Cannes eröffnet mit Jarmuschs Zombie-Apokalypse

In «The Dead Don’t Die» bezieht Jim Jarmusch den Untoten-Aufmarsch auf die Trump-Ära. Auf dem roten Teppich ging es weniger politisch zu und her.

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Von weitem sah es so aus, als sei Tilda Swinton im Kettenhemd an die Cannes-Eröffnung gekommen. Es waren aber nur die funkelnden Dinger an ihrem Kleid, die diesen Eindruck entstehen liessen. Unterwegs zum roten Teppich hielt sie kurz an, um ihren Namen auf hingestreckte Zettel zu kritzeln, und ein Fan hielt ihr tatsächlich ein Plakat von «Avengers: Endgame» entgegen. Das konnte sie aber auch gleich unterschreiben, denn da spielt Tilda Swinton ja auch mit, als The Ancient One. Nachher joggte sie rüber zu den Kollegen Jim Jarmusch, Bill Murray und Adam Driver, um mit der Zombiekomödie «The Dead Don’t Die» das Festival zu eröffnen.

Soll also niemand sagen, in Cannes kämen nicht verschiedene Welten zusammen. In «The Dead Don’t Die» waren es die Totenwelt und die Welt der Lebenden: Im malerischen Örtchen Centerville, wo David Lynch bestimmt noch eine Neuauflage von «Twin Peaks» drehen könnte, geschehen ein paar seltsame Dinge. Am Abend wird es nicht mehr richtig dunkel, und das Lokalfernsehen erreichen immer mehr Berichte über aggressiv gewordene Haustiere. Haben diese Vorkommnisse etwas damit zu tun, dass die Erde aus ihrer Achse gesprungen ist, seit die USA an den Polarkappen mit Fracking begonnen haben? Wahrscheinlich schon.

Poplinker Agitprop

Dass der junge Tankwärter einen George-Romero-Pin trägt, deutet jedenfalls darauf hin, dass die Zombiehorde nicht mehr allzu weit entfernt ist. Als die Untoten dann ins Städtchen einfallen, hat man eigentlich bereits alles verstanden, was Jim Jarmusch hier sagen möchte: Der Bauer in Centerville trägt ja ein «Make America White Again»-Cap, derweil alle anständigen Kleinstadtmenschen ein flaues Gefühl im Magen kriegen, weil die Welt auf einmal so sonderbar geworden ist. Der Zombie-Aufmarsch als Parabel für die Trump-Ära also, oder anders gesagt: So müde waren die Untoten im Kino schon lange nicht mehr.

Als Elder Hipster des amerikanischen Indie-Kinos muss Jim Jarmusch, der sich in «Only Lovers Left Alive» ja auch schon die populäre Mythologie des Vampirs vorgenommen hat, natürlich auch ein paar selbstreferenzielle Scherzchen machen über die Unmöglichkeit, heute noch einen Zombiefilm zu drehen. Wahrscheinlich gehört da auch der Gag dazu, dass die Wiederauferstandenen mit leuchtendem Display in der Hand das Wort «Wifi» gurgeln – denn so etwas kann man ja nur als Meta-Witz darüber verstehen, dass der Zombie als sozialkritische Metapher nun wirklich ausrangiert gehört. Oder war das etwa lustig gemeint?

Tilda Swintons Bestatterin gilt in Centerville als eine besonders seltsame Einwohnerin. Bild: Focus Features.

Richtig sicher scheint sich Jim Jarmusch auch nicht zu sein, wie witzig er das alles noch findet. So eindeutig, wie er den Zombiestoff auf die politische Situation hin plättet, wirkt vieles einfach nur noch flach. Die grösste Ironie dabei ist vielleicht, dass der ultracoole Regisseur von «Stranger than Paradise» heute zu jenen gehört, die meinen, sie kämen mit ihrem poplinken Agitprop irgendwie davon, solange sie ihn mit ein paar reflexiven Scherzen auf die filmische Form und die Geschichte des Genres brechen.

Das reicht aber nicht, weshalb Jarmusch wohl auch immer so viele grossartige Schauspieler anstellt: Ihre Auftritte haben das Überschiessende, das dem Film insgesamt fehlt. Diese Tilda Swinton zum Beispiel wieder: In Centerville ist sie die Bestatterin mit knalliger Schminktechnik und grossen Fähigkeiten am japanischen Samuraischwert, und so etwas kann man getrost einfach laufen lassen.

Und dann gab es noch die unsterbliche Szene, in der Iggy Pop einem Grab entstieg und im amerikanischen Diner eine Kanne abgestandenen Kaffee runterkippte. Er verrenkte kurz den Kopf und würgte ein «Coffee!» hervor, und einen Moment lang gab es nichts Besseres auf der Welt.

Erstellt: 15.05.2019, 00:30 Uhr

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