Das gefährliche Geschäft mit unseren Daten im Netz

Eine neue Netflix-Dokumentation zeigt, wie wir uns im Netz manipulieren lassen – anhand des Datenskandals um Facebook und Cambridge Analytica.

Psychogramme aufgrund persönlicher Daten sollten als Waffen eingestuft werden, findet eine zwiespältige Whistleblowerin in der neuen Netflix-Doku.

Psychogramme aufgrund persönlicher Daten sollten als Waffen eingestuft werden, findet eine zwiespältige Whistleblowerin in der neuen Netflix-Doku. Bild: Screenshot Netflix

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Nach beinahe zwei Stunden «The Great Hack» schwirrt einem der Kopf. Nicht, weil die neue Dokumentation (seit 24. Juli bei Netflix verfügbar) so verwirrend gemacht wäre, sondern weil der Dschungel um den Datenskandal von Facebook und der Analyse-Firma Cambridge Analytica und das ganze Drumherum so dicht ist.

Da waren Trumps überraschender Wahlsieg, der unerwartete Ausgang der Brexit-Abstimmung, die Verbindung zwischen den beiden Kampagnen, Steve Bannon, Nigel Farage, Facebook, die Russen, die Medien, die Whistleblower, Insider und dazwischen Milliarden von User-Daten, die sich Cambridge Analytica zunutze gemacht hat, um Wähler so weit zu beeinflussen, dass sie für Trump beziehungsweise den Brexit stimmten.

Wie so etwas möglich ist, versucht «The Great Hack» aufzuzeigen, was teilweise ganz gut gelingt, etwa dank verspielten Animationen darüber, wie grosszügig wir im Internet persönliche Daten freigeben, was in der Summe ein ziemlich differenziertes Bild über unser Wesen ergibt und ziemlich genaue Voraussagen über unser Verhalten erlaubt.

Facebook bleibt fast aussen vor

Den eigentlichen Skandal, also die Tatsache, dass Facebook es Cambridge Analytica ermöglichte, Nutzer-Daten für Manipulationen zu verwenden, streift die Doku von Karim Amer und Jehane Noujaim aber nur am Rande. Dieser Mangel fiel noch stärker auf, da «The Great Hack» ausgerechnet an jenem Tag aufgeschaltet wurde, an dem Facebook sich einem Vergleich mit einer 5-Milliarden-Geldstrafe beugen musste, weil es gegen die Datenschutzgesetze verstossen hat.

Die Doku konzentriert sich stattdessen hauptsächlich auf den «Bösewicht» Cambridge Analytica und drei Hauptprotagonisten: den New Yorker Professor David Carroll, der auf die Herausgabe seiner Daten klagte, um herausfinden zu können, was genau damit angestellt wird. Die britische Investigativ-Journalistin Carole Cadwalladr, die sich «12 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche» mit Cambridge Analytica beschäftigte und bald Drohungen erhielt. Und schliesslich die Whistleblowerin Brittany Kaiser, die dreieinhalb Jahre bei Cambridge Analytica tätig war und dabei unter anderem den ersten Vertrag mit Trumps-Wahlkampfteam klarmachte und an der «Leave.Eu-Kampagne» um Nigel Farage beteiligt war.

Dass diese junge Amerikanerin, die immer ein wenig so wirkte und redete, als hätte sie ein durchzechtes Wochenende hinter sich, eine Schlüsselfunktion bei Cambridge Analytica innegehabt haben soll, konnte man kaum glauben. Mal sprach sie aus einem luxuriösen Hotelpool in Thailand zu den Filmemachern, mal nur im Kimono bekleidet, und auf einem Flughafen schrieb sie im Bikini-Oberteil und mit Strandtuch um die Hüfte noch rasch eine Mail an einen Senator mit Fragen, die dieser Mark Zuckerberg vor dem Justizausschuss stellen sollte. Zum Beispiel: «Wie viel von Facebooks Umsatz stammt direkt aus der Monetarisierung persönlicher Nutzerdaten?»

