«Egal, was ich sage, die Männer fühlen sich klein»

Die Schauspielerin Zahraa Ghandour demonstriert derzeit neben Tausenden in Bagdad. Sie sagt: Wir wollen leben. Und kämpft für ihre und die Rechte der anderen Frauen.

«Der Geliebte ist nicht perfekt, aber du kannst ihn nicht verlassen»: Die Aktivistin und Schauspielerin Zahraa Ghandour, derzeit zu sehen in «Baghdad in My Shadow» von Samir, über ihre Heimatstadt Bagdad. <nobr>Foto: Andrea Zahler</nobr>

«Der Geliebte ist nicht perfekt, aber du kannst ihn nicht verlassen»: Die Aktivistin und Schauspielerin Zahraa Ghandour, derzeit zu sehen in «Baghdad in My Shadow» von Samir, über ihre Heimatstadt Bagdad. Foto: Andrea Zahler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau Ghandour, Sie kommen aus Bagdad, wo riesige Jugendproteste im Gang sind – gegen die Regierung, Korruption, Arbeitslosigkeit. Ministerpräsident Adil Abd al-Mahdi hat inzwischen seinen Rücktritt erklärt. Wie erleben Sie die Proteste?
Ich bin fast jeden Tag vor Ort. Wenn ich Sie mitnehmen würde nach Bagdad, dann gingen wir auf den Tahrir-Platz, das Zentrum der Proteste. Er ist wie ein kleines Land mitten in der Stadt, das nach seinen eigenen Regeln funktioniert. Es gibt Zelte für die medizinische Versorgung, Volksküchen, Theater, Konzerte. Doch wir sind umzingelt von bewaffneten Sondereinheiten. Sie sollen verhindern, dass wir uns weiter in der Stadt ausbreiten. Wir sind alle unbewaffnet.

Wie ist die Lage?
Jeden Tag sterben Leute, bisher über 360, über 15'000 Menschen wurden verletzt, mehrere Tausend davon schwer. Es schockiert mich, wie wenig die Medien im Westen darüber berichten. Oder was hören Sie denn darüber in den Nachrichten? Ich habe das Gefühl, hier weiss man gar nicht, was dort gerade passiert.

Wie ist die Stimmung unter den Protestierenden?
Im Zentrum der Proteste ist es wie am Karneval. Wir diskutieren neue Ideen und Projekte, zeigen Filme. Hauswände werden bemalt – zum ersten Mal überhaupt sieht man Kunst in diesem Stadtteil.

Wie muss ich mir die Stadt vorstellen?
Es ist ein Ort, an dem dein Adrenalin auf dem Maximum ist, immer. Es ist unglaublich, dass die Stadt, in der und um die so viele Menschen starben, doch so voll von Leben ist. Alle, die hierher kommen, auch wenn sie nicht viel über die Geschichte der Stadt wissen, sagen, dass sie ein einmaliges Gefühl überkomme. Auch ich spüre es noch immer, obwohl ich hier geboren wurde. Ich fühle diese Energie. Bagdad ist wie eine Liebesgeschichte. Der Geliebte ist nicht perfekt, aber du kannst ihn nicht verlassen. Gleichzeitig bin ich eifersüchtig auf Orte, an denen das Leben sauber und sicher ist. Trotzdem möchte ich nicht weg aus Bagdad.

Wo leben Sie in der Stadt?
In Karrada, meinem Lieblingsquartier. Es grenzt an das Zentrum der Proteste und ist nun noch belebter als vorher. Hier gibt es Cafés, in die auch Frauen gehen. Hier planten wir Demonstrationen, haben im Geheimen getrunken und gefeiert.

Das klingt nach einer Oase ...
Nicht nur. In diesem Viertel gab es in der Vergangenheit die meisten Bombenanschläge – gerade, weil es so belebt ist. Karrada ist genauso chaotisch und von Korruption und Armut gebeutelt wie andere Viertel, wie das ganze Land. Stellen Sie sich vor: Es gibt Schulen, in denen die Kinder nicht einmal Stühle haben, um sich darauf zu setzen, niemand kontrolliert die Lehrer, die die Kinder schlagen, und wenn es regnet, werden alle Strassen überschwemmt. Das muss aufhören. Die korrupte Elite muss weg. Wir wollen endlich unser Leben leben.

