«Das ist kein Film für Donald Trump, eher einer gegen ihn»

Roland Emmerich besingt in «Midway» die Heldentaten der US-Militärflieger – und lässt Schiffe explodieren.

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Explosionen, Zerstörung. Es kracht wieder einmal gewaltig auf der Leinwand. Kein Wunder, Roland Emmerich, 63, ist am Werk. Der «Spielbergle aus Sinneringen», wie der in den USA arbeitende schwäbische Regisseur gerne genannt wird, inszeniert dieses Mal eine grosse Seeschlacht aus dem Zweiten Weltkrieg, nämlich diejenige um die Midway-Inseln im Pazifik, die – der Name sagt es – auf halbem Weg zwischen der Westküste der USA und Japan liegen. Im Juni 1942 lieferten sich die beiden Nationen dort ein Gefecht, das als entscheidend für den Ausgang des Krieges angesehen wird.

Was interessierte Sie an dieser Seeschlacht?
Nicht die Explosionen, wie mir gerne nachgesagt wird. Sondern die Menschen, die sich gegenüberstanden. Und die der Demokratie in einer fast ausweglosen Situation zum Sieg verhalfen.

Die Amerikaner waren eigentlich unterlegen?
Total. Sie hatten sich ein halbes Jahr vorher von den Japanern in Pearl Harbor übertölpeln lassen und verfügten über viel weniger Schiffe als der Gegner. Aber tapfere Männer haben sich trotzdem in die Flugzeuge gesetzt und versucht, zu gewinnen. Japan war ja ein faschistisches Land damals, es war also ein grosser Sieg der Demokratie. Das finde ich ein gutes Thema, gerade auch heute.

Angriff aus dem Flugzeug: Nick Jonas in «Midway».

Was meinen Sie genau?
Na ja, überall schwappt der neue Nationalismus über. Donald Trump sagt vor der UNO seelenruhig, Globalisierung sei schlecht, Nationalismus dagegen gut. Und meint damit natürlich «America first». Das ist doch Bullshit.

Aber gerade Trump könnte Ihre Schilderung der US-Heldentaten doch gefallen?
Nein, das ist kein Film für Trump, eher einer gegen ihn. Vergessen Sie nicht: Amerika war damals eine völlig geeinte Nation, die standen zusammen. Heute vertritt jeder nur seine Eigeninteressen und der Präsident ist daran schuld. Trump kann sich noch so gerne mit Franklin D. Roosevelt vergleichen, der das Land einte und durch den Zweiten Weltkrieg führte, aber er ist das Gegenteil von ihm. Ich hoffe, das Impeachment-Verfahren wird eingeleitet. Trump muss weg.

Sie wollten «Midway» allerdings lange vor seiner Amtszeit drehen?
Ja, ich habe es vor 20 Jahren schon einmal versucht. Aber die Produktionsgesellschaft Sony, die ja letztlich den Japanern gehört, war nicht bereit, so viel Geld in einen Film zu stecken, in dem Japan möglicherweise schlecht wegkommt. Dabei behandle ich die japanische Seite durchaus respektvoll, denke ich.

«Der grösste Held meines Films wird erst zu einem, als er zugibt, dass er Angst hat»

Eine Konkurrenz war auch Michael Bays «Pearl Harbor»-Film von 2001, oder?
Ja, der war ein Flop und hat mir bis heute das Leben schwer gemacht. Wir haben ja auch auf Pearl Harbor gedreht, die Bewilligung vom Department of Defense bekamen wir rasch. Aber wir mussten noch zum Befehlshaber des Militärstützpunktes gehen, und der sagte sofort: «Ach, dann wird es wie beim letzten Mal: Sie versprechen einen Kriegsfilm und drehen dann eine kitschige Liebesgeschichte.»

Apropos Liebesgeschichte: Auch im alten «Midway»-Film von 1976 gibt es eine.
Au ja, zwischen dem Sohn von Charlton Heston und einer Japanerin, die erst noch von einem Mädchen aus Hawaii gespielt wurde. Ganz schlimm.

Bei Ihnen kommen Frauen nur am Rande vor!
Das ist ja das Dilemma. Krieg war damals, noch mehr als heute, eine reine Männerangelegenheit. Deshalb erfindet man eben gerne solche Schnulzen. Ich wollte aber zeigen, was wirklich war. Wichtig waren zum Beispiel die Ehefrauen der Flieger.

