und sagt: «Es ist gerade eine sehr schwierige Zeit für unser Land.»

Der chinesische Regisseur Jia Zhangke am Fototermin an der 70. Berlinale. Foto: Keystone
Der chinesische Regisseur Jia Zhangke am Fototermin an der 70. Berlinale. Foto: Keystone

Eine Zeit, in der China vielleicht eine Gelegenheit erkennen könne, um innezuhalten und neu über die Dinge nachzudenken, die im Namen von Fortschritt und Wandel aus dem Blickfeld geraten seien. «Die Chinesen lieben es ja auch, ins Kino zu gehen», sagt Jia Zhangke. Aber bis sie sich wieder sicher fühlen würden in öffentlichen Räumen, werde es noch eine ganze Weile dauern.

Jia Zhangke zeigte in Berlin sein Literatenporträt «Swimming Out Till the Sea Turns Blue», in dem Schriftsteller wie Yu Hua Persönliches erzählen, auch über die Kulturrevolution. Hat das nicht Probleme mit der Zensur gegeben? Es sei ja ein Dokumentarfilm, sagt Jia Zhangke, und auch wenn da durchaus rebellische Autoren vorkommen würden, könne man ja nicht verbieten, dass sie über sich und ihre Ansichten reden.

«Mare» von Andrea Štaka: Eine Befreiung

Es gibt in Berlin natürlich noch ein paar Kinos, die geöffnet haben, zum Beispiel der Zoo-Palast, wo am Sonntag die Weltpremiere von Andrea Štakas neuem Spielfilm «Mare» stattfand. Das Werk bringt sie zurück nach Kroatien, wo die Regisseurin einen Teil ihrer Wurzeln hat und schon ihr letztes Drama «Cure» spielte.

Es ist ein sehr schöner Film über eine Befreiung aus dem eingehegten Leben: Mare lebt mit ihrem Mann Duro und den drei Kindern in der Nähe des Flughafens von Dubrovnik, wo Duro als Wachmann arbeitet. Ihre Sommertage laufen alle ähnlich ab, Mare kocht, Mare wäscht, und wenn sich am Abend ihr Mann auf sie legt, sagt sie: «Du bist schwer.»

Es muss dann auch Mare fast vorkommen wie ein Kinoklischee, als sie den polnischen Flughafenarbeiter Piotr kennen lernt und auf einmal ein Glühen spürt, von dem man ja weiss, dass es dem Teint zuträglich ist. Sie strahlt ihr Glücksgefühl jedenfalls gleich wieder nach aussen ab, und als Piotr vorbeischaut, um Mares Waschmaschine zu reparieren, fährt sie ihm mit den Fingern durch die Haare.

Marija Škaricic ist wunderbar, die hoch intime Kamera zeigt oft ihren Nacken; einmal sogar so kadriert, dass er sich zwischen die zwei Männer in ihrem Leben schiebt.

Ein Berlinale-Gast zeigt an einer Filmpremiere die Namen der Opfer des Attentats von Hanau. Foto: EPA
Ein Berlinale-Gast zeigt an einer Filmpremiere die Namen der Opfer des Attentats von Hanau. Foto: EPA

Gedreht wurde in einem dokumentarischen Stil und auf 16-mm-Film. Die Materialität des Filmstreifens entspricht da dem Wunsch nach Berührung, es geht in «Mare» ums Beschnuppern und Ertasten, um die Texturen des Alltags, und wenn manche dieses Drama für eine weitere Geschichte über Wind in den Haaren und Musik im Auto halten werden, muss man sagen: Schon, aber so sinnlich muss man es erst einmal erzählen können. Bei Andrea Štaka wird mal wieder klar, dass Kino von Sehnsucht handelt.

Auch die migrantische Realität ist natürlich Teil dieses Films. Mit ihren Eltern hat Mare in der Schweiz gelebt, aber die Familie kehrte zurück nach Kroatien, damit Mare «nicht vom richtigen Weg abkommt», wie ihr Vater es erklärt.

Trotzdem kriegt sie einmal eine Mitteilung aus der anderen Heimat, «es regnet in Zürich», sagt Mare. Die Migration kommt nebenher in den Film, «Mare» trägt sie nicht wie ein Themenbanner vor sich her.

So wie viele Filme an der 70. Berlinale uns durch ihre Erzählung vermittelten, dass wir uns jetzt endlich an die Vielfalt der Hintergründe gewöhnen sollen. Angesichts des Hasses von Hanau ist das gerade umso wichtiger: dass man dafür schauen muss, dass die Räume offen stehen, anstatt sich die Sicht zu vernageln.

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