Das Geschäft mit der Hoffnung

Tiefgekühlte Eizellen, Laserstrahlen auf Embryos: Die Schweizer Regisseurin Barbara Burger schaut in ihrem Dokumentarfilm «Kinder machen» nüchtern auf die Reproduktionsmedizin.

«Vielleicht ist Social Freezing in zwanzig Jahren selbstverständlich»: Lagertank für Keimzellen und Embryonen. Foto: Fair & Ugly

«Vielleicht ist Social Freezing in zwanzig Jahren selbstverständlich»: Lagertank für Keimzellen und Embryonen. Foto: Fair & Ugly

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Jetzt ist es passiert. Die Eihülle ist durchstossen. In der Kanüle ist ein winziges Pünktchen zu erkennen, eine Samenzelle. Sie zieht sich erst etwas zurück, als nähme sie Anlauf, dann wird sie sanft ­hineingestossen ins Innere der Eizelle. Vielleicht ist man gerade Zeuge geworden, wie hier, in einer Glasschale, ein Mensch entsteht. ICSI heisst dieses Verfahren, intra­zytoplasmatische Spermieninjektion: Das bedeutet, dass die Embryologin den Spermien ein wenig hilft auf dem Weg in die Eizelle. «Brave Kinder», sagt sie später, beim Blick ins Mikroskop. Was sie sieht, ist ein Zellhaufen. Für zwei Menschen draussen ist es der Fluchtpunkt aller Hoffnungen.

Die ungewollte Kinderlosigkeit stand am Anfang von Barbara Burgers Film «Kinder machen», in dem sie jenen über die Schulter schaut, die Kinderwünsche erfüllen. Im Umfeld der Bernerin gab es Paare, die keine Kinder bekommen konnten, und die Regisseurin – selber Mutter von zwei Kindern – erfuhr, wie belastend das für die Betroffenen war. «Wie ein Versagen», sagt Burger. Zur selben Zeit stiess sie in einem Heft auf ein Inserat, das sich an Frauen richtete. «Alles zu meiner Zeit», hiess es da. Karriere? Selbstverwirklichung? Kein Problem, Kinder lassen sich auch noch später bekommen, so die Botschaft.

«Social Freezing kannte man noch nicht»

«Ich hatte damals, vor sechs, sieben Jahren, keine Ahnung, wovon die Rede war», erzählt die 44-jährige Regisseurin. «Social Freezing kannte man noch nicht.» Burger informierte sich über das Verfahren, das es ermöglichte, Eizellen einzufrieren, ohne dass sie Schaden nehmen, und zum Zeitpunkt, wenn die Frau bereit ist, sie auftauen zu lassen. «Das klang alles so einfach.»

Da war einerseits das Werbeversprechen des planbaren Nachwuchses; anderseits die kinderlosen Paare, die grosse physische, psychische und finanzielle Belastungen auf sich nahmen – bei einer relativ geringen Chance von etwa 35 Prozent, tatsächlich ein Kind zu bekommen. In dieser Diskrepanz lag für Burger die, nun ja, Keimzelle ihres Films.

Keine Zeit für Sex nach Plan

So wirft Barbara Burger etwa einen Blick in jene Münchner Praxis, wo Dr. Jörg Puchta als einer der Ersten Social Freezing angeboten hat. Sogar die Eizellen seiner Tochter hat er schon eingefroren. Da sitzt nun also dieses Paar bei ihm, sie Chinesin, er Deutscher. Auf natürlichem Weg ist sie nicht schwanger geworden, nun soll es eine künstliche Befruchtung richten – schliesslich erlaubt es der volle Terminkalender nicht, Sex nach Plan zu haben. Und sowieso, in China sei das gang und gäbe. Doch Puchta ist zurückhaltend. Erst mal solle es das Paar auf natürliche Weise versuchen. Diesen Rat hätte man vom Arzt mit dem sonnenverwöhnten Teint nicht erwartet; das kleine Erstaunen ist aber symptomatisch für diesen unaufgeregt erzählten Film, der Vorurteile bröckeln lässt.

Darf alles gemacht werden, was technisch möglich ist? An dieser Frage reiben sich auch die Politiker.

Etwa in den Labors, den Orten, wo Samen- und Eizellen zueinandergeführt werden. Es sind intime Räume mit gedämpftem Licht, in denen hoch konzentriert gearbeitet wird. Keine Spur von Romantik, keine Spur von Frankenstein. «Eigentlich befindet man sich im erweiterten Unterleib der Frau», sagt Burger. Eine Herausforderung, hier zu filmen. Nicht, weil die Mediziner lieber hinter verschlossenen Türen arbeiten würden. Sondern weil jeder, der zusätzlich im Raum ist, das sensible Klima stört.

