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Breschen in die Seriosität

An den 52. Solothurner Filmtagen zeigt sich: Die Komödie ist nicht mehr das verschupfte Stiefkind des Schweizer Films.

Es ist oft behauptet worden, es sei dem Deutschschweizer und insbesondere den Filmemachern und vor allem den Filmemachern, wie sie in Erscheinung träten an den Solothurner Filmtagen, das Komödiantische nicht gegeben. Es gebe immer so wenig zu lachen bei ihnen, oder das Lachen, das sie erzeugten, sei vergiftet durch das schlechte Gewissen, das den sittlichen Unernst gleich wieder bereue. Und es ist ja wahr. Es haben sich viele Filmtage schon seriös, lehrreich und gramvoll dahingeschleppt, und der Humor war eher unfreiwillig. Auch könnte beispielsweise Rolf Lyssy, der ­erfahrenste, erfolgreichste und am schwersten geprüfte Komödiant unter unseren Filmemachern, ein Lied vom institutionellen Misstrauen gegenüber der Komik singen.

Und andererseits ist es ja gar nicht wahr: Es gibt eine Geschichte der Schweizer Filmkomödie, ein paar sehr komische Pflöcke wurden eingeschlagen, und das Schweizer Wesen versteht doch auch Spass. Eine Million Zuschauer (vielleicht sinds heute sogar mehr) haben den «Schweizermachern» von Lyssy ihre Komik nicht vorgeworfen, sondern gut verstanden, dass Zeit (1978) und Ort und Witz der Handlung dem einheimischen Beamtentum wie angegossen passten. Im letzten Jahrzehnt haben Bettina Oberli («Die Herbstzeitlosen», «Lovely Louise», 2006/2013) oder Güzin Kar («Fliegende Fische», 2011) oder Peter Luisi («Der Sandmann», 2011) ein paar schöne Breschen in die Seriosität geschlagen. Und item, der Wille zur Leichtigkeit und eine Nachfrage und potenzielle Kundschaft existieren in der schweizerischen Kreativwirtschaft.

Der aktuelle Stand ist, dass ja die 52. Ausgabe der Solothurner Filmtage, die das Dogmatische längst abgetan haben, eröffnet wurden mit einer historischen Komödie (vgl. TA vom 20. 1.). Und dass eine ganz beträchtliche komische oder dem komischen Anspruch verpflichtete Filmkollektion in Solothurn zusammenkommt.

Emanzipation in Appenzell

«Die göttliche Ordnung» von Petra Volpe, der Eröffnungsfilm (nominiert für den Prix de Soleure 2017), gab allem, was folgte und noch folgen wird, ein beträchtliches Niveau vor: Es handelt sich da um ein Stück fiktive, vermutlich aber so passierte Schweizer Provinzgeschichte. Eine junge Frau spürt ein inneres emanzipatorisches Regen, das 1971 noch nicht vorgesehen war im Appenzel-Ausserrhodischen und in Gottes Plan, und wird zur Kämpferin fürs Frauenstimmrecht. Und das Feine am dramatischen Plan ist, dass es dieser Film aufs Lustigsein gar nicht anlegt, sondern die Komik und ihre Bitterstoffe aus Lächerlichkeit und Tragik einer gewesenen Realität (der weiblichen und der männlichen) wie selbstverständlich abgewinnt.

Anderes wieder ist komisch auf eine sanftmütige und etwas weltentrückte Art. Man könnte es beschreiben als das Genre der sensitiven Komödie, die ihre Komik aus der aushaltbaren Depression oder der Hinfälligkeit sozusagen schmerzfrei und von Anfang an domestiziert herauskitzelt. Sympathische Geschichten sind das, die es allerdings oft übertreiben mit einer gewissen sentimentalen Weichlichkeit. «Der Frosch» von Jann Preuss gehört dazu, worin ein niedergeschlagener Schriftsteller (Urs ­Jucker) seine literarischen und auch ein paar andere Obsessionen auslebt an einer Jungautorin, gewissermassen: Professor Higgins als Lektor einer chaotisch-begabten Eliza Doolittle. Oder: «Lotto» von Micha Lewinsky. Darin holt ein guter Sohn (Urs Jucker spielt auch ihn), dem nie jemand «Danke» sagt, seinen krebskranken Vater aus dem Koma mit der Lüge, dieser (Peter Freiburghaus) habe im Lotto gewonnen. Und weil es die Lüge nicht unter einem Sechser getan hat, muss das jetzt aus dem Ruder laufen, weil der Alte wie neu wird und etwas von seinem Geld haben will für sich und andere. Auch das ist unbissiger Humor und ein bisschen tränenfeucht. Aber liebenswert. Beide Filme sind in Solothurn für den Prix du Public nominiert.

Ein Afrikaner im Bernischen

Es lässt sich allerdings nicht jede Komödienproduktion rühmen, sie behandle und verhandle das Kuriose mit ausreichendem dramatischem Ernst. Die richtige Narrenfreiheit ist eine der ernstesten Angelegenheiten, sie erfordert ein reifes Gespür dafür, wie man die Absurdität als trittfeste Normalität gestaltet. Das unterscheidet gute Komödien von schlecht erzählten Witzen. Zum Beispiel ist die im Bernischen angesiedelte und behäbig wohlgemeinte Farce «Usgrächnet Gähwilers» von Martin Guggisberg (ebenfalls Kandidat für den Prix du Public) doch recht nah bei einem Witz, dem der Schwung einer überraschenden Komik und die Hinterlist der Realitätsähnlichkeit fehlen.

Die Idee, dass ausgerechnet einem FDP-Gemeinderatskandidaten in Muri beziehungsweise seiner Frau ein illegal unter Brücken hausender afrikanischer Schwarzarbeiter von der Leiter fällt beim Buchsheckenschneiden und klandestin versorgt und entsorgt werden muss, das hat schon komischen Gebrauchswert. Die darin angelegten Möglichkeiten von bissigen Episoden über den verhaltenen Rassismus weltläufiger Schweizer haben ihn auch (eines ist ja eine Safari in Namibia und ein anderes, wenn man Afrika im Haus hat und es aufs Parkett blutet). Aber so eine Komödie verlangte auch eine Dreidimensionalität der lustigen Figuren und eine logische Disziplin in der Unlogik, und diesen Anspruch erfüllt diese Geschichte vom Afrikaner, der im Bündnerland ausgesetzt wird mit ausreichend Ravioli und dann wiederkehrt als lästiger Hausgast, einfach zu selten. Es liegt am Tempo, vermutlich, das Reales nur sehr schwerhüftig in Skurriles überführt und das Skurrile wieder ins Reale. Und dann denkt man es halt: Ein Hauptbestandteil der Deutschschweizer Komödie ist womöglich doch das Blei.

«Die göttliche Ordnung» startet am 9. 3. in den Schweizer Kinos. «Der Frosch» (Kinostart: 23. 3.) und «Lotto» (Fernsehausstrahlung am 12. 2. auf SRF 1) laufen in Solothurn am 21. und 23. bzw. am 22. und 25. 1. «Usgrächnet Gähwilers» (Kinostart am 26. 1.) wird am 21. und 24. 1. gezeigt.

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