«Heute fühle ich mein Alter gar nicht mehr. Ich habe schon so viel erlebt.»

Wie bleiben Sie optimistisch?
Weiterzumachen ist eine Form des Widerstandes. Das kennen wir aus der Vergangenheit. Überleben, durchhalten. Unser Land litt über 30 Jahre lang unter der Diktatur von Saddam Hussein. Es litt unter dem Embargo und den zwei amerikanischen Invasionen. Dann folgte der Krieg gegen den Islamischen Staat. Viele Menschen sind davon gezeichnet und bräuchten psychologische Unterstützung. Doch die gibt es nicht. Auch ich hatte keine unbeschwerte Jugend. Wir mussten unseren eigenen Weg finden, Spass zu haben, in all dem, was um uns geschah. Heute fühle ich mein Alter gar nicht mehr. Ich habe schon so viel erlebt.

Welche Rolle spielt die Kultur in diesem Widerstand? Eine sehr grosse. Filme dokumentieren was geschieht, für uns Irakis genauso wie für Leute von ausserhalb. Filme lehrten mich viel. Das war eine Erleichterung für meine Seele. Etwas zu schauen, zu hören, beruhigt die Leute. Ich sah, dass es mehr gibt auf der Welt, als das, was ich durchmachte, Länder, in denen alles anders ist. So begann ich, mir Neues vorzustellen und Träume für die Zukunft zu haben.

Wie ist es, als Frau im Irak zu leben?
Nicht einfach. Junge Frauen müssen ihre Eltern oder Ehemänner um Erlaubnis bitten, um beispielsweise an den Protesten teilzunehmen. Wir nennen es eine schwarze Komödie. Jene Revolution, das Haus verlassen zu können, ist für uns grösser als jene, die auf dem Tahrir-Platz stattfindet. (lacht)

Im Irak sind Sie unter anderem TV-Produzentin, Moderatorin, drehen Dokumentarfilme. Wie war der Weg dorthin?
Oft verrückt. Ich fing mit 17 an, mit 22 hatte ich meine eigene TV-Sendung – umgeben von einem Team aus lauter älteren Männern. Sie konnten nicht damit umgehen, dass ich als Frau für sie verantwortlich war. Die Hälfte meiner Arbeit muss ich darauf verwenden, mich mit dem Verhalten der Männer rumzuschlagen. Egal, was ich sage, sie fühlen sich immer klein, eigentlich auch, wenn ich nichts sage. Das hat wohl mit dem kulturellen Hintergrund und der Erziehung im Irak zu tun. Männer werden dazu erzogen, Frauen zu kontrollieren. Als Frau werde ich immer verurteilt – für das, was ich denke, wie ich aussehe oder mich bewege.

Spüren Sie trotzdem Fortschritte?
Ja. Drei jener Männer, die ich zu Beginn am mühsamsten fand, sind meine Freunde geworden. Sie unterstützen mich, zum Beispiel mit Posts in den sozialen Medien. Sie schreiben anderen Filmschaffenden, dass sie mit mir und auch anderen Frauen zusammenarbeiten sollen. Auch ich motiviere männliche Kollegen, Frauen an Filmsets zu holen.

Wie sieht es mit Frauen an den aktuellen Protesten aus? Helfen diese auch, ihre Stellung in der Gesellschaft zu verbessern?
Zum ersten Mal in der Geschichte sind Frauen von Anfang an und an vorderster Front mit dabei. Frauen und Männer können sich endlich normal begegnen, miteinander sprechen, ohne das übliche Versteckspiel. Denn heute sind die Schulen, anders als früher, nach Geschlechtern getrennt. Nun entdecken sie gegenseitig, dass sie alle normale Menschen sind, keine Monster. Auch die Männer leiden unter dieser Trennung – viele, ohne überhaupt zu wissen, dass sie genauso Opfer sind.

