«Big year for Switzerland!»

Die Schweizer Co-Produktion «Lazzaro Felice» ist bis jetzt der grosse Cannes-Liebling.

«Lazzaro Felice» wird bereits als Meisterwerk gehandelt. Die Koproduktion zwischen der Schweiz und Italien rührte viele zu Tränen. Quelle: Youtube


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Die Leute in Cannes müssen es ja wissen. Zum Beispiel die Kanadierin, die Filme auswählt für Festivals in Paris und Toronto. «Big year for Switzerland!», sagt sie am Tisch, wo die lokale gastronomische Tradition verlangt, dass man zwischendurch einen Teller mit Lachs und ein Shotglas Vodka hingestellt bekommt, sodass alle gleich grosse Augen machen. Klar, die Schweiz: wir haben «Chris the Swiss», der animierte Dokfilm von Anja Kofmel ist im Rennen um den Preis für das beste Debüt. Das ist eine Teilnahme in der Kritikerwoche, wo auch der Kurzfilm «Schächer» der Brüder Giger aus Luzern läuft.

«Le livre d’image» von Jean-Luc Godard ist hauptsächlich eine Schweizer Produktion, auch wenn ihn die französische Presse lieber dem eigenen Land zuschlägt. Dann gibt es die Koproduktion zwischen der Schweiz und Italien, unterstützt etwa von Radiotelevisione Svizzera (RSI): Auch «Lazzaro Felice» der Italienerin Alice Rohrwacher läuft im Wettbewerb. Die Promotionsagentur Swiss Films hat jedenfalls keine Mühe gehabt, ihren Länderpavillon im Village International mit Plakaten zu tapezieren.

Applaus, bis die Tränen fliessen

Kommt hinzu, dass «Lazzaro Felice» für einen dieser Cannes-Momente sorgte, die es sonst nirgends gibt. Es war eigentlich nichts Spezielles, halt nur ein nicht enden wollender Applaus nach der Premiere, bis ringsum überall die Tränen flossen. Gewisse Berichterstatter beichteten, sie seien nach diesem Film so aufgelöst gewesen wie selten. Andere hielten sich nicht mehr zurück und benutzten das Wort «Meisterwerk».

Nach zwei Drittel der Wettbewerbsfilme in Cannes, wo es viel Nuanciertes und Beglückendes aus Japan, dem Iran oder China zu sehen gab, scheint «Lazzaro Felice» für viele das bislang Beglückendste gewesen zu sein. Alice Rohrwacher erzählt in ihrem Drama von den Ausgeschlossenen Italiens: Es beginnt in alter Zeit mit einer Adeligen auf dem Land, die ihre Arbeiter auf den Tabakfeldern wie Sklaven hält. Es endet im Gestrüpp der urbanen Moderne, wo eine Gruppe Randständiger in ihrem Shantytown neben den Bahngleisen versucht, sich irgendwie durchzuschlagen. Lazzaro, der sanfte Junge mit den schwarzen Locken, der ständig schuftet, nie friert und nie altert, kann durch die Zeiten reisen. Wie ein guter Geist, und entlang seiner Erscheinungen verbindet Alice Rohrwacher die zwei Geschichten aus bäuerlicher und industrialisierter Zeit zu einem Bild der Ausbeutung der Arbeiterklasse, versetzt mit surrealen und zauberhaften Momenten.

Magische Momente

Das Berührende daran ist nicht nur, dass die italienische Filmgeschichte sozusagen auf sich selber zurückgeklappt wird – in einer ambitionierten Verbindung von Pier Paolo Pasolinis Sozialkritik und Federico Fellinis fabelhafter Magie. Es ist auch die mysteriöse Logik, dass die Abgehängten in den urbanen Nischen von heute nichts anderes als Wiedergänger der Geknechteten aus dem urtümlichen Landproletariat sein müssen. Ob sie beherrscht sind von der Marquise oder den kapitalistischen Bankiers, spielt nicht so sehr eine Rolle. Es ist immer Vernichtung von Gemeinschaft. Also braucht es immer die Wiederverzauberung der Unterdrückten.

Wegen des Super-16-mm-Filmformats kommt «Lazzaro Felice» auch sehr vintagemässig daher. Alles schön, aber nicht wenige wurden irgendwann sehr ungeduldig mit diesem ruhig konstruierten Kino-Humanismus. Ist da nicht Prätention hinter all der Poesie? Alles Unglaubliche mochte man Alice Rohrwacher jedenfalls nicht glauben. Orgelmusik, die den Verlorenen aus der Kirche nach Hause folgt wie ein himmlischer Soundtrack – muss so etwas sein?

Am Ende laufen die Dinge in Cannes aber vielleicht gar nicht so geheimnisvoll ab, wie sie wirken. Alice Rohrwacher hat mit ihrem Film «Le meraviglie» 2014 hier den Grand Prix gewonnen. Gut möglich, dass ihr die Jury unter der Leitung von Cate Blanchett dieses Mal die Goldene Palme überreicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.05.2018, 16:40 Uhr

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