Eine von ihnen sagt einmal einen Satz, den man zynisch finden könnte. Sie verabschiedet sich mit den Worten: «Wir sehen uns an der nächsten Beerdigung.»
Das ist total ernst gemeint. Die Navy war so etwas wie eine grosse Familie. Ist jemand gestorben, hat man einander geholfen. Es war mir wichtig, nichts aufzubauschen und nur die Wahrheit zu zeigen.

Unterwegs in die Schlacht: Flugzeuge in «Midway».

Die Wahrheit?
In meinem letzten Kriegsfilm «The Patriot» gab es Ungenauigkeiten. Der Film wird häufig an Schulen gezeigt, darum ist mir das peinlich. In «Midway» stimmt alles.

Auch die Szene, in der einer wie Baron Münchhausen auf einer Bombe reitet und so eine ­Explosion verhindert?
Das ist so geschehen. Er ist ein Held. Wie so viele in diesem Film.

Wann ist jemand ein Held?
Wenn er bereit ist, sich für das Leben anderer zu opfern. Das hat aber nichts mit Hurra-Patriotismus zu tun. Im Gegenteil, der grösste Held meines Films wird erst zu einem, als er zugibt, dass er Angst hat. Die flogen ja im Sturzflug auf die japanischen Schiffe zu, die Treffsicherheit war umso grösser, je später sie die Bombe losliessen. Ich fürchte mich selber immer noch, wenn ich das sehe.

Eine Hauptschwierigkeit war offenbar damals, den Gegner überhaupt zu finden.
Ja. Heute könnten die Amerikaner in Sekundenschnelle herausfinden, dass wir hier in Zürich im Hotel sitzen und ein Interview führen, sollte sie das interessieren. Und Krieg geht so: Irgendeiner sitzt in Arizona, startet mit einem Joystick eine Drohne auf einem Flugzeugträger und steuert sie dann nach Afghanistan. Absurd.

War es schwierig, den Film zu finanzieren?
Ach, das ist immer schwer, stundenlang wird über Geld geredet. Es gibt selten Momente wie bei «Independence Day», als ganz Hollywood den Film wollte. Dafür gab es damals andere Probleme. Die wollten um keinen Preis Will Smith in einer Hauptrolle haben.

Weil er Afroamerikaner ist?
Ja, die sagten, «unknown black person», das gehe nicht.

«Es würde bizarr aussehen, wenn Dunkelhäutige nur als Diener der Weissen auftreten»

In «Midway» kommen keine schwarzen Soldaten vor.
Weil es die nicht gab. Aber anders als bei «Independence Day» wollte man jetzt unbedingt solche Darsteller dabeihaben und sagte: «Wieso erfindest du keine dunkelhäutigen Kampfflieger?»

Es gab wirklich keine schwarzen Soldaten?
Nur in der Küche und im Service. Ich hatte die Statisten, schickte sie aber bei den Dreharbeiten alle raus. Heute würde es bizarr aussehen, wenn Dunkelhäutige nur als Diener der Weissen auftreten. Darum habe ich ganz darauf verzichtet. Und bekam Vorwürfe.

Welcher Art?
Man sagte mir, es gebe in «Midway» nicht genug ethnische Diversität für einen modernen Hollywoodfilm. Ich antwortete: «Hallo, ein Drittel der Besetzung ist japanisch. Worüber sprecht ihr überhaupt?» Dann war Ruhe.

«Midway»: Ab 7.11. im Kino



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Erstellt: 02.11.2019, 18:22 Uhr

Die Schlachten des Roland Emmerich

Gegen Ausserirdische: Wackere Erdenbürger vertreiben Invasoren aus dem All – «Independence Day» (1996) bleibt sein grösster Erfolg.

Gegen Besatzer: In seinem ersten Kriegsfilm erzählt Emmerich eine glorifizierende Geschichte aus dem Unabhängigkeitskrieg der USA: «The Patriot» (2000).

Gegen Klimakatastrophen: «The Day After Tomorrow» (2004) spielt in einer neuen Eiszeit. Von Menschen verursachte Umweltkata­strophen kommen in seinem Werk immer wieder vor, er versteht die Actionfilme auch als Mahnung.

Gegen das Weisse Haus: In ­«Independence Day» und in «2012» zerstört Emmerich den Regierungssitz des US-Präsidenten – was dann in «White House Down» (2013) zementiert wird.

Gegen Literaten: Er kann auch anders – in «Anonymous» (2011) präsentiert er eine Theorie zur Frage, wer der grosse Barde gewesen sein könnte. Und legte sich mit der Shakespeare-Forschung an. (Bild: Keystone )

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