Das It-Girl, das wir brauchen

Stefanie Sargnagel ist die lustigste Frau Österreichs. Böse Gedanken aus Wien – von einer Teilzeitsklavin im Callcenter.

Stefanie Sargnagel, Autorin von Büchern und Facebook-Posts.

Stefanie Sargnagel, Autorin von Büchern und Facebook-Posts.

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Es ist ein klarer Fall von midl (muss ich das lesen): Die Facebook-Posts einer 29-jährigen Wienerin, gesammelt in Buchform. Beinahe 300 Seiten mit Alltagsbeobachtungen und bösen Gedanken der Stefanie Sargnagel aus Wien, Kunststudentin und Teilzeitsklavin im Callcenter. Es trägt den Titel «Fitness», natürlich ist der nicht ganz ernst gemeint. Und ja, man muss es lesen, denn «Fitness» ist sehr lustig.

Mein Privatleben geht
alle was an. 
Aus «Fitness»

Denn hier ist das It-Girl, das wir brauchen. Es trägt eine rote Baskenmütze und liefert die Vulgärsoziologie der Unentschlossenen und kultiviert Gammelnden, die auf Instagram nicht besonders frisch aussehen und gegen Abend hin unversehens mit Nazis in der Schlagerbar schunkeln. Die Autorin heisst eigentlich Stefanie Sprengnagel, aber was ist das denn für ein Name, Sargnagel ist natürlich viel besser. Sie studiert an der Akademie der Bildenden Künste Wien, unterrichtet Comic an einer Schule in Linz und hört sich im Callcenter der Rufnummerauskunft Sätze wie «Auskunft schicken meine Telefon!» an.

Ihre «Callcenter-Monologe» sind bereits als Buch erschienen, ausserdem schreibt Stefanie Sargnagel über FPÖ-Veranstaltungen und den Opernball, als infiltrierte Agentin der abgewetzten Boheme und als Verfechterin des gepflegten Komatrinkens. Sie lebt also in der einigermassen behüteten Subkultur von Verweigerung und Selbstentblössung, schreibt Bücher, ist aber keine Schriftstellerin, geht auf Reportage, ist aber keine Journalistin, zeichnet lustige Witze, kriegt dafür aber kaum Geld. Kurz, sie wird bald 30.

Red Bull, eine österreichische Tradition. Bild: stefaniesargnagel.tumblr.com

Der Krieg gegen die Jugend, die ihr auf der Rolltreppe das Handy aus der Tasche ziehen will, hat demnach bereits begonnen. Und die Erkenntnis, dass das eigene Leben gar nicht endlos ist, macht die Sache auch nicht weniger betrüblich. Aber dafür kriegt Stefanie Sargnagel allmählich Unterstützung von den Institutionen und verwandelt sich langsam in ein «österreichisches Kulturarschloch», von wo aus sie dann untergehen kann in der Masse der Kulturarschlöcher. Ziel bald erreicht!

Ich glaube, ich weiss jetzt, wie das mit dem Normalsein geht. Man macht einfach den ganzen Tag ganz viel von früh bis spät, bis man am Abend müde zusammenbricht. Man sitzt nicht den ganzen Tag im Kaffeehaus und grübelt herum, bis das Beisl aufsperrt. Aus «Fitness»

Noch aber schreibt sie auf Facebook über die Lehrjahre des Herzens und des Völlegefühls, über das beruhigende Gefühl beim Anblick von Mehlspeisen und Abstürze in Wohnungen von Freunden, in denen am nächsten Morgen deren Kinder stehen, über die Karrieristen im Kunstbetrieb und jene Menschen, die glauben, ohne Jack-Wolfskin-Outfit würden sie von der «Welt ausserhalb ihrer Büros sofort dahingerafft werden». Auch einen Witzmann gibt es, eine Art Freund, der Eis und Formel 1 liebt und im Urlaub am liebsten fernschaut.

Wenn man dreissig wird, will man plötzlich Sachen wie einen Baum sehen durchs Schlafzimmerfenster.Aus «Fitness»

Die Stimme einer Generation ist das jetzt nicht unbedingt, die Lena Dunham aus Österreich auch nicht gerade. Vielleicht eher so der weibliche Thomas Kapielski? Sargnagels Facebook-Feed gibt einen ungeschminkten Einblick in den Wiener «Fäkalrealismus» und den «romantischen Hang zur unverblümten menschlichen Obszönität», wie sie ihn an sich und der Stadt so schätzt. Man kann darin die politische Praxis eines gemütlich versoffenen Widerstands gegen Deadline und Lebenslauf sehen, muss aber nicht. Man kann es als unkorrigierten Wahrnehmungsstrom zwischen «Ich weiss auch nicht» und «Ich möchte lieber nicht» nehmen, aber auch das ist nicht nötig.

Tücken des Alltags. Bild: stefaniesargnagel.tumblr.com

Sicher schaut Stefanie Sargnagel mit eingeübt naivem Blick auf die Welt. Er geht an die Dinge heran, um sich ein Bild zu machen, und findet das Glück bei zwei Rentnern, die zusammen Katzenfutter kaufen. Obs jetzt noch Gags sind oder schon Literatur ist, kommt da nicht sehr drauf an. Vielleicht hätte man es noch durchlesen können? Es hat noch ein paar Fehler. Aber es ist wohl Stilmittel einer unvermittelten Alltagssprache, die immer wieder gestanzte Aphorismen wie diesen hervorbringt: «Ich möchte eine Familie gründen, in der ich das Kind bin.»

Ich glaub, ich lass mich jetzt vom nächsten notgeilen Alki schwängern und werde die sickste Mami-Bloggerin ever. Aus «Fitness»

Vielleicht ists ja doch die Sehnsucht einer Generation, die vieles aufschiebt oder abbricht. Das mit der Fitness zum Beispiel ist ja gar keine so schlechte Idee. Andererseits, kommt man dann noch zum Biertrinken?

Erstellt: 06.11.2015, 12:09 Uhr

Stefanie Sargnagel: Fitness. Redelsteiner Dahimène Edition, Wien 2015. 292 S., ca. 24 Fr.

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