Daten-Psychogramme als Waffen

Warum Kaiser sich entschied, gegen ihren früheren Arbeitgeber auszusagen, erschloss sich einem in der Doku nur schwer. Zumal sie diesen teilweise in Schutz nahm und unter anderem infrage stellte, dass derartige Manipulationen ein Eingriff in die Demokratie darstellen. Jeder Wähler könne schliesslich frei entscheiden, welche Meinung er am Ende an der Urne abgebe.

Aber die Filmemacher hakten nach: «Haben wir sie wirklich, die freie Wahl?» Immerhin hatte Brittany Kaiser zuvor erzählt, dass unentschlossene Wähler wochenlang eingedeckt worden seien mit Propaganda. «Wir bombardierten sie über Blogs, Websites, Artikel, Videos, Anzeigen – jede Plattform, die zur Verfügung stand –, bis sie die Welt so sahen, wie wir es wollten. Und bis sie für unseren Kandidaten stimmten.» Später sagte sie, Psychogramme aufgrund persönlicher Daten müssten als Waffen eingestuft werden.

Entwicklungsländer als Versuchskaninchen

Als Vorbereitung auf die Coups in Grossbritannien und in den USA hatten Cambridge Analytica politische Kampagnen in Rumänien, Kenia, Malaysia, Ghana, Nigeria oder Trinidad und Tobago gedient. Hier beispielsweise verhalfen sie einer Gruppe zum Wahlsieg, indem sie die potenziellen Gegner geschickt dazu gebracht hatten, aus vermeintlich freien Stücken nicht an die Urne zu gehen und dies als politischen Protest zu verstehen. Spätestens hier schauderte es einen. Kann man wirklich derart manipuliert werden? Würden wir uns ebenfalls so beeinflussen lassen? «The Great Hack» vermittelt eine klare Haltung: Ja.

Weil bei aller Komplexität eben doch alles ganz simpel ist, denn es geht um urmenschliche Bedürfnisse und Gefühle, und die machen uns anfällig. Wir wollen dazugehören, Teil einer Gemeinschaft sein, von anderen anerkannt werden. Soziale Medien wie Facebook bieten die perfekte Plattform – für die User und natürlich auch für die Firmen und Politiker, die diese Plattformen für ihre Zwecke zu nutzen wissen.

Aktivisten hinterlassen weiter Spuren

«Facebook wurde entworfen, unsere Aufmerksamkeit zu vereinnahmen», sagte ein früherer Investor des Unternehmens in der Dokumentation. Die Firma setze auf Propaganda- und Casinotricks und spiele mit unseren Instinkten. «Angst und Wut sind zwei Gefühle, auf die man sich am zuverlässigsten verlassen kann.» Wohin das führen könnte, versucht «The Great Hack» anhand verschiedener Fälle und pessimistischer Szenarien aufzuzeigen und spielte unter anderem eine Filmsequenz von Nigel Farage ein, in der dieser übermütig sagte: «Was wir mit dem Brexit gemacht haben, ist der Anfang einer globalen Revolution.» Die Tatsache, dass die Firma Cambridge Analytica als solche nicht mehr existiert, dürfte daran nichts ändern. Denn es gibt natürlich zahlreiche andere Firmen, die das Geschäft mit den Daten längst weitertreiben.

Aktivisten wie die Investigativ-Journalistin Cadwalladr, Professor Carroll und die Whistleblowerin Kaiser versuchen, sich dem entgegenzustellen im Kampf für die freie Demokratie – und halten ihre Follower dabei ständig via Twitter, Textnachrichten und Mails auf dem Laufenden. Zurück bleiben also noch mehr Datenspuren und ein mulmiges Gefühl.

Trailer zu «The Great Hack», seit gestern auf Netflix. Quelle: Youtube

Erstellt: 25.07.2019, 16:05 Uhr

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