Cannes zeigt den letzten Film mit Bruno Ganz

«A Hidden Life» von Terrence Malick erzählt von einem Wehrdienstverweigerer in Österreich im Zweiten Weltkrieg.

Zweifelnder Vollstrecker Hitlers: Bruno Ganz als Militärrichter Lueben (r.) und August Diehl in «A Hidden Life». Foto: PD

Zweifelnder Vollstrecker Hitlers: Bruno Ganz als Militärrichter Lueben (r.) und August Diehl in «A Hidden Life». Foto: PD Bild: PD

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Vom texanischen Regisseur Terrence Malick («The Tree of Life») sind vor allem zwei Sachen bekannt: dass er nicht gern in der Öffentlichkeit auftritt und dass er für seine Filme eine ganze Reihe von Schauspielern anstellt, von denen er am Ende wieder ein paar rausschneidet. Die Stars eines Malick-Films kommen dann vor allem an die Premiere, um zu schauen, ob sie selber noch im Film vorkommen.

Bruno Ganz fehlte am Sonntag in Cannes, dafür ist in «A Hidden Life» sein wohl letzter Filmauftritt enthalten: Er spielt den Militärrichter Lueben, der 1943 im Namen des NS-Regimes den österreichischen Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter (August Diehl) zum Tod verurteilt. Der Auftritt ist kurz, aber nachhaltig: Lueben haderte mit den Nazi-Methoden und entschied sich, als er später vor der Aufgabe stand, drei Priester zu verurteilen, lieber für den Suizid. Im Gespräch mit Jägerstätter im Hinterzimmer des Militärgerichts in Berlin erscheint er als zweifelnder Vollstrecker Hitlers und fragt den Angeklagten: «Verurteilen Sie mich?»

«A Hidden Life» stützt sich zum Teil auf Gefängnisaufzeichnungen von Franz Jägerstätter, ein Bauer und Familienvater aus dem oberösterreichischen St. Radegund, der sich weigerte, den Führereid zu schwören, und aufgrund von «Wehrkraftszersetzung» in Untersuchungshaft gesetzt wurde. Malick porträtiert einen Soldaten mit Gewissen, der im Dorf zum Verräter gestempelt wird, weil er als einziger nicht in den Krieg zieht, und bis zum Schluss an seinem Widerstand festhält, auch wenn es für ihn den Tod und für seine Familie das Unglück bedeutet.

Zwei Kinder Gottes

In erster Linie ist «A Hidden Life» aber ein Film von Terrence Malick, da gleitet die Steadicam über Hangwiesen, während die Menschen mit stark bewölkten Gesichtsausdrücken gegen Himmel schauen. Als guter Christ ist Jägerstätter überzeugt, dass er sich dem Übel widersetzen muss, aber die Kirche sieht das deutlich anders, und von Gott kommt kein Zeichen. Hier hängt der theologische Philosoph Terrence Malick die Frage ein, ob das noch ein Glaube sein kann, der die Wahrheit ignoriert, wo doch schon der Kirchenmaler im österreichischen Freilichtmuseum von St. Radegund sagt, dass Jesus als Forderung zu verstehen sei und er bislang noch nie einen «echten Christus» gemalt habe (Wie zur Antwort steht Franz Jägerstätter im Gefängnis dann immer vor Zellentüren, deren Quersumme die biblische Zahl zwölf ergeben).

Der Fall Franz Jägerstätter scheint für Terrence Malick gemacht, er verbindet sich fast wie von allein mit seiner Suche nach dem Heiligen in den Dingen, die er seit ein paar Jahren verstärkt erprobt. Jetzt aber zeigt sich ihm eine Offenbarung in der ausserordentlichen Tat des Wehrdienstverweigerers selber; insofern kann er den sakralen Surroundsound hier etwas runterdrehen und sich auf eine Widerstandshandlung gegen die Gleichgültigkeit konzentrieren, was heute natürlich auch noch recht aktuell ist.

Anderseits sind für «A Hidden Life» insgesamt knapp drei Stunden Lebenszeit notwendig. Angesichts des ganzen quälenden inneren Haderns wird der eine oder andere Zuschauer im Kino wahrscheinlich auch ein Stossgebet zur Leinwand schicken, auf dass Terrence Malick sein Volk nun langsam gehen lassen möge.

Die kleine Jeanne d’Arc in «Jeanne». Bild: PD.

Es sind ohnehin gerade Tage des Trotzes hier in Cannes: Der Franzose Bruno Dumont stellte in der Reihe «Un certain regard» seinen Jeanne-d’Arc-Film «Jeanne» vor, gedreht mit einer zehnjährigen Hauptdarstellerin. Die Methode heisst Entmystifizierung: Die Widerstandskraft eines Mädchens angesichts von archaischen Männerzirkeln – es kommt sehr viel Originalmaterial aus dem Prozess vor – ist gerade in Zeiten von Greta wieder gegenwärtig und holt eine Figur aus der politischen Vereinnahmung zurück.

«Ich bin eine gute Christin», sagt Jeanne in «Jeanne», und am Ende steht das willensstarke Mädchen auf dem Scheiterhaufen. Wie Franz Jägerstätter: keine Ikonen. Sondern zwei Kinder Gottes, an denen die Menschen das grösste Unrecht verübt haben. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 19.05.2019, 19:47 Uhr

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