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Das Lächeln des Heath Ledger

Warum starb Schauspieler Heath Ledger mit nur 28 Jahren? Eine Dokumentation findet statt Antworten nur eine grosse Leere – und ist gerade deshalb sehenswert.

Heath Ledger dreht sich um sich selbst, eine Handkamera auf das eigene Gesicht gerichtet. Ganz enge, schnelle Kreise, bei denen einem schon als Zuschauer schwindelig wird. Das Ganze ist eine Montage verschiedener selbstgedrehter Filmchen: Hintergründe und Frisuren des australischen Schauspielers wechseln, nur das Lächeln ist immer das Gleiche. Es war auch dieses Lächeln, das ihn Ende der Neunzigerjahre zum Teeniestar machte: frech und schüchtern, lebensbejahend und melancholisch zugleich. Zu den Underdog-Helden, die er in Kino-Hits wie «10 Dinge, die ich an dir hasse» oder «Ritter aus Leidenschaft» gab, passte das. Der lächelnde Heath Ledger, der sich um sich selbst dreht - es ist der letzte Eindruck, den der Zuschauer aus der Dokumentation «I Am Heath Ledger» mitnimmt.

Der Film hatte jüngst auf dem Tribeca Filmfestival in New York Weltpremiere. Die Symbolik der Schlussszene ist bestechend, das dürfte den Regisseuren Adrian Buitenhuis und Derik Murray bewusst sein. Sie gibt all den Spekulationen und Gerüchten ein Bild, die sich um den frühen Tod von Heath Ledger 2008 ranken. Waren es am Ende zu viele Umdrehungen im Leben des Schauspielers, der mit nur 28 Jahren in seiner Wohnung in New York an einem Medikamentencocktail starb? Wusste Ledger irgendwann nicht mehr zu unterscheiden zwischen Rolle und Realität? Hat er sich selbst verloren?

Das ist zumindest bis heute eine populäre Deutung der Boulevardpresse. Denn in «The Dark Knight», einem seiner letzten Filme, gab Ledger den Gegenspieler von Batman: die Clownsfratze Joker. Vor ihm galt Jack Nicholson als Mass aller Dinge in dieser Rolle - am Ende spielte Ledger nicht gegen ihn an, er spielte den grossen, amerikanischen Schauspieler aus. Ledger wurde zum Joker, zum Irren, der sich schlangengleich ständig über die Lippen leckt. Für seine Darstellung bekam er posthum den Oscar als bester Nebendarsteller verliehen. In der Doku ist zu sehen, wie seine Eltern und seine Schwester auf der Bühne im Dolby Theater in Los Angeles stehen und die Trophäe in Empfang nehmen. Es ist einer der Momente, die man kaum ertragen kann: Wie diese Menschen ihres Sohnes und Bruders gedenken, tief von der Trauer gezeichnet, die Worte hölzern von Notizzetteln ablesend.

Der Trailer zu «The Dark Knight».

Ledger erzählte, dass er nicht mehr viel Zeit habe

Im echten Leben ist der Tod sehr viel weniger glamourös und mystisch als oft auf der Leinwand - er tut einfach nur weh. «This is fucked up», sagt der amerikanische Musiker Ben Harper zu Beginn der Dokumentation. «Heath was the most alive human being.» Er meint damit: Dieser Film darf eigentlich nicht sein. Denn die vermeintliche Symbolhaftigkeit, die scheinbare Unausweichlichkeit von Ledgers Sterben sind mediale Kunstgriffe, nicht zuletzt die Doku-Macher spielen damit. In einer Einstellung erzählt ein Freund Ledgers, dass dieser sein enormes Arbeitspensum damit begründet habe, dass er nicht lange da sein werde und noch so viele Dinge zu erledigen habe. Phasenweise scheinen die fast schon hektischen Schnitte diese Getriebenheit des Porträtierten widerspiegeln zu wollen.

