Das gibts ja gar nicht

Schon einmal versucht, Hitchcock zu streamen? Wer sich zu Hause einen Filmklassiker anschauen möchte, hat es selbst im digitalen Überangebot schwer.

Alfred Hitchcock, Cary Grant und Ingrid Bergman (von links) am Filmset zu «Notorious». Foto: Sunset Boulevard, Getty Images

Alfred Hitchcock, Cary Grant und Ingrid Bergman (von links) am Filmset zu «Notorious». Foto: Sunset Boulevard, Getty Images

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Angenommen, man hat riesige Lust auf Cary Grant. Sagen wir «Notorious» von Hitchcock, der fantastische Agententhriller von 1946, in dem auch Ingrid Bergman zu sehen ist. Auf Abruf findet man den nirgends, wir haben überall gesucht: Netflix, iTunes, Amazon Prime, Google Play, Teleclub on Demand, UPC Myprime, Sunrise on Demand, Hollystar – nichts. Was angezeigt wird, ist «Notorious B.I.G.», das biografische Drama über den US-Rapper. Vom Hitchcock-Thriller gibt es natürlich eine DVD, aber die kostet mehr als ein Netflix-Monatsabo.

Filmklassiker mögen ein kleines Publikum interessieren. Dass man sie nicht einmal im ozeanischen Angebot der digitalen Anbieter findet, ist aber Symptom einer grösseren Entwicklung. Vieles, von dem man in Zeiten paradiesischer Zugänglichkeit annehmen würde, dass man es kriegt, erhält man nur mit Mühe oder gar nicht. Das Filmangebot von Netflix ist nach wie vor schmal; unter der Rubrik «Klassiker» bietet der Dienst 42 Titel an, darunter ist «Der rosarote Panther». Nervenaufreibend wird die Suche bei Amazon und Google: Titel werden viele angezeigt, nur lässt sich in der Schweiz praktisch nichts davon streamen. Sunrise bietet auf Abruf «über 40 Filmklassiker» an, UPC über die Flatrate Myprime etwa 60 Titel und zum Kauf 80. Die Swisscom spricht von 450 Titeln, was durch ihren elastischen Begriff von Klassikern zu erklären ist. Bei Swisscom fällt darunter alles, was älter ist als 15 Jahre und als «Vorlage für andere Filme oder Filmgenres dient».

Wobei: So eine schlechte Definition für «Klassiker» ist das gar nicht. Allgemein sind damit bekannte Werke gemeint, an denen man einen Abschnitt der Filmgeschichte besonders gut ablesen kann. Klassiker formen eine Art Museum der Filmkunst, von Sergei Eisenstein über «2001: A Space Odyssey» bis zum senegalesischen Drama «Touki Bouki» von 1973. Klassiker sind das, was die städtisch unterstützten Programmkinos zeigen, in Zürich etwa das Filmpodium. Dort herrscht allerdings grosser Besucherschwund. Verglichen mit 2001 besuchen noch halb so viele das Haus. 2017 fiel die Zahl der zahlenden Besucher erstmals unter 30?000. Wer das Filmpodium wieder einmal aufsucht, betritt oft einen praktisch leeren Saal, gesprenkelt mit ein paar Grauhaarigen.

Studios planen eigene Angebote

«Das Filmpodium hat Mühe, junge Zuschauer anzulocken», sagt dessen stellvertretender Leiter Michel Bodmer. «Sie legen sich ungern fest und wollen nicht jetzt schon einen Abend im September für einen Film reservieren.» Klappen tut es nur, wenn man einen Event draus macht. Zur Reprise von «The Big Lebowski» (ein moderner Klassiker) bekam jeder, der im Bademantel aufkreuzte, einen White Russian. Davon abgesehen lassen sich selbst Filmstudenten kaum im Filmpodium blicken. Von einem Sonder-GA für die Reihe, in der die wegweisenden Werke aus bestimmten Jahren der Filmgeschichte laufen, verkaufte das Filmpodium nur ein Dutzend.

Klassiker lassen sich natürlich auch downloaden oder ganz offiziell ausleihen. Allerdings merke auch die Zentralbibliothek in Zürich die Konkurrenz durch die Streaming-Portale, sagt Sofia Armanini, Leiterin der Abteilung E-Medien. Bis 2016 seien etwa 80 Prozent der DVD-Sammlung genutzt worden, im letzten Jahr nur noch ungefähr 60 Prozent. Ein starker Rückgang – trotz gewachsenem Bestand. Der Toptitel bis 2016 hiess «Taxi Driver» (eindeutig ein Klassiker). Die am häufigsten ausgeliehene DVD 2017 war «Game of Thrones» (bald ein Klassiker), gefolgt von anderen beliebten Fernsehserien.

