Bond und die lebenden Toten

«Spectre» ist ein klassischer 007-Film – wenn da das Mäuschen nicht wäre.

Ein klassischer 007: Trailer zum Bond-Film «Spectre».


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ja, James Bond ist zurück, volle Pulle. Nach den Amerikanern und Engländern durften nun gestern Abend in London auch Journalisten aus andern Ländern «Spectre» anschauen. Und bekamen einen bunten Actionfilm vorgesetzt, mit Elementen, denen man ewig nicht mehr begegnet ist bei 007: eine Massenszene mit Masken. Eine weisse Katze. Ein Bösewicht, der von einem Krater aus die Welt regieren will. Dazu knallts und explodierts, dass es eine Freude ist.

Wo ist er denn, der melancholische und grüblerische Bond, den Daniel Craig in seinen drei ersten Auftritten so gerne gegeben hat? Der ist – das ist die Kunst dieses Films – ebenfalls da. Bond tut auch dieses Mal Dinge, die er sonst nie tut. Einmal hält er im Auto das Händchen seiner Partnerin Léa Seydoux, weil sie Angst hat. Und einmal spricht er mit einem Mäuschen. Ja, eine kleine, neckische Maus mit schwarzen Augen schaut den besten Geheimagenten der Welt an, als sei dieser ein grosser Käse. Der senkt prompt die Pistole, mit der er das Tier eigentlich wegpusten wollte. Und hat darauf eine Erleuchtung.

«Dauert nicht lange»

Es ist wirklich vieles drin, in diesem 24. Bond-Abenteuer. Kein Wunder, der Film dauert fast zweieinhalb Stunden und ist damit der längste der Reihe, die vor über 50 Jahren mit «Dr. No» begann. Und er ist voller Anspielungen auf die alten Filme und die Welt des Buchautors Ian Fleming. Hier eine Bemerkung, dort eine... aber halt, das Vergnügen, das alles zu entdecken, soll jeder selber haben.

Es beginnt mit einer Schrifttafel, auf der «Die Toten sind lebendig» steht. Das bezieht sich auf die grandiose Eröffnungssequenz, die am Tag der Toten in Mexiko spielt. Wie bei diesem Fest geht es von der ersten Sekunde an um Spass und Tod, Bond verschwindet mit einer Gespielin im Hotelzimmer, will vorher – «dauert nicht lange» – noch einen kleinen Auftrag erledigen. Aber alles eskaliert, und sorgt für dicke Schlagzeilen in den englischen Zeitungen.

Die lebenden Toten sind aber nicht nur diejenigen in Mexiko. Nein, Daniel Craig begegnet Geistern aus seinen drei vorherigen Filmen, zahlreiche Fäden werden wieder aufgenommen, aus «Casino Royale», aus «Skyfall», sogar aus dem missglückten «Quantum of Solace». Das ist nicht immer überzeugend und wird im Lauf der Geschichte zum eigentlichen Schwachpunkt des Films. Der von Christoph Waltz mit fies lächelnder Routine dargestellte Bösewicht wirkt zwar bedrohlich. Aber Javier Bardem aus «Skyfall», der offenbar eigentlich sein Untergebener war, hätte diesen Buchhalter aller Vorgängerfilme noch vor dem Frühstück zur Schnecke gemacht.

Eine Vernebelungsaktion?

Gut, solche Unglaubwürdigkeiten schlägt Bond mit einem Faustschlag. Recht hat er. Und findet dabei immer mehr Rückhalt in der Zentrale: Ralph Fiennes als M, Ben Whishaw als Q und Naomie Harris als Moneypenny sind nun ein gut eingespieltes Team. Sie kämpfen mit Problemen, die allen in der modernen Arbeitswelt nicht ganz unbekannt sind: Ihr Auslandsgeheimdienst MI6 soll mit dem Inlandsgeheimdienst MI5 fusioniert werden. Und der junge neue Chef findet, killende Doppel-Null-Agenten seien im Zeitalter der totalen Computerüberwachung sowieso überflüssig.

Harte Zeiten für Bond also, aber das wollen wir schliesslich für unser Geld. «James Bond will return» steht traditionsgemäss am Ende des Nachspanns. Daran kann, gemessen am Erfolg, den auch «Spectre» haben wird, kein Zweifel bestehen. Aber wird Daniel Craig noch dabei sein, der ja in Interviews betonte, dass er eigentlich genug habe? Oder ist dieses Kokettieren mit dem Aufhören eine grossangelegte Vernebelungsaktion im Stil des Ur-Bonds Sean Connery, dem Craig von seiner Klasse her immer näher kommt?

Das Mäuschen weiss es vielleicht. Aber das verschwindet rasch wieder aus dem Film.

«Spectre» ist ab 5.11. in den Schweizer Kinos zu sehen.

Erstellt: 23.10.2015, 09:04 Uhr

Artikel zum Thema

Bonds Geheimrezepte

007 kommt wieder in die Kinos. In den Filmen und Romanen spielt das Essen eine tragende Rolle. Zeit, die Agenten-Abenteuer als Vorläufer der kulinarischen Krimis zu würdigen. Mehr...

«Wer ist die Mutter, Bond oder die Gespielin?»

Interview Der Psychoanalytiker Laurence A. Rickels hat ein Buch über James Bond geschrieben. Er sieht in ihm eine Maschine, die fähig wird, die Wunden seiner Geschichte in sich aufzunehmen. Mehr...

«Das Böse klingt meistens nicht böse»

Interview Christoph Waltz besuchte das Zurich Film Festival als IWC-Botschafter. Der Schauspieler spricht über seine Rolle als Bösewicht im James-Bond-Film «Spectre». Mehr...

Bildstrecke

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Reparaturen am Schiff: Ein Mann arbeitet auf einer Werft entlang des Buriganga Flusses am südlichen Rand der Stadt Dhaka in Bangladesch. (15. Oktober 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/NurPhoto/Getty Images) Mehr...