«Diese Menschen sind stark mit ihrem Beruf und ihrer Aufgabe verbunden. Und sie freuen sich über jede Schwangerschaft, jede Geburt.» Keine Freaks, die nicht über den Rand der Petrischale hinausschauen. Sie sind ständig im Kontakt mit ihren Patientinnen, geben Auskunft über die «Babys», fühlen mit. Doch auch wenn die künstliche Befruchtung heute Alltag ist: Die grossen Fragen werden nicht weniger. Mit jeder Innovation kommen neue dazu. Nicht nur ist es möglich, Embryos für eine bestimmte Zeit einzufrieren, es ist auch möglich, an ihnen Untersuchungen vorzunehmen.

Falsches Geschlecht: Embryos werden aussortiert

In der Schweiz ist das Gesetz zur Fortpflanzungsmedizin, über das das Volk zweimal abgestimmt hat, diesen Herbst in Kraft getreten. Es erlaubt zum Beispiel, Embryonen auf Erbkrankheiten zu testen. In anderen Ländern erlaubt es die Gesetzgebung, Embryonen auszusortieren – nicht nur, wenn sie Träger von Erbkrankheiten sind, sondern auch, wenn sie das falsche Geschlecht haben.

Darf alles gemacht werden, was technisch möglich ist? An dieser Frage reiben sich auch die Politiker, die Burger in ihrem Film zeigt. Die Parteigrenzen scheinen weniger eine Rolle zu spielen als persönliche Überzeugungen. Gibt es ein Recht auf ein Kind? Wann darf man eingreifen? Vieles liegt noch im Dunkeln.

Da ist etwa jene Medizinerin, die gerade dabei ist, Embryonen nach einem genau vorgegebenen Takt aufzutauen, also im Grunde wieder zum Leben zu erwecken, nachdem sie auf winzige mit Farben markierte Stäbchen geklebt worden waren und womöglich Jahre im Stickstofftank bei minus 196 Grad Celsius verbracht haben: Solche Babys hätten ein höheres Geburtsgewicht, sagt sie. Warum das? Man weiss es nicht.

Spermien melken

Barbara Burger zeigt die Reproduktionsmedizin auch als Markt. Sie stellt dar, wie die Branche an einer Messe ihre neusten Produkte feilbietet. «Als ich diese riesige Halle sah, habe ich schier den Boden unter den Füssen verloren. Die biologischen Vorgänge rund um die Zeugung können heute technisch nachgestellt werden. Und damit wird viel Geld verdient.» Von der Maschine, die Spermien melkt (durchaus wörtlich), bis zum Laser, der dem Embryo hilft, besser aus der Eihülle zu gelangen: Das Geschäft mit der Hoffnung ist ein Big Business. Und dennoch gibt es darin Menschen, die nicht nur auf den Gewinn zielen, sondern die kinderlosen Paare im Blick haben. Wieder so eine zweischneidige Angelegenheit.

«Vielleicht lachen wir in zwanzig Jahren über diesen Film und denken, wie naiv wir damals waren. Vielleicht werden unsere Kinder so selbstverständlich mit Social Freezing umgehen wie heute mit Apps», sagt Burger. Dass die Filmemacherin die Diskussion versachlichen will, macht «Kinder machen», übrigens ihr erster langer Dokumentarfilm, so sehenswert. Der Effekt beim Zuschauer: produktive Verunsicherung.

Bleiben, neben allen grossen Fragen, die Tücken des alltäglichen Umgangs, auch mit der Psyche der Patientinnen. Zum Beispiel beim «Embryotransfer»: Dann also, wenn einer Frau die befruchtete Eizelle in die Gebärmutter eingesetzt wird. Burger zeigt auch dies, wobei sie die Kamera mit grossem Gespür für Diskretion auf den Arzt richtet, nicht auf die Frau. Jetzt komme die «heilige Fracht», sagt dieser, bevor er den dünnen Schlauch einführt. Um den Moment zu einem guten zu machen, hat er vorher Musik aufgelegt. Herbert Grönemeyer. «Und der Mensch heisst Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt», singt er. «Und weil er lacht, und weil er lebt.»

In Zürich im Kino Houdini. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2017, 17:44 Uhr

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