«Seien wir verdammt nochmal ehrlich»

Hollywood sei geprägt von Regisseuren, die alle mehr oder weniger dieselbe Perspektive haben. Wie man das ändert, erklärt Barry Jenkins im Interview.

«Die bisherige Filmästhetik wurde geprägt von Regisseuren, die alle dieselbe Perspektive hatten»: Barry Jenkins. Foto: Kayla Reefer (NYT)

«Die bisherige Filmästhetik wurde geprägt von Regisseuren, die alle dieselbe Perspektive hatten»: Barry Jenkins. Foto: Kayla Reefer (NYT)

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Die Oscar-Gala 2017 bleibt unvergessen: Zuerst wurde«La La Land» als Siegerfilm verkündet, der korrekte Gewinner war aber Ihr Drama«Moonlight». Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Ich erinnere mich, dass es mir ziemlich elend ging. Nach der Verleihung besuchte ich die ­«Vanity Fair»-Party und sass für mich allein. Umgeben von Leuten, aber sehr einsam. Mein Gefühl war, dass etwas nicht stimmte. Die Leute von «La La Land» waren gekränkt, dass sie am Ende doch nicht gewonnen hatten. Gleichzeitig spürte ich, dass unserem Film etwas weggenommen wurde. Ich hatte den Eindruck, ein riesiges Durcheinander erlebt zu haben, und mir ­kamen Zweifel. Was schade ist, schliesslich hätte man von der Oscar-Akademie nicht unbedingt erwartet, dass sie «Moonlight» zum besten Film kürt.

Warum nicht?
Das Wählergremium ist eine konservative Gruppe von eher älteren, weissen Männern. Und doch hat es sich für einen Film von einem unbekannten Regisseur entschieden – noch dazu mit einer schwulen Hauptfigur, die nicht einmal auf einer berühmten Person beruht. Für viele Menschen war «Moonlight» das Symbol für eine Filmindustrie, die sich gewandelt hat. Und gerade diese Idee war es, die im Tumult unterging. Jay-Z hat darüber ja den Song «Moonlight» geschrieben: «Even when we win, we gon’ lose.» Die Tatsache, dass dieser Fehler an diesem Abend passiert ist, als diese beiden Filme im Rennen waren – für mich ist das ein symbolischer Vorfall.

Die Oscar-Akademie ­bemüht sich nun um mehr Diversität bei den Mitgliedern. Ist das der richtige Weg?
Ich denke schon. Das Problem der Oscars besteht darin, dass sie irgendwann irrelevant werden, wenn sie weder die allgemeine Kultur noch die Kultur der amerikanischen Filmindustrie widerspiegeln. Man muss das Gremium nicht um der Vielfalt willen durchmischen – sondern man braucht eine vielfältigere Zusammensetzung, um die Welt und die Filmbranche genauer zu repräsentieren.

Das ist jetzt nicht der Fall?
Ich meine, seien wir verdammt noch mal ehrlich: Es musste 2019 werden, bis Spike Lee als bester Regisseur nominiert wurde. Das ist doch unmöglich. Unmöglich! Nur eine einzige Frau wurde je für die beste Regie ausgezeichnet. Unmöglich! Verstehen lässt sich das nur so, dass sich die Akademie nicht für die Arbeit von Frauen interessiert und ihnen sogar die Möglichkeit verwehrt, Regie zu führen, da sie ja auch die Macht hat, Menschen den Zugang zum Filmemachen zu ermöglichen.

Wenn die Oscars künftig an interessantere Filme gehen – ändert sich dann auch die Ästhetik des Hollywoodkinos?
Mann, das sage ich schon lange! Es wird einfach sehr lange dauern, die These zu bestätigen. Aber schliesslich war das Medium Film seit je dominiert von privilegierten, meist weissen Menschen, die es sich leisten konnten, Filmmaterial zu kaufen oder tolle Filmschulen zu besuchen. Die Filmästhetik wurde also geprägt von Regisseuren, die alle mehr oder weniger dieselbe Perspektive hatten. Mit der Digitalisierung verbreiteten sich die Werkzeuge hin zu den Leuten am Rand. Deshalb denke ich, dass im Kino das geschehen wird, was in der Musik bereits geschehen ist.

Nämlich?
Schwarzen wurde lange Zeit der Zugang zu bestimmten Instrumenten verwehrt. Und was ist passiert, als wir sie in den Händen hielten? Jazz, Blues, Rock ’n’ Roll. Eine Explosion der Kunstformen. Ähnliches zeichnet sich auch im Hollywoodkino ab. Dass sich «Black Panther» von typischen Superheldenfilmen unterscheidet, liegt daran, dass Regisseur Ryan Coogler einen anderen Hintergrund hat.