Und ja, das Leben von Heathcliff Andrew Ledger war gemessen an der Geschwindigkeit eines Durchschnittlebens ein schnelles. Geboren 1979 im australischen Perth. Schule verlassen mit 17. Erste Fernsehauftritte in Australien als Jugendlicher, der erste Hollywood-Blockbuster mit gerade einmal 20, und nur sechs Jahre später jener Film, der Ledger auch in den Augen des letzten Filmkritikers vom Romcom-Schönling zum ernsthaften Charakterdarsteller macht: «Brokeback Mountain» an der Seite von Jake Gyllenhaal, ein Drama über zwei schwule Cowboys. Während der Dreharbeiten verliebt sich Ledger in seine Kollegin Michelle Williams, bei Promo-Terminen für «Brokeback Mountain» läuft Williams bereits mit Babybauch über den roten Teppich.

In der nachträglichen Deutung der Klatschpresse wird aus der Liebe der beiden Schauspieler eine tragische Erzählung vom Suchen, Finden und wieder Verlieren. Als Ledger im Januar 2008 in seiner New Yorker Wohnung zu Tode kommt, lebt er wieder allein, getrennt von der Mutter seiner damals zweijährigen Tochter Matilda. Der Mann, der alles hatte und alles verlor - erklärt das das Sterben von Heath Ledger?

Heath Ledger liebte zu viele Dinge am Leben

Michelle Williams hat an der Dokumentation nicht mitgewirkt, ihr fällt es bis heute schwer, über den Tod ihres früheren Lebensgefährten zu sprechen. Vielleicht widerstrebt ihr auch die Legendenbildung, die besonders exzessiv betrieben wird, wenn ein Prominenter jung und unerklärlich stirbt. Ob sie einen Sinn in Ledgers Tod sehe, wurde sie einmal in einem Interview gefragt. Williams sagte ganz einfach: nein.

Auch Familie und Freunde des Schauspielers bemühen sich, dem Bild entgegenzuwirken, Ledger sei ein labiler junger Mann gewesen, der wahlweise am Ruhm, seiner letzten Rolle oder Liebeskummer (oder einer Mischung dieser Dinge) zerbrach. Natürlich gab es auch Probleme, Selbstzweifel, Rastlosigkeit, Schlaflosigkeit - aber sie waren nicht grösser als die Probleme anderer junger Männer. Das ist ihre Botschaft.

Ledgers langjähriger Dialekt-Coach, der ihn auch bei den Dreharbeiten zu «The Dark Knight» begleitete, sagt über diese Zeit: «We had more fun than was respectable.» Der Autodidakt Ledger, der, so erzählt es sein Agent, bei wirklich jedem Film zwischendurch ans Aussteigen gedacht habe, wusste, wie gut sein Joker war. Er wollte Hollywood einen Schurken geben, der böser, wahnsinniger, genialer sein würde als alles bisher Dagewesene. Ihr Bruder habe auf einen Oscar spekuliert, erzählt eine Schwester des Schauspielers. Und ohnehin: Heath Ledger hatte zu viele Dinge, die er liebte am Leben, an seinem Leben, als dass er es freiwillig vorzeitig beendet hätte.

Wer ihm nahestand, versucht nicht, seinen Tod zu erklären

Da waren seine Tochter, seine Freunde aus Kindertagen (die er schon mal mitnahm auf eine Geburtstagsparty von Naomi Campbell), seine eigene Produktionsfirma in New York, seine Liebe zur Musik. Sein Sohn habe ausserdem hervorragend Schach gespielt, erzählt Ledgers Vater. Er sei nur noch wenige Schritte vom Rang eines Grossmeisters entfernt gewesen. Aus dieser Äusserung könnte der Wunsch eines Vaters sprechen, den eigenen Sohn als selbstbestimmten Macher in Erinnerung zu halten. Ungeachtet dessen, ob es tatsächlich so ist.

Andererseits versuchen jene Menschen, die Ledger nahestanden, gerade nicht, seinen Tod zu erklären. Sie sprechen von einem schrecklichen, sinnlosen Unfall. Ein fuck-up des Schicksals eben.

Das ist die grösste Stärke dieser Dokumentation: dass sie am Ende keine Antwort darauf gibt, warum Heath Ledger starb. Dass sie die Leere erträgt. So erscheint am Ende ein Zitat von «Brokeback-Mountain»-Regisseur Ang Lee so schlüssig wie jede andere Erklärung zum Tod von Heath Ledger: «Selbst Gott beneidete ihn um sein Talent.»

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