Das Kräftemessen von Solothurn

Die Solothurner Filmtage haben das jüngste Werk eines etablierten Regisseurs abgelehnt. Das zog Proteste nach sich. Die Frage ist: Wollen die Filmtage ein Festival oder eine Werkschau sein?

Beansprucht «keinen Artenschutz für uns Alten in Solothurn»: Regisseur Christian Labhart. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Beansprucht «keinen Artenschutz für uns Alten in Solothurn»: Regisseur Christian Labhart. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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183 Filme. So viele Werke laufen an den diesjährigen Solothurner Filmtagen. Kurze und lange Filme. Eine achtköpfige Kommission hat diese Selektion aus 646 Einreichungen getroffen. Einer, der nicht berücksichtigt wurde, ist der Zürcher Regisseur Christian Labhart mit seinem Essayfilm «Passion» – zugleich die letzte Arbeit des kürzlich verstorbenen Kameramanns Pio Corradi. Viele von Labharts Filmen liefen in Solothurn, zuletzt «Giovanni Segantini – Magie des Lichts», den in den Schweizer Kinos 72'000 Zuschauer gesehen haben: eine stolze Zahl für einen Dokumentarfilm.

Dass Zurückgewiesene ihren Unmut bekunden, kann man verstehen. Neu ist wie im Fall «Passion», dass deswegen eine Petition eingereicht wird. In einer Empfehlung an die Auswahlkommission, die Labharts Regiekollege Samir verfasst hat, heisst es: «Die ursprüngliche Idee der Filmtage war die einer Werkschau des schweizerischen Filmschaffens. Das ermöglichte es, dass unsere Kolleginnen und Kollegen uns einen Spiegel vorhalten und uns kritisieren konnten. In diesem Sinne bitten wir die Auswahlkommission zur nochmaligen Prüfung ihres Entscheides.» Die Petition wurde von dreissig Schweizer Regisseuren unterzeichnet.

«Sind die Filmtage Mainstream geworden?»

Anruf bei Seraina Rohrer. Die Direktorin der Solothurner Filmtage sagt: «Früher war es Standard, dass man nach einem zweiten oder dritten Werk bei den Filmtagen fast automatisch ein Ticket für eine Aufführung des jüngsten Werks bekam. Die Kontinuität des Schaffens stand im Vordergrund.» Angesichts der heutigen Flut von Filmen sei dies aber nicht mehr möglich. «Wir sind zur Selektion gezwungen. Wenn Solothurn weiterhin auf Kontinuität setzen würde, gäbe es keinen Platz für jüngere und weibliche Filmschaffende.»

Doch Christian Labhart beansprucht «keinen Artenschutz für uns Alten in Solothurn.» Der ­Regisseur sagt aber auch, dass ihn die Ablehnung getroffen habe. «‹Passion› erzählt meine Geschichte, die 1968 beginnt und in der Gegenwart endet. Dabei geht es um die zentralen Fragen: Was ist von unseren Utopien geblieben? Und wie sieht mein linker, antikapitalistischer Blick die Welt von heute?» Nach der Ablehnung habe er sich gefragt: «Sind die Filmtage zum glatten Mainstream geworden?»

Das wäre eine ziemliche Ironie der Geschichte, denn gegründet wurden die Solothurner Film­tage 1966 als kritische Reaktion aufs Establishment, hier wurde der rebellische «neue Schweizer Film» aus der Taufe gehoben. 1980 gab es erstmals eine Auswahlkommission, und schon damals kam es zu Protesten: Die abgelehnten Filmschaffenden organisierten einen «Salon des refusés». 1987 übernahm Ivo Kummer, der heutige Filmchef des Bundesamts für Kultur, die Leitung der Filmtage. Unter ihm glätteten sich die Wogen; aus dem Anlass wurde eine Werkschau, in der etwa 80 Prozent der eingereichten Filme zur Aufführung kamen.

«Man könnte durchaus von einer Art Kulturkampf um die Identität der Filmtage sprechen.»Seraina Rohrer
Direktorin der Solothurner Filmtage

Seraina Rohrer, seit 2011 Direktorin der Filmtage, hat andere Prioritäten gesetzt: «Die Filmtage sollen die Vielfalt des Schweizer Schaffens zeigen, das gilt für Genres, Generationen, Landesregionen und Geschlechter. All diese Kategorien bergen ein gewisses Konfliktpotenzial.» Als Grund dafür führt Rohrer an: «Heute kommen nur noch rund 50 Prozent der Langfilme ins Programm. Das passt nicht allen. Absagen führen teilweise zu sehr heftigen Reaktionen, gerade bei älteren Semestern. Man könnte durchaus von einer Art Kulturkampf um die Identität der Filmtage sprechen.»

Samir versteht Solothurn als Werkschau

Anruf bei Samir. Ja, er habe den Petitionstext zuhanden der Filmtage-Kommission verfasst, und nein, es gehe ihm dabei nicht um das Werk von Christian Labhart. «Wenn ich selber einen Film gemacht habe, dann möchte ich gerne Feedback bekommen, und zwar auch dann, wenn ich ein schlechtes Werk gemacht habe.» Samir will Solothurn immer noch als Werkschau verstanden wissen. Bezüglich der Flut an Filmen, die dann gezeigt werden müssten, sagt er: «Das ist eine Ausrede der Filmtage, das kann nicht das Problem der Filmschaffenden sein. Seraina Rohrer muss eben Gefässe und Formate finden, um mehr Filme zeigen zu können.»

Dass in Solothurn unter Seraina Rohrer strenger ausgewählt wird, stösst allerdings nicht nur der ­älteren Generation auf. Auch ­junge Filmschaffende wie Cyril Schäublin («Dene wos guet geit») oder Anja Kofmel («Chris the Swiss») haben die Petition unterzeichnet. Ohne Erfolg. Die Filmtage haben das Wiedererwägungs­gesuch abgelehnt.

Die Direktorin hat jedoch den Gesprächsbedarf erkannt und will mit der Branche über die Ausrichtung der Solothurner Filmtage diskutieren. Die Themen: Braucht es mehr Filme? Braucht es weniger Wettbewerb? Und braucht es Programmplatzgarantien für etablierte Filmschaffende? Dass es zu heissen Diskussionen in Solothurn kommen wird, scheint absehbar. Der Kulturkampf ist lanciert, und das ist durchaus positiv zu werten für die Filmtage. Denn wann wurde dort zuletzt über Grundsatzfragen diskutiert?

Solothurner Filmtage: 24. – 31.1. Podiumsdiskussion: 26.1., 15.30 Uhr, Kino im Uferbau.

Erstellt: 07.01.2019, 19:06 Uhr

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