«Immer mehr männliche Freunde wollen mit mir über Gefühle sprechen.»

Begegnen Sie Männern, die darüber sprechen?
Es ist spannend, seit etwa zwei Jahren kommen immer mehr männliche Freunde auf mich zu und wollen mit mir über Gefühle sprechen. Ein Freund weinte sogar vor mir. Er sagte: Er müsse das jetzt einfach tun. Für meine Freunde scheine ich eine Art sicherer Ort zu sein. Im Irak ist ein weinender Mann ein spezielles Bild.

Welche Rolle sollen Frauen in der Zukunft des Irak einnehmen?
Sie sollen gleichberechtigte Partnerinnen sein. Überall. In grossen politischen Entscheidungen genauso wie in kleinen alltäglichen. Das Land gehört uns genauso. Ich höre die Männer oft sagen: Schaut, wie unsere schönen Frauen unsere Brüder im Protest unterstützen. Nein! So ist es nicht. Ich bin hier, um für mich selbst einzustehen. Bis wir gleichgestellt sein werden, wird es allerdings noch sehr lange dauern.

Wo nehmen Sie die Energie her, weiter für Ihre und die Rechte der anderen Frauen zu kämpfen?
Manchmal kollabiere ich. Sehen Sie mich nicht als Superwoman. Doch je mehr ich von dem, was ich tue, überzeugt bin, desto mehr Energie gibt es mir. Ich verurteile niemanden, der einen anderen Weg wählt als ich. Aber ich habe mich entschieden, wie ich leben möchte, und verschwende keine Zeit für unwichtige Dinge oder sinnlose Diskussionen mit jenen, die nicht zuhören wollen. Bagdad ist auch meine Stadt. Wenn ich mir meinen Platz darin erkämpfe, nehme ich niemandem etwas weg.

Was ist Ihre grösste Freiheit?
Jene, die ich derzeit habe: Ich wohne in meiner eigenen Wohnung. Dafür musste ich mehrere Jahre kämpfen. Niemand mag es, eine Wohnung an eine alleinstehende Frau zu vermieten. Die Nachbarn beäugen mich argwöhnisch. Aber das ist mir egal. Für mich ist es eines der grössten Ereignisse in meinem Leben. Mein Wunsch für die Zukunft wäre die Freiheit, in der ganzen Stadt mich selbst sein zu können.

Amals (Zahraa Ghandour) Ehe im Irak entpuppt sich als Albtraum und wird sie bis ins Exil verfolgen. Foto: Dschoint Ventschr

Sie spielen in Samirs Film «Baghdad in My Shadow» die Architektin Amal, die ins Exil nach London geht. Da lernen Sie einen Engländer kennen und küssen ihn. War das einfach für Sie, so etwas zu drehen?
Ich hatte tatsächlich Angst. Der Film rüttelt an grossen Tabus der islamischen Welt: Gottlosigkeit, Homosexualität, die Unterdrückung der Frauen. Ich sah, was mit anderen Leuten passiert, die für Meinungs- und Kunstfreiheit einstanden. Und ausgerechnet mit meiner Figur Amal wäre ich die erste irakische Schauspielerin, die einen Mann küsst. Wir würden Geschichte schreiben. Ich will eine Veränderung für mein Land und uns. Aber bin ich bereit, selbst der Schritt in diese Richtung zu sein? Es ist angsteinflössend, die Erste zu sein.

Sie haben Ihre Zusage für die Rolle zwischenzeitlich wieder zurückgezogen. Warum?
Meine Familie und Freunde waren alle dagegen, dass ich im Film mitspiele. Die meisten, weil sie den Inhalt zu anstössig fanden, andere, weil sie sich um meine Sicherheit sorgten.

Wieso spielten Sie schliesslich mit?
Ich dachte an all die Frauen, die den Film sehen würden. Ich hätte mich selbst belogen, hätte ich gekniffen.

