«Die haben damals bei den Geschlechtsteilen Gottes geflucht»

Präzis rekonstruiert oder beschönigt? Der Historiker Valentin Groebner stellt den «Zwingli»-Film auf den Prüfstand.

Ein Geschichtsfilm wird gedreht: Das Kostüm des Reformators ist perfekt – aber Zürich war in Wirklichkeit viel farbiger und dreckiger, als es in «Zwingli» gezeigt wird. Foto: Aliocha Merker

Ein Geschichtsfilm wird gedreht: Das Kostüm des Reformators ist perfekt – aber Zürich war in Wirklichkeit viel farbiger und dreckiger, als es in «Zwingli» gezeigt wird. Foto: Aliocha Merker

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Wie gut erzählt der Film «Zwingli» Geschichte?
Wie gut ein Film funktioniert, entscheiden ja erst einmal die Zuschauer, und dann die Filmwissenschaftler. Als Historiker sind mir die Wiedererkennungseffekte aufgefallen, die sorgfältigen Bezüge auf Bilder aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Zwingli sieht an den entscheidenden Stellen des Films genau so aus wie sein gemaltes Porträt. Da waren die Macher sehr exakt: genau der richtige Hut, genau das strenge Schwarz. Als Filmerzählung ist «Zwingli» nach sehr strengen visuellen Regeln organisiert: Die Reformation ist sozial und transparent und schwarzweiss angezogen. Alle Reformierten im Film kleiden sich so, und mit drei oder vier Ausnahmen sind sie auch alle jung und gut aussehend. Ihre Gegner, die korrupten Katholiken, tragen dagegen Rot und Gold, sind deutlich älter, faltiger und sehen bei weitem nicht so gut aus.

Vor allem sind sie fetter ...
Ja, das alte Stereotyp vom lüsternen und schlemmenden Kleriker wird sehr konsequent umgesetzt. Denken Sie an die Szene mit dem Bischof von Konstanz im luxuriösen Gewand, der ins Hühnerbein beisst und gleichzeitig über blutige Rache und Verschwörung mit Habsburg nachdenkt: Da steht der Film in einer ehrwürdigen Tradition der Kontroverstheologie, die direkt von den Propagandabildern der Reformierten aus dem 16. Jahrhundert kommt.

Drama ist halt Kontroverse und Konfrontation. Vielleicht ist es nur etwas holzgeschnitzt. Wäre das schon eine Verfälschung?
Nein, das ist ja einfach ein Film. Jeder Spielfilm hat ein Problem mit der Vermittlung des historischen Kontexts. Er hat ja nur die Dialoge, um Spannung aufzubauen und die Figuren zu charakterisieren. Gleichzeitig müssen diese Dialoge auch noch die gesamten Hintergrundinformationen mitliefern – und obendrein noch Originalton liefern, nämlich Zitate aus den vielen erhaltenen Predigten und Flugschriften Zwinglis. Da haben die sich grosse Mühe gegeben. Im Film hört sich das dann aber oft etwas grotesk an. Einer tritt auf, spricht einige markige Worte und geht dann wieder ab.

«Die haben damals bei den Geschlechtsteilen Gottes geflucht, und das war noch harmlos.»

Ist Ihnen das zu lehrhaft?
Ziemlich. Vor allem ist alles, was in das Selbstbild der reformierten Kirche von ihrer eigenen Gründung vor 500 Jahren nicht hineinpasst, konsequent weggelassen. Da wird ein Geschichtsbild aus dem 19. Jahrhundert visualisiert, mit dem die Vergangenheit nachträglich in Ordnung gebracht werden soll. Es gibt im Film wunderbar recherchierte Details zu einzelnen Bildern, Einrichtungsgegenständen, Dekorationen. Und gleichzeitig lauter Auslassungen.