Ihre Verfilmung von «If Beale Street Could Talk» ist dreimal oscarnominiert. Derzeit machen Sie aus dem Sklaverei­roman ­«The Underground Railroad» von Colson Whitehead eine Serie. Wird man so nicht in ein Thema eingesperrt?
Wenn schon, dann sperre ich mich selbst ein. «Moonlight» war ein Film über mein Zuhause in Miami. «If Beale Street Could Talk» ist eine James-Baldwin-Adaption, auch das musste ich unbedingt machen. Und als Afroamerikaner mache ich mir notgedrungen Gedanken über die Geschichte der Sklaverei, wovon Whitehead so faszinierend erzählt. Wenn es in meinem Leben eine Konstante gibt, dann die, dass ich immer schwarz war. Diese «blackness» ist fundamental für meinen Blick auf die Welt.

«If Beale Street Could Talk» spielt im Harlem der 70er-Jahre. Neben Unrecht und tief sitzendem Rassismus zeigen Sie auch schöne Dinge, etwa die Ekstase der Sexualität.
Im Prinzip ist das Kino ja eine sehr einfache Kunstform, Ton und Bild werden auf einer zweidimensionalen Leinwand abgespielt. Weil das Kino aber so simpel ist, neigt es dazu, die Idee der Tragödie zu banalisieren, es zeigt dann das Leben als permanent schmerzerfüllt. In den USA nennen wir das «Miserabilismus». Für James Baldwin war klar: Eine echte Tragödie muss zeigen, was verloren geht, also die Vitalität und die Sinnlichkeit des Lebens.

Was fasziniert Sie an James Baldwin?
In der Literatur geht es um innere Stimmen, das ist für mich das Zentrum der menschlichen Erfahrung, um es schwülstig auszudrücken. Liest man ein Buch, macht man einen Prozess der Internalisierung durch, man ruft Gefühle und Gerüche in sich wach. Genau das schafft auch James Baldwin, nur schreibt er so über Schwarze, wie wir es gewohnt sind, über Weisse zu lesen. Seine Bücher sind alltäglich und gerade dadurch radikal, weil sie zeigen, dass das Innenleben dieser Menschen genau dieselbe Aufmerksamkeit verdient wie das jedes anderen Menschen.

«Die Wut ist ein potenter Treibstoff – aber sie kann gefährlich werden.»

Im Roman beschreibt Baldwin die einfache Ursache des Leids der Afroamerikaner: Sie sind einen «Scheissdreck wert». Kennen Sie das aus eigener Erfahrung?
Als Kind in Miami besuchte ich ab der fünften Klasse ein Programm für die «Begabten». Ein Bus fuhr uns zwei Tage pro Woche in eine Schule in einem anderen Quartier. Dort schmeckte der Lunch besser, es gab ein Salatbuffet, die Spielzeuge waren hochwertiger und die Bücher brandneu. Ich habe schnell verstanden, dass es an dem neuen Ort Dinge gab, die völlig verschieden waren von den Dingen am alten Ort. Beides waren übrigens öffentliche Schulen – die neue Schule befand sich aber in einem «schöneren» Quartier.

Baldwin schrieb von der ­Wertlosigkeit, US-Soziologen benutzen heute den Ausdruck «value gap», wenn es um die strukturellen Unterschiede zwischen den Rassen geht. Das ist ja dasselbe, nur war es früher Zorn, und heute ist es Analyse.
Würde ich auch sagen. Spricht man vom «value gap», dann fasst man einen Missstand in eine Sprache, die es ermöglicht, eine umsetzbare Lösung zu finden. Wut ist ein potenter Treibstoff, aber sie kann gefährlich werden. Wer aber Kritik äussert, versucht oft, eine Lösung zu präsentieren.

Gibt es heute noch ­Momente, in denen Sie das Gefühl kriegen, nichts wert zu sein?
Die ganze Zeit. Ich fliege meist Business oder First Class, auch wegen der Oscars und dem ganzen Quatsch drumherum. Wenn ich mich am Gate in die Erste-Klasse-Schlange einreihe, geschieht es immer wieder, dass jemand sich mit Absicht vor mich drängt oder sagt: «Sir, das ist die erste Klasse.» Ich sage dann meistens: «Ja, ich weiss.»

Wie hält man das aus?
Man ignoriert es. Würde ich jedes Mal reagieren, hätte ich keine Energie mehr für anderes. Obwohl ich privilegiert lebe und nicht mehr jener Klasse angehöre, in die ich geboren wurde, versuche ich mich immer daran zu erinnern, was der normale Amerikaner, der normale Afroamerikaner jeden Tag so erlebt. Solange ich das im Gedächtnis behalte, kann ich Kunst schaffen, die relevante Themen anspricht, und vergesse nicht einen zentralen Teil meiner Herkunft.

Der Trailer: Link
Video von der Oscar-Panne: Link

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 09.02.2019, 14:50 Uhr

Barry Jenkins

Geboren 1979 in Miami, dem Schauplatz seines oscargekrönten Dramas «Moonlight» über die Verhärtung eines schwulen Schwarzen. «If Beale Street Could Talk» ist die erste englischsprachige Adaption eines Romans von James Baldwin: ein so delikat wie präzis inszeniertes Liebesdrama zwischen Tish und dem zu Unrecht eingesperrten Fonny im Harlem der 70er – eine Traumatologie aus Wut und Hoffnung. (blu)


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