Darf man über Kindsmissbrauch lachen?

Der Film «Les Chatouilles» behandelt ein heikles Thema mit heiterer Leichtigkeit – aus der Perspektive eines Opfers.

Wann kommt er wieder? Cyrille Mairesse als junge Odette.

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Tanzkurs. Ein strenger Lehrer, der sich selber für den Grössten hält. Niemand kann ihm genügen beim freien Improvisieren. Niemand, bis diese unscheinbare Blondine mit wilden Gesten auftritt. Der Lehrer ist begeistert: «So authentisch. Sag nicht, was du zeigen wolltest, denn ich weiss es: Du hast den Holocaust verkörpert.»

Hat sie nicht. Wenn schon ging es um sexuellen Missbrauch von Kindern, ein Thema, das sie persönlich beschäftigt. Aber das kann sie dem arroganten Mann nicht sagen, er würde gar nicht zuhören. So lässt sie den Holocaust stehen. Das ist natürlich bitter. Aber in dieser Szene ist es auch sehr lustig. Das ist das Prinzip von «Les Chatouilles», einer Komödie zum Thema Kindsmissbrauch.

Halt, bitte weiterlesen. So etwas kann tatsächlich funktionieren, wenn es so klug gemacht ist wie in diesem Film, der in Frankreich trotz des abschreckenden Themas zum Hit wurde. «Mir wurde viel weggenommen in der Kindheit, aber das Lachen ist mir geblieben. Es darf nicht den Tätern gehören, deshalb ist es Bestandteil unseres Films», sagt Andréa Bescond, die Regisseurin – gemeinsam mit Eric Métayer – und Hauptdarstellerin von «Les Chatouilles».


Der Trailer zu «Les Chatouilles» – deutsch etwa: Die Kitzeleien.

Deutsch heisst das Kitzeln, und es ist ein niedliches Wort für das, was der inzwischen 39-Jährigen in ihrer Kindheit geschah. Ab dem Alter von acht Jahren wurde sie regelmässig sexuell missbraucht, von einem Freund der Familie, der bei ihren Eltern ein- und ausging. Der Mann wurde, sehr viel später, zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, aber für das Opfer war damit die Geschichte noch lange nicht zu Ende. Sie mündete in Jahren der Exzesse für die ausgebildete Tänzerin: Drogen, Sex, ein wildes Leben. «Das stoppte erst, als ich Eric kennen lernte. Und wir gemeinsam ein Theaterstück zu schreiben begannen.»

«Geholfen haben mir die Umarmungen des Publikums», sagt die Regisseurin

«Les Chatouilles» war zuerst ein Einpersonenstück, es trug den Zusatztitel «Tanz der Wut». Andrea Béscond stand allein auf der Bühne, wütete, lachte, schlüpfte in alle Rollen – ja, auch die des Täters. Eric Métayer, ihr Partner im Leben und in der Kunst, führte Regie. 400-mal hat sie das Stück gespielt, im ganzen französischsprachigen Raum. «Es war eine Katharsis für mich», sagt Andréa Bescond, «geholfen haben mir die Umarmungen des Publikums. Aber auch die Erkenntnis, dass ich nicht allein bin mit meiner Geschichte, weil viele Menschen auf mich zukamen und mir ihre Erlebnisse erzählten. Ich begann, die Mechanismen solcher Traumata besser zu verstehen.»

Im Publikum sassen auch zwei Filmproduzenten. Die waren begeistert und risikofreudig, denn sie überredeten die zwei in dieser Materie völlig unerfahrenen Komplizen, daraus einen Kinofilm zu machen. Eric Métayer erinnert sich: «Als wir für das Stück zu schreiben begannen, träumten wir manchmal und sagten: Vielleicht hat es ja Erfolg. Dann gewinnen wir einen Molière» – das ist der französische Theateroscar – «und später wird ein Film daraus, Karin Viard wird die Rolle der Mutter übernehmen, und wir werden nach Cannes eingeladen.»
Auf dem Set: Eric Métayer und Andréa Bescond, die sich selber spielt.

Alles ging in Erfüllung. Karin Viard ist grossartig als Mutter des Opfers, eine Frau, die bis zuletzt die Taten des Familienfreundes herunterspielt und auch später denkt, alles sei ja nicht so schlimm. «‹Die ist ja böser als der Täter› bekomme ich manchmal zu hören», sagt Andréa Bescond, «das ist natürlich Blödsinn. Aber es entspricht der Tendenz, die Schuld zu verteilen. So nach dem Motto: Der Täter ist ein Krimineller und damit eindeutig katalogisiert. Aber schuld sind auch alle anderen. Nicht zuletzt ich als Opfer.»

Natürlich fühlte sie sich lange mitschuldig. Und erzählt jetzt die haarsträubende Geschichte, wie sie sich als Zehnjährige einmal im Bett einigelte, weil ihr Körper weh tat von all den Blessuren. Der Mann liess an diesem Tag von ihr ab und gesellte sich zu den Eltern ins Wohnzimmer. Als sie sich später dazusetzte, schmollte der Familienfreund richtig, sodass sich das Kind doppelt schuldig fühlte. Andréa Bescond: «Der Satz, der mir am meisten weh tat, fiel im Prozess: ‹Wenn du mir damals gesagt hättest, dass du es nicht magst, hätte ich dir nichts gemacht›, behauptete dieser Mann doch wirklich.»

Sie tanzt so heftig und wild, dass die Kamera mit ihr bis zur Decke fliegt

Im Film wird der Pädokriminelle – Bescond und Métayer brauchen konsequent dieses Wort – von Pierre Deladonchamps dargestellt, der für Aussenstehende sehr sympathisch auftreten kann («man sieht denen das Monster nie an»). Zentral im Film ist auch Carole Franck als Psychologin, die sich zuerst weigert, die missbrauchte Patientin anzunehmen. «Das ist normal, niemand ist bei Missbrauchsfällen richtig geschult», sagt Andréa Bescond.

Die Psychologin wird zur Reiseleiterin im Film, der Zeiten und Orte durcheinanderwirbelt, zurück in die Kindheit geht, dann wieder in die Schule, wo das Tanzidol Rudolf Nurejew mal persönlich auftritt (auch das ist ziemlich witzig). Vom Theater ist im Film nichts mehr zu spüren, im Gegenteil, es gibt grosse Kinomomente wie der, in dem das junge Mädchen so heftig tanzt, dass die Kamera mit ihr zur Decke fliegt.

Kein Zweifel, «Les Chatouilles» ist ein grosser Film. Wegschauen geht nicht.

«Les Chatouilles» läuft ab 14. März in den Deutschschweizer Kinos (SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.03.2019, 13:55 Uhr

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