Bereuen Sie Ihre Entscheidung?
Nein. Ich möchte nicht, dass das falsch rüberkommt, aber: Ich bin stolz auf mich. Es ist genau die richtige Zeit, dass die Leute diesen Film sehen. Unsere Generation hilft vielen anderen Irakis, offener zu werden.

«Die meisten Irakerinnen wissen nicht einmal, dass man durch Intimität Lust empfinden kann.»

Obwohl der Film im Irak momentan nicht gezeigt werden kann, sind die Leute informiert. Wie waren die Reaktionen?
Bereits meine nackte Schulter liess die Leute ausflippen. Ich erhielt schlimme Kommentare, hörte Dinge wie: Ist es das, was du für Irakerinnen willst? Das zielt auf die Szenen ab, in denen Amal ihrer Lust nachgeht. Die meisten Irakerinnen wissen nicht einmal, dass man durch Intimität Lust empfinden kann. Ich bin froh, dass ich mit dem Charakter der Amal zeigen kann, dass und wie das geht. Früher oder später wird der Film auch im Irak auf irgendeiner Plattform verfügbar sein, Behörden hin oder her.

Der Film als ein Stück Aktivismus also?
Ja. Amal wehrt sich gegen all das, war ihr aufgezwungen wird. Sie wählt den Mann den sie will, sie wählt das Leben, das sie will. Das war es auch, was mich an ihrer Rolle anzog. Wir haben dieselbe Motivation.

Was möchten Sie, dass die Leute in der Schweiz über den Irak, die jungen Leute auf den Strassen Bagdads, wissen?
Die neue Generation ist anders. Wir wollen leben. Wir haben genug davon, von alten, inkompetenten Politikern kontrolliert zu werden. Wir werden alle überraschen. Wir können die Welt verändern.

«Baghdad in My Shadow»
In neuestem Spielfilm des Schweizer Regisseurs Samir ist das Café Abu Nawas in London ein Treffpunkt der irakischen Exilgemeinschaft. Dort trinkt Dichter Taufiq neben dem jungen Homosexuellen IT-Spezialisten Muhanad seinen Tee, die junge Amal arbeitet hinter dem Tresen und lernt neben ihrer Arbeit den Engländer Martin kennen. Eines Tages betritt ein Kulturattaché der irakischen Botschaft das Café. Es ist Amals gewalttätiger Ehemann, der sie bis ins Ausland verfolgt. Parallel dazu wurde Taufiqs Neffe Naseer radikalisiert und lässt sich zu einer gefährlichen Tat hinreissen. Der Film läuft aktuell in den Schweizer Kinos.

Nach seinem Dokumentarfilm «Iraqi Odyssey» widmet Samir dem Leben von Exilirakerinnen und -irakern nun einen Spielfilm. Trailer: Dschoint Ventschr

Erstellt: 02.12.2019, 18:47 Uhr

Zahraa Ghandour

Die 1991 in Bagdad geborene Irakerin verliess ihre Heimat 2004 und lebte mehrere Jahre in Syrien und im Libanon. Heute arbeitet die Schauspielerin, Filmemacherin, Journalistin und Aktivistin für Menschen- und Frauenrechte in Bagdad, zurzeit dreht sie ihren ersten langen Dokumentarfilm – über eine Ikone der irakischen Frauenbewegung, Hanaa Edwar. Parallel dazu arbeitet sie an ihrer neuen eigenen TV-Sendung über soziale Themen. (ahl)

Artikel zum Thema

Iraks Premier kündigt Rücktritt an

Nach den grössten Protestbewegung seit dem Sturz von Machthaber Saddam Hussein will Adel Abdel Mahdi seinen Rücktritt einreichen. Mehr...

Die Iraker haben genug vom Einfluss Teherans

Vor allem die Schiiten lehnen sich gegen den Iran auf, denn dessen Präsenz im Nachbarland Irak verhindert jede Erneuerung des maroden politischen Systems. Mehr...

Irak steht am Rand des Bürgerkriegs

Kommentar Wenn die mächtigen Stämme im Irak eingreifen, wird es schwierig, die Dynamik zu kontrollieren. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...