Wenn Filmstudenten Vorträge halten, würden sie mitunter Ausschnitte aus Klassikern verwenden, die sie auf Youtube gefunden hätten, sagt Marius Kuhn, Assistent am filmwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich. «Oft ist die Qualität dieser Bilder schlecht oder das Format falsch. Auch fehlt bei einzelnen Studenten ein kritisches Bewusstsein, wie die Bilder heraufgeladen wurden und welche Fassung sie sich gerade anschauen.» Darauf könne man sie ja aber in der Veranstaltung hinweisen. «Notorious» findet man übrigens ohne Weiteres bei Youtube, man muss nur «full movie» eingeben. Das Bild ist allerdings nicht zum Anschauen.

Disney könnte seine Filme von Netflix abziehen

Warum sind Filmklassiker im Unterschied zum gewaltigen Musikarchiv, das einem Dienste wie Spotify eröffnen, auf digitalen Diensten kaum aufzufinden? Ein Grund: Es sei schwierig, Streamingrechte zu bekommen, sagt Michel Bodmer vom Filmpodium. Studios und Verleiher würden die nicht einfach so verteilen – auch weil sie zum Teil eigene Streaming-Angebote planten. Disney etwa will 2019 starten. Dann würde der Konzern wohl seine Filme von Netflix abziehen. «Für das Studio würde die Bewirtschaftung der eigenen Library dadurch vielleicht wieder interessanter», sagt Bodmer.

Ein weiterer Grund: Filme müssen erst digitalisiert werden, bevor man sie anbieten kann. «Laufend gibt es technische Neuerungen, was die Anbieter mitmachen müssen, um ihre Titel bereitstellen zu können.» Das ist teuer.

Radikale Reduktion

Bei der Zentralbibliothek läuft ein Projekt, um den Filmbestand ins Streaming-Zeitalter hinüberzuzügeln. «Wir müssen uns wirklich umorientieren», heisst es dort. Derzeit sei man an einer «grösseren Auslegeordnung». Auch spezialisierte Labels wie Criterion bieten Klassiker nicht mehr nur als DVD-Editionen für Sammler an, sondern seit einiger Zeit auch als Stream.

In der Schweiz erhältlich ist der Abo-Dienst Mubi mit Sitz in London, der regelmässig Klassikerreihen zusammenstellt, ähnlich wie es Programmkinos tun. Die Idee sei die radikale Reduktion, erklärt Bobby Allen, der bei Mubi für den Content verantwortlich ist. «Wir sagen: ‹Schaut euch das an, das haben wir für euch ausgewählt.›» Also ähnlich, wie es Arthouse- und Reprisenkinos in den Städten tun. Mit einem Unterschied: «Wir haben ein jüngeres Publikum als jenes, das sich dieselben Filme in den Studiokinos anschaut.»

Umgekehrt überlegt sich auch das Filmpodium einen Weg ins Netz. «Selbst können wir keinen Video-on-Demand-Service aufmachen», sagt Michel Bodmer. Überlegt habe man sich aber auch schon, auf der Website auf Streams zu verlinken oder mit einer Filmplattform zusammenzuarbeiten. Denkbar wäre etwa eine vom Filmpodium kuratierte Streaming-Auswahl. Oder ein DVD-Regal in einer Videothek mit den Titeln aus dem aktuellen Programm. «Im Grunde werden wir für die Kulturvermittlung bezahlt. So gesehen sind wir Teil eines Kontinuums, in dem das Kino nicht mehr die alleinige Abspielstelle ist.»

Erstellt: 21.06.2018, 23:44 Uhr

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Klassiker auf Abruf

Die Angebote in der Schweiz

Wer Mubi abonniert (12 Franken/Monat), erhält eine Auswahl von 30 Filmen – jeden Tag kommt ein neuer dazu, jeden Tag verschwindet einer. Im Angebot sind neuere Autorenfilme, aber auch gute Klassikerreihen, jüngst etwa zu Douglas Sirk. Der Schweizer Verleih Trigon hat in seinem Onlinekino rund 230 Titel (ab 9 Franken/Monat) aus dem Weltkino vorrätig, darunter sind auch die Meisterwerke von Akira Kurosawa und Andrei Tarkowski. Und natürlich bieten Fernsehsender wie Arte Altes auf Abruf an, aktuell zum Beispiel «Le jolie Mai» von Chris Marker von 1963. (blu)

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