Zum Beispiel?
Ich habe über Korruption und Politik zur Zeit Zwinglis gearbeitet. Mir ist aufgefallen, dass der Film die drastische, derbe und obszöne Alltagssprache des 16. Jahrhunderts strikt zensuriert. Die haben damals bei den Geschlechtsteilen Gottes geflucht, und das war noch harmlos. Die politische Sprache in Zürich im Jahr 1519 war in einem Ausmass grob und sexualisiert, das können wir uns heute kaum noch vorstellen! Politische Gegner haben einander vorgeworfen, sich von ausländischen Geldgebern vögeln zu lassen – nichts davon im Film!

Und abgesehen von den Flüchen?
Jedes Mal, wenn die Bibel zitiert wird, wird Hochdeutsch gesprochen, sonst hört man im ganzen Film nur Fernseh-Schweizerdeutsch. Aber nie Italienisch oder Französisch, und das entspricht nicht der historischen Wirklichkeit. Die damalige Eidgenossenschaft war voll von italienischen und französischen Geschäftsleuten und Diplomaten. Die brachten das grosse Geld. Italien und Frankreich waren die Quellen von Vergnügen und Luxus, und in der Polemik von Zwingli spielt das eine sehr grosse Rolle: alles weggelassen. Da ist dieser Film ein Zürcher Heimatfilm und will es auch sein.


Video – «Zwingli» kommt ins Kino

Am vergangenen Dienstag hatte der Film Premiere im Zürcher Kino Corso. Video: SDA/Webvideo Tamedia


Sie haben Vorbehalte ­gegenüber der Sprachmelodie und der historisierenden ­Atmosphäre des Films. Ist er zu einfach?
Ja, weil er nicht zeigen kann oder will, wie fremd, schockierend und exotisch unsere Vergangenheit vor 500 Jahren gewesen ist. Wie extrem die sozialen Unterschiede waren, wie dreckig Zürich war – und wie farbig. Die Strassen und Hausfassaden voller Graffiti und Ladenschilder, viel bunter als die grau-weiss dekorierten Originalschauplätze, die der Film zeigt. Das ist wieder das Geschichtsbild des 19. Jahrhunderts von der tugendhaften einfachen Vergangenheit. Zürich am Beginn des 16. Jahrhunderts muss man sich wie Bern oder Basel sehr farbig vorstellen, voller Werbung für Geldwechsler und Waffenhändler, wie einen afghanischen Basar im Regen.

Farbiger auch als politische und religiöse Lebenswelt?
Auch das. Der Film zeigt ein düsteres, gräuliches Mittelalter mit viel Nebel, und dieser Nebel verhüllt, was nicht hineinpasst. Für mich zeigt das auch die Schwierigkeiten, die die Autoren mit dem Vergnügen des 16. Jahrhunderts hatten. Es sieht aus, als wäre Zürich immer schon reformiert gewesen. Kaum ist Zwingli da, 1519, bleibt auch kein bisschen Katholisches mehr. Und nach ihm kein Religionskonflikt mehr, wie der Abspann behauptet. Das ist historisch einfach falsch. Ich staune, dass ein so eindeutig moralisierendes Geschichtsbild im Jahr 2019 derart unironisch inszeniert wird.

Wie war es denn wirklich?
Die wirkliche Geschichte des Alltags in der Reformation und das Verhältnis der Eidgenossenschaft zum Söldnerwesen, dieser grossen Devisen- und Erwerbsquelle über 300 Jahre, waren viel interessanter und widersprüchlicher, als der Film sie zeigt. Das zentrale politische Problem dieser Jahre waren die Korruption und die Abhängigkeit der Schweiz von ausländischem Geld. Im Film spielt das eine viel kleinere Rolle als die katholischen Ablasshändler: In der Wirklichkeit war es aber genau umgekehrt. All das, was im 16. Jahrhundert mit Vergnügen und Luxus verbunden wurde, der schmutzig verdiente Reichtum, den Bürgermeister und die Soldunternehmer buchstäblich am Leib trugen, der kommt im Film nicht vor.

«Den Schmuck, die Brokate und Seiden, die Prostituierten, die Orangen, das Zuckerzeug, die Weine, die Luxuskunst – all das zeigt der Film nicht.»

In Zwinglis Texten schon?
Ja, der spricht vom Blut der eigenen Verwandten, das aus den feinen roten Mänteln quillt. Das Zitat bringt der Film, die Mäntel zeigt er nicht. Und auch nicht den glitzernden Schmuck, die venezianischen Brokate und Seiden, die Prostituierten, die Orangen, das Zuckerzeug, die italienischen Weine, die Luxuskunst. Als Historiker bedaure ich das. Denn die Eidgenossenschaft war damals ein Teil dessen, was wir Renaissance nennen – Zwingli war ein Zeitgenosse von Holbein, Raffael und Macchiavelli.

Sie geben «Zwingli» wenig Chancen, wissenschaftlich zu bestehen.
Er hätte mehr Chancen nützen können. Dann wäre er aber sicher nicht für Zwölfjährige, sondern erst ab 16 Jahren zugelassen.

Kann man von einem Film wirklich alles verlangen, was Ihnen fehlt?
Unser Job als Historiker ist es, etwas über die Wirklichkeit von früher herauszufinden. Filme dagegen haben ihre eigenen dramatischen Regeln, sie brauchen eine Liebesgeschichte und ein Drama von heroischer Bewährung. Aber diese Erzählmuster sind auch Zwang. «Zwingli» ist im Gegensatz zur geschichtlichen Wirklichkeit gezwungen, sich auf ein Set wiedererkennbarer Hauptpersonen an wiedererkennbaren Orten zu beschränken: Der Held, seine Geliebte, der beste Freund, der böse Feind und die unzuverlässigen Freunde, in diesem Fall sind das die Wiedertäufer. Das muss reichen, sonst überfordert man die Zuschauer.


Video – Der Trailer zu «Zwingli»

Die Verfilmung der Geschichte von Huldrych Zwingli mit Max Simonischek. Video: AscotElite


Jeder Film über Geschichte muss Wichtiges weglassen.
Oder auch verdichten, das ist die zweite Konvention: der Film als Zeitraffer. Es muss sehr viel passieren in einem engen Zeitfenster, damit wir als Zuschauer etwa die Liebesgeschichte im richtigen dramatischen Rahmen miterleben können. Aber in Bezug auf die Reformation, die von Zwinglis erster Predigt bis zu seinem Tod eben nicht zwei Stunden gedauert hat, sondern zwölf Jahre, kann ein Film eine solche Verdichtung vermutlich gar nicht organisieren. Als Historiker kann man eigentlich nur sagen: Schade, dass bestimmte Dinge, die fremd und interessant wären, nicht vorkommen.

Würden Sie «Zwingli» Ihren Studierenden als Einstieg in die Reformationsgeschichte trotzdem empfehlen?
Lieber nicht. Der Film lässt zum Beispiel Martin Luther nur als Randfigur auftauchen. Die Reformation war eine extrem breite europäische Bewegung, ein vielsprachiges Medienphänomen. Im Film erscheint sie als ausschliesslich zürcherische Angelegenheit. Ich glaube, das wissen die Macher auch, die haben ihre historischen Hausaufgaben schon brav gemacht. Aber sie wollten keinen historischen Film drehen. Sondern einen über die Vergangenheit, die die reformierte Kirche heute, im Jahr 2019, gerne gehabt hätte. Einen Jubiläumsfilm, der eine optimierte Gründungsgeschichte zur Verfügung stellt.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 21.01.2019, 06:43 Uhr

Valentin Groeber

Der Historiker Valentin Groeber, geboren 1962 in Wien, lehrt Allgemeine und Schweizer Geschichte des Mittelalters an der Universität Luzern. Er hat unter anderem geforscht über Schweizer Stadtkultur und Korruption im Spätmittelalter. (csr)

Buchtipp: Valentin Groebner und Michael Blatter: Wilhelm Tell, Import – Export. Ein Held unterwegs. Hier und jetzt, Baden 2016. 152 S., 29 Fr.

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